Autobiographische Metaebene

Jelena Miletić, Projektleiterin der SERBINALE © SERBINALE Foto: Lena Obst
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Für das große Vorhaben, das sich Milica Trifunović und Jelena Miletić vorgenommen haben, sind vier Tage eigentlich viel zu kurz. Aber in einem komprimierten Programm, das am 29. August in Berlin startet, schaffen sie es, den Blick auf die aktuelle Kunst aus Serbien zu lenken und einen Austausch zwischen serbischen und deutschen Künstlern anzuregen. globe-M sprach mit Jelena Miletić, einer der beiden künstlerischen Leiterinnen der SERBINALE, über das neu gegründete Festival und die Hoffnungen, die sie daran knüpft.

 

globe-M: Guten Morgen, Jelena. Ihre Kollegin Milica Trifunović scheint nicht in der Nähe zu sein.

Jelena Miletić: Wir haben uns gewissermaßen aufgeteilt.

globe-M: Ich gehe aber davon aus, dass Sie nicht nur auf dem gleichen Wissenstand sind, sondern auch dieselben Positionen für das Festival vertreten.

Jelena Miletić: Ja, selbstverständlich. Dieses Projekt haben wir beide gemeinsam entwickelt und Schritt für Schritt umgesetzt. Nun stehen wir unmittelbar vor seiner Verwirklichung. Angesichts der vielen Arbeit so kurz vor dem Festival erschien es uns bloß ratsam, dass nur eine von uns sich die Zeit für das Gespräch nimmt.

globe-M: Gibt es zwischen Ihnen eine festgelegte Arbeitsteilung?

Jelena Miletić: Genau genommen nicht. Wenn eine von uns sich um einen Bereich verstärkt kümmert, leistet ihr die andere dabei Assistenz. Anders wäre das nicht zu schaffen. Die Grundidee, serbische Kunst aus der „Unsichtbarkeit“ zu führen, stammt von Milica. Von da an haben wir uns gemeinsam Gedanken gemacht, wie sich das realisieren lässt. Wir entwickelten nach und nach ein Konzept, indem wir uns etwas überlegten, vieles verwarfen, einiges änderten und schließlich ein Format gefunden haben, das wir nun in Berlin umsetzen. So haben wir zum Beispiel die zunächst angedachte Sparte „Bühne“ ausgeklammert, obwohl ich selbst eigentlich vom Theater komme und diese Sparte mir sehr am Herzen lag. Aber eine Theaterproduktion nach Berlin zu holen, ist eine recht aufwendige Angelegenheit. Dafür würden unsere Mittel und Kräfte nicht reichen. Wir beschränkten uns also auf vier Sparten: Film, Musik, Bildende Kunst und interdisziplinäre Podiumsdiskussion. Diese SERBINALE sehen wir als ein Pilotprojekt. Mal schauen, wie sie überhaupt ankommt, welche Resonanz sie auslöst.

globe-M: Wie lange arbeiten Sie schon an dem Konzept und seiner Umsetzung?

Jelena Miletić: Seit etwa einem Jahr.

globe-M: Das ist keine lange Zeit für ein Festival, alle Achtung! Aber verstehe ich richtig, dass Sie es zusammen mit Milica Trifunović ganz alleine gestemmt haben?

Jelena Miletić: So kann man es ausdrücken, ja. Keine Institution oder sonst eine Struktur steht hinter dieser rein zivilgesellschaftlichen Initiative.

globe-M: Da kann ich nur sagen: „Hut ab!“ Angesichts des vielfältigen Programms und einer sehr ansprechenden und professionellen Präsentation Ihrer Webseite hätte ich das nicht für möglich gehalten.

Jelena Miletić: Vielen Dank, es freut mich, das zu hören.

globe-M: Das Festival ist als „1. SERBINALE“ angekündigt. Demnach sollen weitere folgen.

Jelena Miletić: Wir haben das als eine jährliche Kulturveranstaltung konzipiert. Wie gesagt, die erste SERBINALE ist ein Pilotprojekt. Wenn alles nach Wunsch läuft, soll die 2. SERBINALE im nächsten Jahr stattfinden und dann auch die Sparte Theater beinhalten. Außerdem streben wir eine ähnliche Veranstaltung in Belgrad an, bei der junge deutsche Kunst parallel zu SERBINALE vorgestellt wird.

globe-M: Gibt es für diese Parallelveranstalung schon einen Namen?

Jelena Miletić: Wir sind noch dabei, darüber nachzudenken.

globe-M: „SERBINALE“ ‑ der Name ist Programm. Dennoch sei die Frage erlaubt, warum Sie sich eine Kulturveranstaltung ausdenken, die geografisch so eingeengt ist.

Jelena Miletić: Wir alle kommen aus Serbien und glauben, dass man sich zuerst mit dem eigenen Herkunftsland beschäftigen sollte, eher man weitere Kreise zieht.

globe-M: Es ist ja eine ganz übliche Praxis, Projekte zu verorten: „Junge Kunst aus Russland“, „Holländische Fotografie“ oder „Polnische Musiktage“. Ich frage sie quasi stellvertretend. Sie sind doch der beste Beispiel für eine junge international agierende Künstlerin und doch schränken Sie sich in ihrem Projekt geografisch ein. Können Sie das vielleicht näher erklären?

Jelena Miletić: Wir machen das Festival aus einem inneren Bedürfnis heraus, die Kunst und damit das eigentliche Serbien, das uns ehrlich am Herzen liegt, zu zeigen. Das hat natürlich autobiografische Gründe, die mit einer Auseinandersetzung mit der eigenen Identität einhergehen. Vor sechs Jahren ging ich nach Deutschland als Künstlerin. Nach der Ankunft in Deutschland war ich aber zunächst keine Künstlerin, sondern eine nicht EU-Bürgerin aus einem Land mit einem zwiespältigen Ruf. Im Vergleich zu meinen deutschen Altersgenossen kam ich mir wie ein „altes Kind“ vor, ich fühlte mich um Jahre älter und erfahrener als sie. Nach und nach wurde mir bewusst, dass meine frühere „Normalität“ die meiste Zeit vom Krieg mit all seinen Folgen geprägt war, also alles andere als normal war. Erst aus der Distanz konnte ich meine serbische Identität definieren. Ja, es ist in der Tat die Autobiografie, die mich antreibt, gegen gängige Klischeevorstellungen anzukämpfen.

Aber das eigene Selbstverständnis erschöpft sich ja nicht im Nationalen. Das Thema der Diskussion, die im Rahmen der SERBINALE stattfindet, spiegelt einen anderen Aspekt unserer Identität wider: Ost*Frauen* – ein Gespräch jenseits von Klischees und Fremdzuschreibungen. Und hier können Sie sehen, dass unser Horizont über unser Herkunftsland doch hinausreicht. Die Konzeption dazu entwickelte die polnische Kulturwissenschaftlerin Agnieszka Habraschka, die das Gespräch auch moderieren wird.

globe-M: Glauben Sie, dass es eines Tages künstlerische Projekte geben wird, die Serben, Bosnier und Kroaten gemeinsam gestalten?

Jelena Miletić: Aber ja, selbstverständlich! Es gibt inzwischen sogar einige, zum Beispiel eine ganz wunderbare Theaterproduktion, die wir auch gern eingeladen hätten. Und ich bin mir sicher, dass es mehr davon geben wird.

globe-M: Zum Schluss möchte ich noch einmal meine Bewunderung für Ihre Leistung aussprechen. Es ist großartig, dass Ihr kleines Team, hinter dem keine einzige Institution und offensichtlich auch keine großen Sponsoren stehen, so ein spannendes und vielfältiges Programm auf die Beine gestellt hat.

Jelena Miletić: In diesem Fall haben wir ganz gewiss von unseren Biografien profitiert. In Serbien haben wir lernen müssen, wie man mit wenigen Mitteln vieles schafft. Ich hoffe, Sie bei der Eröffnung des Festivals am 29. August im Babylon zu treffen. Es gibt Jazz von „Damir Out Loud“ und danach serbischen Rakija und Cevapčići.

globe-M: Dem kann man einfach nicht widerstehen. Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Kraft für den Endspurt!

 

Weitere Informationen:
Über Unsichtbares – 1. SERBINALE,
29.August–1.September 2013 in Berlin
Komplettes Programm auf der Homepage des Festivals
Foto: Lena Obst 

Expertenstimmen Archiv

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