„Als würde man in ein fremdes Land reisen“

Bille und Stefan Behr © Theater Anu. Foto: Felix Rachor

Als „eigene Kinder“ bezeichnet Bille Behr die Figuren des „Theater Anu“. Stefan, ihr Ehemann und Gründungsmitglied, nennt das Publikum „Besucher“; die Bühne bezeichnen beide als „poetische Welt“. Stets suchen Bille und Stefan Behr das Besondere, bespielen Tunnel, Fabrikhallen oder nutzen die freie Natur. Mit welchen Elementen sie Jahr für Jahr zehntausende von Besuchern berühren, verraten Bille und Stefan Behr im Gespräch mit globe-M.

globe-M: Das Theater Anu erforscht seit über zehn Jahren Theater im öffentlichen Raum. Was bedeutet das?

Bille Behr: Uns gibt es seit 1998, seit 2005 arbeiten wir mit großen, sehr atmosphärischen Theaterinstallationen. Wir erschaffen „poetische Welten“. Atmosphärische Felder, in welche die Besucher eintauchen können und eine sehr nahe individuelle Theatererfahrung im so genannten „Theater der Begegnungen“ haben können. Wir führen keine drei Akte in drei Stunden auf, sondern spielen in dieser Zeit ganz verschiedene kleine Szenen immer wieder im Loop.

globe-M: An welchen Orten finden die Begegnungen statt?

Bille Behr:
Uns interessiert alles, nur nicht die Guckkastenbühne. Wir gehen in Industriehallen oder Tunnel, aber meistens spielen wir draußen in Parkanlagen oder Wäldern. Wir suchen die besondere Bühne, wie eben ein riesiger Lichterirrgarten bei der „Großen Reise“. Es ist ein Lichtergarten, in den man eintauchen kann, der jedes Mal ganz individuell gestaltet wird und sich dem jeweiligen Ort anpasst. Das bedeutet: Die Produktionen sind immer anders, je nachdem, wo wir aufbauen. 

globe-M: Gibt es bestimmte Rituale wie Sie Ihre Spielorte wahrnehmen?

Bille Behr:
Jeder der Schauspieler hat seine Rituale wie er in die Rolle schlüpft und mit seiner Figur den Spielort begeht. Einige erarbeiten wir zusammen in der Probe, andere sind individuell. In meiner Rolle bei der „Großen Reise“ ist mir der Kontakt mit den Händen und zu meinem Spielort sehr wichtig. Profan gesagt: Hände reiben und berühren.

globe-M: Welche Elemente verwenden Sie um Ihre Geschichten zu erzählen?

Stefan Behr: Zum einen diese leise Form des Erzählens. Es geht immer um die direkte Begegnung, eine Form, die dem klassischen Theater fremd ist. Steht man auf einer normalen Bühne sieht man das Publikum gar nicht. Wir nennen den Zuschauer „Besucher“, weil er bei uns eine andere Aufgabe hat: Er bestimmt für sich, wie er in die Installation geht, was er dort erleben möchte. Gerade bei der „Großen Reise“ ist es fast so, als würde man in ein fremdes Land reisen. Man kann nur zuschauen oder sich auch mit den Menschen „verbinden“ und mit ihnen ins Spiel geraten. So erlebt man Unterschiedliches, je nachdem wie offen man ist.

Bille Behr: Die Produktionen sind unterschiedlich. „Ovids Traum“ ist sehr choreografisch, der Körper steht hier sehr im Vordergrund. In der „Großen Reise“ gibt es neben klassischem Schauspiel auch die ständige Wiederholung. Es hat etwas Meditatives. Es gibt manche Besucher, die machen sich auf die Reise, alles zu erleben und zu entschlüsseln. Andere bleiben manchmal zweieinhalb Stunden bei einer Figur und schauen sie sich immer wieder im Repeat an. Das ist schon verrückt.

Stefan Behr: Wir arbeiten viel mit Phänomenologie. Es gibt stets ein Element, das von sich aus eine Faszination ausübt. Bei der „Großen Reise“ ist es zum Beispiel der Lichtergarten. Bei anderen Inszenierungen sind es Beleuchtungstechniken oder Schattentheater, das wir einsetzen. Es gibt dem Besucher die Möglichkeit sich auf ganz verschiedenen Ebenen mit dem Stück einzulassen. 

globe-M: „Ovids Traum“ liegen Ovids „Metamorphosen“ zu Grunde. Wie entstehen die theatralen Stücke?

Bille Behr:  Eigentlich richten wir uns nicht nach einer literarischen Vorlage. Bei der „Großen Reise“ hat Stefan die Texte geschrieben, in der Improvisation entstehen auch Figuren oder Ideen für Toncollagen. Aus der Inszenierung von „Der Sonnenwagen – Phaetons Flug“ entstand der Wunsch, Ovids „Metamorphosen“ mit  dem Körper zu bearbeiten und ein Stück im Park zu inszenieren. So ist „Ovids Traum“ entstanden. „Ovids Traum“ ist sehr reichhaltig, beinhaltet eine Fülle an Informationen, Toncollagen erzählen von einzelnen Verwandlungen, aber ich hoffe, dass wir auch da einen einfachen, reduzierten – einen poetischen Zugang für den Besucher gefunden haben.

Stefan Behr: Wir möchten ein Theater für alle schaffen. Auch für Menschen, die nicht ins Theater gehen. Sie sollen sich für dieses Genre „Theater“ interessieren.

globe-M: Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort?

Bille Behr: Als wir uns für „Ovids Traum“ das erste Mal das Tempelhofer Feld anschauten, dachte ich nicht, dass ich mitten in einer Großstadt bin. Außerdem hatten wir dieses Jahr eine neue Produktion:, „Schattenwald“. Wenn Sie sechs Wochen lang im Wald arbeiten ist das was völlig anderes. Wir sind zwar seit vielen Jahren draußen, aber es gibt immer wieder neue faszinierende Momente.

Stefan Behr: Es ist wirklich so, dass man so einen Ort, wenn man ihn beschaut und später bespielt, immer lieben lernt. Die Auseinandersetzung mit dem, was vorhanden ist und die Anpassung an das Vorhandene ist das Spannende. In der Guckkastenbühne kann ich in den schwarzen Raum alles hinein zimmern. Hier muss ich letztendlich damit arbeiten, weil ich den Baum schließlich nicht versetzen kann.

globe-M: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Bille Behr: Dass wir weiterhin tatsächlich so gut mit unserem Team, den Schauspielern, Musikern, Technikern arbeiten können, weiterhin tolle Orte, wunderbare Theaterbegegnungen und natürlich gerne ein bisschen mehr Budget.

Stefan Behr
: Letztes Jahr haben wir mit „MoraLand“, einen poetischen Theaterjahrmarkt, in Ludwigshafen für eine längere Zeit aufgebaut. Das war ein sehr großer Erfolg und langfristig ist das unser Ziel. Wir suchen nach Spielorten, an denen wir länger bleiben können und nicht ständig ab- und aufbauen müssen. Es wäre toll, wenn uns das gelänge.

globe-M: Vielen Dank für das Gespräch 

Weitere Informationen

Im Juli fand die Aufführung von "Ovids Traum" auf dem Berliner Tempelhofer Feld statt, im August bespielten sie Potsdam mit der "Großen Reise". Das Gespräch fand vor der Aufführung der "Großen Reise" statt.

Das „Theater Anu“ wurde 1998 an der Hessischen Bergstraße gegründet, seit 2007 hat es seinen Hauptsitz in Berlin. Das Theater tourt mit verschiedenen Produktionen durch verschiedene Städte. Die nächste Station ist Hamburg am 31. August mit "Ovids Traum".

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