Beim Jazz muss man sich entblößen

Jonathan Bratoëff © promo

Der französische Jazzgitarrist und Komponist Jonathan Bratoëff ist immer auf der Suche nach neuen Inspirationen. Er ist durch die ganze Welt gereist und vom französischen Chanson genauso beeinflusst wie von Blues, Soul oder westafrikanischer Musik. Er glaubt nicht an Genres; vielmehr will er seine Zuhörer emotional und intellektuell berühren. Warum er von London nach Berlin zog, welche Unterschiede er zwischen französischen, englischen und deutschen Jazzmusikern sieht und wie er Berlin erlebt, verriet er globe-M.

globe-M: Du hast 14 Jahre in London gelebt und gearbeitet. Wie war das?

Jonathan Bratoëff:  Ich komme ja aus Montpellier, habe in Barcelona studiert, ja, dann wollte ich gern als Jazzmusiker in einer Hauptstadt arbeiten, da kamen Paris oder London in Frage. Und da mein Vater Schotte ist, hat es mich erstmal nach England verschlagen, dort habe ich mich als Musiker auch wirklich weiter entwickeln können. Ich mache zeitgenössischen, aber nicht zu abstrakten Jazz. Habe mit zwei, drei Sängern zusammen gearbeitet, 2012 ein Album mit der Sängerin Atlanta aufgenommen. Ich wollte immer als Komponist mit eigenen Musikern arbeiten, nicht nur Andere begleiten.

globe-M: Welche Unterschiede siehst Du zwischen der französischen und der englischen Jazzszene?

Jonathan Bratoëff:  Die Franzosen haben eine gewisse Arroganz, die die Briten einfach nicht haben. Die Franzosen sind individualistischer, es gibt mehr Konkurrenz, wenn sie mal was gemacht haben, denken sie, sie seien das Zentrum der Welt, etwas ganz Besonderes. Die Briten sind da weniger „guckt mal, wie toll ich bin“, die sind irgendwie integer. Wobei es natürlich in Großbritannien auch Unterschiede gibt zwischen Iren, Engländern oder Schotten. London ist jedenfalls ein Schmelztiegel. Ich habe aber bemerkt, dass die Leute dort emotional reserviert sind, wenn man Jazz macht, fehlt einem da etwas. Es fühlt sich an, als wäre das eine intellektuelle Übung, sie wollen sich nicht entblößen. Ich denke aber, wenn man Jazz macht, muss man das.

globe-M: Und die deutschen Musiker?

Jonathan Bratoëff:  Na ja, die sind auch nicht immer super warmherzig, aber sie verbinden Intellekt mit viel Gefühl, das gibt eine besondere Expressivität und sie sind einfach gut ausgebildete Musiker.

globe-M: Spielst Du jetzt oft in Berlin?

Jonathan Bratoëff: Ja, ich mache bei Sessions im „Waldo“ in der Torstraße in Mitte oder „Bei Ernst“ im Wedding mit, wohne ja auch da um die Ecke. Was ich toll finde bei den Auftritten ist das Berliner Publikum. Es ist sehr aufmerksam. Wenn du in England spielst, dann quatschen die die ganze Zeit bei der Musik. Hier fand ich es anfangs schon fast beunruhigend, wie mucksmäuschenstill es war.

globe-M: Und wie erlebst Du ansonsten Berlin?

Jonathan Bratoëff:  Es ist eine Stadt, in der man einfach leben kann. Es ist ein bisschen teurer, als ich es mir vorgestellt hatte, aber wenigstens ist hier alles in Reichweite. In London spielt sich das Leben immer mehr in den Vororten ab, das Zentrum gehört den Reichen, da ist man ewig unterwegs, um Freunde zu besuchen oder Musik zu machen. Hier ist alles innerhalb des S-Bahn-Rings. Aber Berlin verändert sich auch, verliert ein bisschen diese alternative Seite, wird immer mehr zur Business-Stadt.

globe-M: Welche Projekte hast Du für die nächste Zeit?

Jonathan Bratoëff:  Ein Album von mir kommt dieses Jahr heraus, das habe ich mit der Sängerin Marcina Arnold aufgenommen, es heißt „Words of my father“. Mein Vater war auch Musiker, aber eher einer des Herzens, ein Hippie, idealistisch, utopistisch. Er hat Texte geschrieben, die habe ich jetzt vertont. Da arbeite ich schon seit einigen Jahren dran, jetzt geht’s los, ich will damit auch touren auf Festivals in Frankreich und Deutschland. Parallel dazu habe ich auch ein Trio, mit dem ich auf Tournee gehen werde.

globe-M: Jonathan Bratoëff, vielen Dank für das Gespräch.

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