Die Stimmen der Verirrten im Nebel

Jan Fischer am 22.09.2014
© Karl Bernd Karwasz
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In Hannover inszeniert Thom Luz Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln. 50 Inseln auf denen ich nie war und niemals sein werde“ als Stück, in dem die Zuschauer selbst zu Gestrandeten werden.

Aus dem Nebel tauchen sie auf, die ersten leisen Geigenklänge, da kommen sie, von oben, die Treppe runter: die Verirrten, die Verlorenen, die Gestrandeten. Sie sind bleich, sie haben Augenringe und wenn sie lächeln, sieht man ihre schlechten Zähne. Und dann gehen sie wieder.

Die Galerie, ein untergegangener Hochseedampfer

Man muss zuerst zwei Dinge wissen. Zum einem etwas über das Buch. Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln. 50 Inseln auf denen ich nie war und niemals sein werde“ ist ein eigenartiges Werk, eines, in dem die Autorin Karten abgelegener Inseln gesammelt und die merkwürdigen Geschichten hierzu recherchiert hat: keine Geschichten von Entdeckern, eher Geschichten von Gescheiterten, Leuten, die gestrandet und verhungert sind, die wirre Träume von Piratenschätzen träumten und das eine oder andere Eiland vergeblich danach umgruben. „Das Scheitern der anderen ist immer lehrreich”, meinte die Autorin einmal in einem Interview.

Das andere ist der der Raum. Die Cumberlandsche Galerie, einst Heimatmuseum, heute Spielstätte, hinten über den Hof des Schauspiel Hannover. Thom Luz hat für seinen „Atlas der abgelegenen“ Inseln das Treppenhaus belagert, vollgenebelt und ein paar Musikinstrumente hineingestellt. Der Rest des Gebäudes sieht immer so aus: gusseiserne Säulen mit verzierten Kapitellen, ein weites Treppenhaus mit leicht kirchenartigen Erkern, floral gefliester Boden, alles leicht ranzig, benutzt, fast wie ein untergegangener Passagierdampfer.

Fetzen, die aus dem Nebel kommen

Was passiert? Das lässt sich schwer sagen. Thom Luz, der 2014 von dem Magazin Theater heute als Nachwuchsregisseur des Jahres ausgezeichnet wurde und dessen „Archiv des Unvollständigen“ einhellig gefeiert wurde, lässt das Stück auf den drei Stockwerken der Galerie spielen. Vier Schauspieler und vier Musiker, alle bleich geschminkt, bewegen sich eigenartig eckig die Treppen hoch und runter, sehen aus, als seien sie schon längst nicht mehr am Leben und erzählen einen Verschnitt der Geschichten der Gestrandeten und Gescheiterten, während die Zuschauer an ihrem Platz bleiben. Hin und wieder dringen Fetzen der Monologe aus den anderen Stockwerken durch den Nebel, einzelne Geigen-, Pauken- oder Posaunentöne. Hin und wieder wieder kommt der eine oder andere Musiker vorbei, hin und wieder der eine oder andere Schauspieler, und ein kleines Stück der Geschichten wird sichtbar.

Vielleicht ist es woanders interessanter

Die Geschichten selbst hängen nicht zusammen, so dass man zwar nichts verpasst, sich aber immer fragt, ob es jetzt im Stockwerk drüber oder drunter vielleicht interessanter ist, da, wo sie gerade singen, wo gerade jemand Klavier spielt oder schreit, während vor einem gerade nur ein Block Eis langsam schmilzt und jeder Tropfen einen dunklen Ton auf der Pauke macht. Immer wieder baut Luz solche Bilder, sichtbare wie den Eisblock, hörbare wie ein Klavierstück, das sich in Dissonanzen auflöst, angespielte Geigenstücke, die woanders weitergehen, halb wahrgenommene Geschichten, die irgendwo anders anfangen und wiederum woanders enden: Alles scheitert, alles geht zu Grunde, und der große Zusammenhang bleibt im Dunkeln.

„Ich komme gleich wieder“

So wird der Zuschauer selbst zum Gestrandeten in Luz' Hybrid aus Schauspiel und akustischer Installation, zu einem, der im Nebel darauf wartet, dass etwas passiert, im Grunde immer am falschen Ort ohne Möglichkeit, den richtigen zu kennen, immer in dieser Atmosphäre aus Unsicherheit, Nebel und Klangfetzen, den Geschichtenkrümeln der bleichen, scheiternden Stimmen im Nebel ausgeliefert, dem ständigen „Ich komme gleich wieder“, mit dem die Schauspieler den Zuschauer ansprechen, man muss fast sagen: versuchen, zu befrieden. Alles in allem ist Luz „Atlas der abgelegenen Inseln“ eine frustrierende, fast deprimierende Angelegenheit. Als solche aber stimmig durchkomponiert, choreographiert, collagiert, so dass all dieses Verirren, Sterben, Zerbrechen, Kaputtgehen, Schmelzen und Unvollständigsein eines ganz bestimmt nicht ist: Scheitern.

 

Weitere Informationen

Der Atlas der abgelegenen Inseln, von Judith Schalansky

Regie: Thom Luz; Bühne: Demian Wohler; Kostüme: Tina Bleuler;  Dramaturgie: Judith Gerstenberg; Musikalische Leitung: Matthias Weibel

Mit: Beatrice Frey, Oscar Olivo, Sophie Krauß, Günther Harder

Musiker: Maria Pache, Karoline Steidl, Iris Maron, Mikael Rudolfsson

80 Minuten, keine Pause

Schauspiel Hannover

 


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