Berlin hat die Kunst in mir hervorgebracht

Xavier Krilyk © promo

Der französische Maler Xavier Krilyk kam 1992 mit einem Stipendium des Deutsch-Französischen Jugendwerks nach Berlin; er landete im Prenzlauer Berg und dachte, jemand hätte die Uhr mal eben 50 Jahre zurück gedreht. Was ihn an der Kunst in Deutschland schon während des Studiums in Frankreich besonders faszinierte, wie Berlin sein eigenes Schaffen erst ermöglichte, und dass sein Leben in Deutschland schon vorherbestimmt war, erzählte er globe-M.

globe-M: Was hast du Dir in Berlin für Deine Kunst erhofft?

Xavier Krilyk: Ich habe gehofft, hier konzeptueller arbeiten zu können. In Frankreich, an der Hochschule der Bildenden Künste in Paris gab es damals, Ende der Achtzigerjahre die Bewegung „Kobra“, das war alles sehr lyrisch, vom Impressionismus abgeleitet. Ich fühlte mich aber mehr der Kunst, die von einer Idee ausgeht und sie dann verfolgt, verbunden. Das zwar sehr geheimnisvoll, aber zog mich damals eben an. An den Ufern der Seine standen Skulpturen der Sechzigerjahre, geometrische Formen, das war eigentlich das, was die Leute erstmal nicht so mochten, mir aber gefiel das.

globe-M: Und Du dachtest, das fändest Du eher in Deutschland?

Xavier Krilyk: Ja, deshalb wollte ich nach Deutschland, wollte ganz anders arbeiten, als ich es damals tat, das Gegenteil machen. Gert Richter zum Beispiel, den ich noch gar nicht verstand, bewunderte ich sehr. Ich entdeckte, dass die Deutschen oft ausstiegen aus dem, was gängiger Weise unterrichtet wurde. Sie waren dabei sehr puritanisch, beeinflusst von der Religion. Gingen anders an die Arbeit heran, sie gingen gleich zum Wesentlichen, überlegten vorher, vermieden das Schöne. In Frankreich dagegen hatte ich den Eindruck, es gebe gar kein Nachdenken über Kunst.

globe-M: Und so bist Du also in Berlin gelandet?

Xavier Krilyk: Ja, „gelandet“ ist das richtige Wort. Als ich damals im Prenzlauer Berg ankam, das war völlig verrückt, exotisch. Ich hatte das Gefühl, ich sei in einer Filmkulisse gelandet und jemand hätte mal eben die Zeit um 50 Jahre zurück gedreht. Alles war dunkel, es roch nach Kohle. Dort habe ich drei Jahre gelebt. Ich erinnere mich noch an die Kneipe „Obst und Gemüse“ in der Schliemannstraße, das sah aus wie am Anfang des Jahrhunderts, da kamen Osteuropäer, die im Viertel wohnten, und Berliner, Alkoholiker, Junkies, alles zusammen. Das war auch meine Stammkneipe, da habe ich stundenlang Schach gespielt.

globe-M: Und hast Du dann auch Künstler kennen gelernt?

Xavier Krilyk: Ja, damals gab es viele deutsche Künstler, die aus Frankfurt kamen, mit denen hab ich mir ein Atelier in der Gleimstraße geteilt, da, wo heute das Colosseum-Kino ist. Wir haben gemeinsame Projekte erfunden, ausgestellt.

globe-M: Und jetzt, mit welchen Galerien hast Du jetzt Kontakt?

Xavier Krilyk:  Es ist nicht einfach, in die Welt der Galerien zu kommen. Es gibt eine kleine Galerie in Mitte, die „Lage Egal“, die gehört einem französischen Künstler aus Marseille, der ist auch schon sehr lange in Berlin. Dann hab ich in der Arena in Treptow ausgestellt, in den Kellern der Arena, da ist sogar Gorbatschow eingeflogen zur Eröffnung, weil die Veranstalterin Kontakt zu ihm hatte.

globe-M: Apropos Russland – Dein Name klingt ja nicht typisch französisch, hast Du osteuropäische Wurzeln?

Xavier Krilyk: Mein Vater war Tscheche, und seine Eltern russischer Herkunft, ich habe meinen Vater aber nie kennen gelernt.

globe-M: Malst Du nur in Berlin oder machst Du auch noch Anderes?

Xavier Krilyk: Von der Ausbildung her bin ich Kunsttischler, habe viel in der Restaurierung von Möbeln gearbeitet, jetzt mache ich viele Architekturvisualisierungen.

globe-M: Beeinflusst Dich Berlin in Deiner Kunst seit Du hier bist?

Xavier Krilyk: Ja, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das anders möglich wäre. Nicht nur die Kunst, auch die Mentalität. Als ich hier ankam, gab es Dinge, über die ich gelacht habe, zwei Jahre später machte ich das genauso. Wie ein Virus, der sich überträgt. Man versteht auf einmal, was peinlich ist oder Angst macht. Und in meiner Kunst? Ich glaube, Berlin spiegelt sich wider in meinen Werken. Und vor allem hat es die Kunst, die in mir steckte, zum Vorschein gebracht. In Paris kam da nicht viel. Da gibt es übrigens eine komische Geschichte zu Deutschland…

globe-M: Erzähl mal…

Xavier Krilyk: Als ich elf war, hatte ich oft Alpträume, wir lebten damals in der Gegend von Chartres, auf dem Land. Mein Stiefvater war sehr abergläubisch, sie haben dann einen „Heiler“ konsultiert mit einer Haarsträhne von mir, und der hat meiner Mutter gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen wegen der Träume und dass ich später nach Deutschland gehen würde. Das war also irgendwo schon festgeschrieben.

globe-M: Um noch mal zurück zu kommen auf den Einfluss Berlins: Warum konntest Du erst hier Künstler werden?

Xavier Krilyk: Ich hatte in Frankreich keine Ruhe, meine Arbeit zu entwickeln. Berlin ist manchmal ja schon eine seltsame Stadt, auch nicht immer sehr gesund, ein bisschen beunruhigend. Aber hier wird man intensiv mit sich selbst konfrontiert. Viele Leute werden hier angezogen von etwas, was nicht unbedingt immer sehr fröhlich ist.

globe-M: Warum kommen jetzt immer mehr Franzosen nach Berlin?

Xavier Krilyk: Der Run auf Berlin hat meiner Meinung nach bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 angefangen. Da sah man überall im Fernsehen, dass in Deutschland auch gefeiert wird. Heute kommen Stars zur Berlinale. Aber ich glaube, dass es ein positives Bild auch vor dem Mauerfall gab. Deutschland und Frankreich, irgendwas verbindet uns, jeder hat etwas, was dem Anderen fehlt, wie zwei Brüder.

globe-M: Xavier Krilyk, vielen Dank für das Gespräch.

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