Mahler im Geiste Beethovens

Sebastian Urmoneit am 11.09.2014
Gewandhausorchester Leipzig, Dirigent Alan Gilbert, Solistin Gerhild Romberger - Foto: Christian Fanghänel
Gewandhausorchester Leipzig, Dirigent Alan Gilbert, Solistin Gerhild Romberger - Foto: Christian Fanghänel

Ist Mahlers Symphonik modern oder doch traditionell? Diese Frage stellte vorgestern eine denkwürdige Aufführung der Symphonie Nr. 3 d-Moll in der Berliner Philharmonie. Alan Gilbert gab mit dem Gewandhausorchester Leipzig eine Antwort.

Der Komponist hat über seine längste Symphonie viel gesagt und geschrieben und manches wieder zurückgenommen. Doch dass die Symphonie eine „alle Stufen der Entwicklung in schrittweiser Steigerung umfassende musicalische Dichtung“ bildet, die bei der „leblosen Natur“ beginnt und sich bis „zur Liebe Gottes“ steigert, ist der Leitgedanke sowohl für die Musiker als auch für die Hörer. 

Eine Welt aufbauen

Der erste Satz ist in seiner Exposition zumeist noch ungestalteter Rohstoff und Vorbereitung dessen, was im Finale dann zu einer satztechnisch wohlgeordneten und betont euphonischen Hymne veredelt wird. Mahler, der ein Leben lang über die Gestaltung des Finales einer Symphonie reflektierte, hat die dritte Symphonie als erster Komponist mit einer Adagio-Apotheose (Langsam. Ruhevoll. Empfunden) schließen lassen.

Im Zusammenhang mit seiner dritten Symphonie äußerte Mahler den berühmt gewordenen, hundertfach zitierten Satz, dass ihm eine Symphonie zu komponieren bedeutete, mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufzubauen. Und in seiner dritten Symphonie spiegelt sich – vielleicht noch mehr als in seiner zweiten – „die ganze Welt“. Doch ein Dirigent tut gut daran, sich bewusst zumachen, dass Mahler – entgegen seiner eigenen Worte – kein „Instrument“ war, „auf dem das Universum spielt“, sondern ein großer Komponist, der in der Lage war, Beethovens Erbe der Monumentalsymphonie anzutreten und die von Wagner totgesagte Gattung der Symphonie weiterleben zu lassen. Seine dritte Symphonie beginnt wie Beethovens Neunte in d-Moll und lichtet sich im Finale nach D-Dur. Das Eröffnungsthema erinnert aus der Ferne an das „Freude“-Thema der Neunten, und es scheint, als habe Mahler im Finale einen Chorsatz, allerdings einen ohne Worte komponiert.

In dem riesigen Eröffnungssatz exponiert Mahler etliche auf die übrigen Sätze vorausweisende Motive, aber auch zwei Themen, die an den alten Gegensatz von Haupt- und Seitenthema erinnern: das einem Regimentsmarsch abgehörte erste und das ein Wanderlied alludierende zweite. Im Laufe des Satzes lässt er sie beide mehrfach ihre Charaktere tauschen, und das erste liedhaft und das zweite heroisch hervortreten. Das kann programmatisch inspiriert sein, muss es aber nicht. Für den Dirigenten ist vor allem wichtig, dass er dies zu gestalten und nachzuformen versteht, um die Zusammenhänge deutlich hörbar werden zu lassen. Alan Gilbert hat sich dafür entschieden, im Kopfsatz Mahlers große Kunst der Themenmetamorphose herauszuarbeiten, statt ihn als Trümmerfeld der Kompositionsgeschichte vorzustellen. Und das phänomenal aufgelegte Orchester folgte ihm bis ins Detail. 

Als besonders heikel gilt die dritte Symphonie vor allem wegen ihres dritten Satzes – und dies auf Grund der Posthorn-Episode, die im zweiten Trio dieses Scherzos erklingt. Was haben sich die Gemüter darüber erhitzt, ob hier eine unberührte Schönheit „wie aus weiter Ferne“ erklingt – der Hornist spielt hinter der Bühne –, an die Mahler doch selbst nicht glauben konnte. Oder hat der Komponist hier den Hörer mit reinstem Kitsch provozieren wollen? Glanz und Elend der Mahler-Rezeption, die gern schon interpretiert, bevor sie zugehört hat, lässt sich an den Beurteilungen dieser Stelle aufzeigen. Darum darf man Alan Gilbert und dem famos spielenden Posthorn-Spieler dankbar dafür sein, dass sie diese Passage weder als „skandalös gewagt“ vortrugen, wie Adorno sie (miss)verstanden hat, noch als ironisch verzerrte „untere“ Musik, die in die „obere“ hineinklingt. Vielmehr hatten sie den Mut dazu, diese Passage als das Naturidyll im Zentrum des Werkes vorzutragen, als die Mahler sie offenbar verstanden wissen wollte, wenn er sagte, sie sei durch Nikolaus Lenaus Gedicht „Der Postillon“ („Lieblich war die Maiennacht / Silberwölklein flogen [...]“) inspiriert. 

Feierliche Adagio-Apotheose 

Von diesem Satz aus gelangt die Symphonie über die beiden Vokalsätze, die Vertonung des Gedichts „Oh Mensch! Gib acht!“ aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ (gesungen von der Altistin Gerhild Romberger) und den Chorsatz mit Alt-Solo auf den Text „Es sungen drei Engel ein’n süßen Gesang“ aus „Des Knaben Wunderhorn“, zu dem Finale. Hier klingt die Vision einer durch Liebe versöhnten Welt nicht mehr aus der Ferne, sondern kommt als reale Utopie zu Gehör. In seiner Dritten ist Mahler nicht der zerrissene Skeptiker, zu dem ihn die Nachwelt so gerne vereinseitigt, sondern ein Visionär, der an die große Verheißung glaubt. 

Alan Gilberts Darbietung geht davon aus und wird so dem großen Symphoniker gerecht. Mahler ist nicht nur ein Zeitgenosse der Zukunft, der im Vorfeld der Grauen des 20. Jahrhunderts komponierte; zumindest in seiner dritten Symphonie ist er ein Komponist, der am Ende des 19. Jahrhunderts wie Brahms, den er hochschätzte und während der Arbeit an der dritten Symphonie häufig besuchte, das Erbe Beethovens angetreten ist.

 

Weitere Informationen

Zum zehnten Male veranstalten die Berliner Festspiele in Zusammenarbeit mit der Stiftung Berliner Philharmoniker das Musikfest Berlin. Vom 2. bis zum 22. September 2014 werden in der Philharmonie und im Kammermusiksaal in 31 Konzerten über 75 Werke von 24 Komponisten aufgeführt. 25 Orchester sind eingeladen. Darüber hinaus gastieren Instrumental- und Vokalensembles, sowie namhafte Solisten.

Alan Gilbert

Gewandhausorchester Leipzig

 

 

 

 


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