Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive

Johannes Steinbeck. Foto: privat

Schon mit knapp über 30 als Zeitzeuge zu fungieren, überraschte Johannes Steinbeck dann doch. Mit 18 Jahren rutschte er in die Rolle des Geschäftsführers im legendären Club 90 Grad. Nun ist er Protagonist eines vor kurzem erschienen Buches über das Berliner Nachtleben. In einem Gespräch mit globe-M erinnert sich der erfolgreiche Event-Ausstatter an die turbulente Szene von damals.

 

globe-M: Sie sind gebürtiger Berliner, was in dieser Stadt eher selten anzutreffen ist. 

Johannes Steinbeck: Das bin ich in der Tat. Aus diesem Grund habe ich vielleicht auch etwas mehr gebürtige Berliner in meinem Freundeskreis als andere. Aber statistisch gesehen, haben Sie mit Ihrer Feststellung absolut recht.

globe-M: Ihre Kindheit fiel auf die Zeit der Wiedervereinigung. Hatte das Auswirkungen auf das Leben Ihrer Familie? 

Johannes Steinbeck: Ich glaube nicht, oder mindestens nicht in den ersten Jahren. Rein äußerlich änderte sich in unserem Alltag überhaupt nichts. Wir sind alteingesessene Charlottenburger, da tickt die Uhr von jeher etwas anders. Ich und meine beiden Schwestern besuchten ein Gymnasium um die Ecke, am Wochenende fuhr die ganze Familie in die Lüneburger Heide aufs Land, in den Winterferien ging’s zum Skifahren und im Sommer an die Nordsee.

globe-M: Man könnte vielleicht ergänzen, dass Sie aus einer für Charlottenburg nicht untypischen bildungsbürgerlichen Familie stammen. Ihr vor zwei Jahren verstorbener Vater, Professor Dr. Dietrich Steinbeck, hatte 25 Jahre lang als Musikkritiker verschiedene Radioprogramme des SFB und des Nachfolgesenders rbb entscheidend mitgestaltet.

Johannes Steinbeck: Mit dem „Musikmagazin“ hatte er unter anderem sogar eine eigene zweistündige Sendung, die samstagnachmittags im Kulturradio lief. Da er vor allem Opern- und Ballettpremieren besprochen hat, war die Intendantenloge in der Deutschen Oper so etwas wie meine zweite Heimat.

globe-M: Es ist ziemlich ungewöhnlich, dass Sie trotz dieses familiären Hintergrunds nach der Abitur kein Studium, sondern eine Tischlerlehre angefangen haben.

Johannes Steinbeck: Wahrscheinlich ist das eine Frage des Temperaments: Ich wollte immer etwas aktiv gestalten, also nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit meinen eigenen Händen. Dafür muss man das aber zuerst können. Eine Tischlerlehre kam diesem Wunsch genau entgegen. Während der Ausbildung habe ich den richtigen Umgang mit dem Material gelernt.

globe-M: Aber Tischlerarbeiten sind bei Ihnen, etwa bei der Vorbereitung einer Veranstaltung, wohl eher selten, wenn ich es richtig verstehe.

Johannes Steinbeck: Ja, aber das Wichtigste, was ich gelernt habe, gilt für jede andere handwerkliche Aufgabe auch: Ich folge stets der Losung, sich niemals vom Material beherrschen zu lassen. 

globe-M: Den Satz könnte man in Stein meißeln.

Johannes Steinbeck: Eben, das finde ich auch.

globe-M: Dieses Wissen konnten Sie wahrscheinlich auch bei Ihrer Arbeit im 90 Grad gut gebrauchen, seinerzeit einem der populärsten Clubs der Stadt, in dem Sie ganz unverhofft eine leitende Funktion übernommen haben.

Johannes Steinbeck: Ich glaube schon, obwohl ich mich noch mitten in der Ausbildung befand. Denn ich war nicht einmal volljährig, als ich das Angebot bekam, den Laden zu führen.

globe-M: Wie ist es überhaupt dazu gekommen?

Johannes Steinbeck: Dag Harbach, einen der Clubbesitzer, habe ich eher per Zufall in Green Door, einer legendären Bar am Winterfeldplatz, begegnet. Meine Begleiterin, eine sehr gute Freundin von mir, war voll in der Szene drin und stellte mich ihm vor. Am gleichen Abend hat er uns ins 90 Grad mitgenommen. Für mich war das überhaupt der erste Club, den ich von innen gesehen habe. Und als wir dann an der Bar standen, schlug Dag Harbach mir vor, die Geschäftsführung – hier machte er mit den Fingern Anführungszeichen in der Luft – zu übernehmen. Ich hatte keine Ahnung, was er darunter verstand, und sagte zu. Heute würde ich meine Aufgabe eher als „den Laden schmeißen“ umschreiben.

globe-M: Kein leichter Job für einen jungen Mann von gerade mal 18 Jahren...

Johannes Steinbeck: Na ja, wie man’s nimmt. Freitags war es einfach lustig: Musikalisch ging es Richtung Techno und wir haben uns die Kante gegeben. Samstags kamen scharenweise hübsche junge Mädchen, die dem Model-Glamour nacheiferten. Das war wie „Saturday Night Fever“ – eben ein echter schöner Discoschuppen.

globe-M: Aber irgendwas mussten Sie doch noch tun, nicht wahr?

Johannes Steinbeck: Der Laden war ja nur eine alte Autowerkstatt. Aber es war zu keinem Zeitpunkt ein „Black Cube“. Wir haben Seen und Wasserfälle in den Club eingebaut, ihn immer wieder neu gestaltet und so oft es geht umdekoriert. Den Laden habe ich bestimmt hunderte Male in alle Richtungen umgebaut. Der Klassiker im 90 Grad war der weiße Stoff: Wenn irgendeine Ecke nicht mehr viel hergab oder anders ausgedrückt, zu schmuddelig wurde, haben wir darüber weiße Stoffbahnen straff angetackert, dahinter eine Lichtquelle montiert und fertig war’s.

globe-M: Mussten Sie sich auch um Musik kümmern?

Johannes Steinbeck: Als ich bei 90 Grad anfing, war die Zeit, als es zu den wichtigsten Szene-Clubs zählte, schon fast vorbei. Es ging also immer weniger um Musik, coole DJs und den richtigen Sound. Entscheidend war das Drumherum: einfallsreiche Dekos, hübsche Mädels, bekannte Namen. Langsam verwandelte sich der Club zu einem Promi-Treffpunkt. Alle Hollywoodstars, die in Berlin ihre neuen Filme präsentierten, wurden hierher gebracht, Bruce Willis hat hier auflegt, George Clooney die Klofrau auf die Wange geküsst, Sean Penn und Nick Nolte haben hier abgehangen und einmal wurde Britney Spears von einem Türsteher abgewiesen, weil er sie nicht erkannte. Aber nach ein paar Rückschlägen – Brand, Überfall, Unfalltod eines Mitinhabers – war bei den Eigentümern die Luft raus. Das Ende habe ich auch nicht mehr mitbekommen.

globe-M: Sie selbst sind Ihrer damaligen Tätigkeit treu geblieben und konnten sich als kreativer Eventausstatter erfolgreich behaupten. Hat Ihnen die Erfahrung im 90 Grad dabei genutzt?

Johannes Steinbeck: Oh ja. Und dafür bin ich Dag Harbach sehr dankbar und sehe ihn auch als Lehrer an. 90 Grad hat nämlich davon gelebt, dass es immer ein Motto gab, das komplett durchgezogen wurde. Daran halte ich mich heute noch, ganz gleich, ob es sich um ein Riesenevent eines internationalen Konzerns oder ein klassisches Konzert im verwunschenen Garten einer Privatperson handelt.

globe-M: Dann wünschen wir Ihnen damit weiterhin viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.

                                                                                                         

Weitere Informationen
Nachtleben Berlin - 1974 bis heute, 304 Seiten mit 400 Fotos, 36,00 €. ISBN 978-3-8493-0304-4

Expertenstimmen Archiv

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25.Sep.2014Positionen zur Positions
25.Sep.2014"Der Berliner Mythos allein zieht nicht mehr"
24.Sep.2014Neue Positionen beziehen
21.Sep.2014Tanzskulpturen
09.Sep.2014Erst Marathon, dann Freakshow
06.Sep.2014Choreographie der Schwerelosigkeit
06.Sep.2014Das Dunkle in uns
06.Sep.2014„Manchmal ist das Narrativ fast tyrannisch“
04.Sep.2014„Wir schulden den Bayaka unseren Film“
31.Aug.2014Katharsis durch Reizüberflutung
20.Aug.2014„Georgien ist näher am Leben.“
16.Aug.2014Nicht nur in Stein gemeißelt
14.Aug.2014Keine Kategorien bitte
11.Aug.2014Von Moskau nach Berlin und zurück
10.Aug.2014Virtuelle Bilderwelten
06.Aug.2014Phönix aus der Asche
06.Aug.2014Landschaftsfantasien
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28.Jul.2014Cindy Sherman im MoMA
28.Jul.2014Courage heißt schon, als Künstler zu leben
22.Jul.2014Angela Merkels „Hoffotograf“
19.Jul.2014Schlüsselmomente mit Mitmachfaktor
10.Jul.2014Nächtliche Youtube-Fantasien
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16.Jun.2014Das Gedicht bestimmt die Farbe des Konzerts
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08.Jun.2014Ganz groß mit Hut
07.Jun.2014Du bist überall auf der Erde
06.Jun.2014Mikroben als Kunststars
30.Mai.2014„Ich nehme elektromagnetische Wellen wahr“
27.Mai.2014Von der Eisprinzessin zur Stilkönigin
21.Mai.2014Gestalten und Beobachten
21.Mai.2014Nordisches Speed-Dating in Berlin
19.Mai.2014Im Ravekostüm mit 50?
18.Mai.2014„Wir lieben das Risiko, zu scheitern“
13.Mai.2014Farben des Nordens
12.Mai.2014„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“
12.Mai.2014 David Hasselhoff singt für globe-M
11.Mai.2014Von Hackern und Hippies lernen
11.Mai.2014TV-Million durch Cannabiskampagne
29.Apr.2014 Sorgen um ein zerrüttetes Land
23.Apr.2014 Lust auf Neues
21.Apr.2014„Ich kann auch gerne mal läpsch sein“
20.Apr.2014 Der richtige Ton
17.Apr.2014 Auf der Suche nach Herausforderungen
13.Apr.2014Ich kann mir den Film in Farbe nicht vorstellen
12.Apr.2014Mich interessiert mehr der Blick daneben
06.Apr.2014Klavierspiel mit Freude
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24.Mär.2014„Hat man Eier, oder hat man keine?“
20.Mär.2014„Wir sind alle aus Spirit gemacht“
17.Mär.2014Beim Jazz muss man sich entblößen
07.Mär.2014Berlin hat die Kunst in mir hervorgebracht
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04.Mär.2014Den französischen Schubladen entkommen
02.Mär.2014Close Up! als Kontakt zur Bodenstation
25.Feb.2014Beethoven plus Hindemith
14.Feb.2014Monatliche Wundertüte
10.Feb.2014Storytelling wie vor 50 000 Jahren
10.Feb.2014„Ich sehe über 600 Filme im Jahr“
03.Feb.2014Neue Räume schaffen
02.Feb.2014MY MISERY IS FOR YOUR ENTERTAINMENT
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20.Jan.2014„Inspiration ist wie Bauchschmerzen“
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16.Jan.2014„Ein lustiges Land mit einer seltsamen Kultur“
13.Jan.2014Die Farbe des Chansons
10.Jan.2014Leben als Kunstform
09.Jan.2014Die künstlerische Internationale
30.Dez.2013Musik für Erfahrene
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17.Dez.2013Das Zielgerichtete überwinden
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24.Nov.2013Im Dunkel – da findest du was
21.Nov.2013 Symphonie einer großen Welt
21.Nov.2013„Es war filmmäßig“
11.Nov.2013 Splitter einer Ära
08.Nov.2013 Ein Geschenk aus Liebe
07.Nov.2013„Die Mentalität muss sich ändern“
04.Nov.2013 Uns interessiert, was wir nicht kennen
31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
22.Okt.2013Schöne Wetteraussichten
20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
18.Okt.2013Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive
11.Okt.2013Intellektueller Pop
10.Okt.2013Ein Tausendsassa lernt nie aus
08.Okt.2013 Die Grenzgängerin
05.Okt.2013Nackte Seele
23.Sep.2013Städteplanung nach Darwin
16.Sep.2013Malen ist meine Meditation
15.Sep.2013Talentfinder
14.Sep.2013Hauptstadt des Tangos
14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
03.Sep.2013 Herausfordernde Lebendigkeit
27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
26.Aug.2013Autobiographische Metaebene
24.Aug.2013Die Welt will, dass man erwachsen wird
20.Aug.2013Neue Töne aus der Uckermark
15.Aug.2013 Ein Traum fürs Leben
15.Aug.2013Der Blick zurück nach vorne
11.Aug.2013Kunst ohne Imagepflege
05.Aug.2013 Lalys Lalylalas
02.Aug.2013 Illusion im Dienste der Wahrheit
30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
26.Jul.2013Nobelpenner mit Plattenvertrag
25.Jul.2013Jedermann - Ein Modezar im Zelt
19.Jul.2013Lodernde Leidenschaften
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21.Jun.20132500 Quadratmeter Glitzerwelt
11.Jun.2013„Im Alter möchte ich Udo Jürgens sein“
07.Jun.2013„Fresse halten, Bass spielen“
29.Mai.2013Erfrischend mutig - Rosalie Thomass
23.Mai.2013Imogen Kusch ‑ ein "24-Hour-Artist"
20.Mai.2013Visuelle Themenwelten
18.Mai.2013Himmel und Wasser
18.Mai.2013Bösewicht mit großem Herz
16.Mai.2013Musterhaft
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10.Mai.2013„Theater ist für mich der Ur-Moment“
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08.Mai.2013Designzauber aus dem Norden
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08.Mai.2013Produktion und Verwertung
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08.Mai.2013Tanz, Musik, Film und Text

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