Das Dunkle in uns

© Koen Cobbaert

Sie sind nackt, schwarz und speckig. Kleine Männer und Frauen, die gemeinsam eine große bedrohliche Masse bilden. Für das Publikum gibt es keinen Schutz. Sie stehen mit ihnen in einer Art Boxring, wissen nicht, wohin sich die schwarze Masse bewegen wird. In „Suddenly Everywhere is Black with People“ sucht der Choreograph Marcelo Evelin nach dem Dunklen ins uns und schockiert und fasziniert bei „Tanz im August“ gleichermaßen. Der Brasilianer steht globe-M Rede und Antwort.

globe-M: In der Performance bewegen sich mit Kohlefarbe geschwärzte Menschen durch das Publikum. Was bedeutet das? 

Marcelo Evelin: „Suddenly Everywhere is Black with People“ ist ein Satz aus „Masse und Macht“ von Elias Canetti. Im ersten Kapitel sucht Canetti nach dem dunkelsten Punkt in uns. Canetti verwendet hier die Farbe schwarz und die Idee des schwarzen Menschen. Er sprach über das Phänomen der Masse und ein unerwartetes Gebilde. Ich suchte das schwarze Loch, in dem Menschen unsichtbar werden, das schwarze Loch im Raum. Als ich Canetti las, war ich in Tokyo und beobachtete die Menschen in Shibuya, wie sie die Straße überquerten. Das inspirierte mich zu dem Stück. 

globe-M: Dunkelhäutige sind es, von denen eine animalische, bedrohliche Bewegung ausgeht. Haben Sie keine Angst vor Rassendiskussionen? 

Marcelo Evelin: Definitiv nicht. Ich lebe in einem Land, das sehr schwarz und weiß und mehrfarbig ist, und wir gehen damit viel dynamischer um als in Europa. Ich habe keine Probleme mit Rassismus. Darum geht es auch nicht in dem Stück. Ich habe keine Botschaft für jemand bestimmten, aber es ist verrückt zu sagen, dass es ein Stück über Rasse ist. Ich arbeite mit ganz verschiedenen Menschen, aus Europa, Japan, farbige Menschen, tätowierte Menschen. Verschiedene Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt.

globe-M: Die nackten schwarzen Körper halten aneinander fest. Menschen beschweren sich darüber, dass das Stück sehr sexuell ist. Was entgegnen Sie Ihnen?

Marcelo Evelin: Jeder nimmt das Stück wahr, das er oder sie sehen möchte. Wenn sie sagen, dass es sexuell oder animalisch ist, dann liegt es an ihnen. Jeder hat die Freiheit, innerhalb des Rings zu sein, oder außerhalb, das Theater zu verlassen oder erst gar nicht zu kommen. Für mich ist es sehr wichtig, dass die Menschen im Leben die Möglichkeit haben, zu wählen. 

globe-M: Für mich war es eine Mischung aus Angst und Neugierde. Wie kreiert man diese Spannung?

Marcelo Evelin: Durch Menschen, die zusammen sind. Es gibt viel Spannung zwischen den Menschen, wir arbeiten in „Suddenly Everywhere is Black with People“ viel mit dem Raum zwischen den Menschen. Wir fragen: Wie ist der Raum besetzt? Die Performer verwenden diese Linie, diesen Bereich um sie herum und zwischen ihnen. Die Zuschauer haben die Möglichkeit, damit zu arbeiten. Wie nah kann man jemanden kommen? Das interessiert mich sehr. 

globe-M: Das Publikum wird Teil der Performance. Es kam schon vor, dass sich Menschen spontan küssten. Warum? 

Marcelo Evelin: Ich weiß es nicht. Ebenso könnten Sie mich fragen, warum sich Menschen auf der Straße unterhalten, warum sie lachen und sich betrinken, warum sie sich küssen und Liebe machen. Es ist das Leben. So sind wir. 

globe-M: Als ich die Beschreibung des Stückes las, dachte ich an so genannte „Dark Rooms“, wie sie zum Beispiel im Berliner Club Berghain gibt. Fremde treffen sich im Dunkeln und niemand weiß, was passieren wird. Stört es Sie, wenn ich Ihr Stück damit assoziiere? 

Marcelo Evelin: Im Stück ist das kein Dark Room in einer sexuellen Art und eine Weise, aber ich liebe die Idee eines Dark Room. Einer meiner Freunde eröffnet gerade einen Dark Room, und es ist wissenschaftlich erwiesen, dass ein Dark Room der demokratischste Raum ist, weil du machen kannst, was du möchtest. Ich freue mich, dass man sich in gewisser Weise darauf beziehen kann, weil ich glaube, dass wir alle eine sehr starke sexuelle Aufladung haben. Wenn Menschen eine sexuelle Energie in diesem Stück entdecken, ist das in Ordnung. Ich denke, dass im modernen zeitgenössischen Tanz ein bisschen das erotische Gefühl fehlt, manchmal ist das zu sehr an den Verstand gebunden oder zu sehr auf Ästhetik bedacht. Sex macht uns zu dem, was wir sind: Tiere. 

globe-M: Hat jeder eine dunkle Seite? 

Marcelo Evelin: Auf jeden Fall. Es ist schwierig zu sagen, dass wir in einer Welt leben, die nur glücklich und großartig ist. Ich denke, dass es viele verschiedene Aspekte dieser Welt gibt und nicht, dass wir Dunkelheit als etwas Böses definieren sollten. Das ist ein sehr oberflächliches und begrenztes Denken. Licht, Dunkelheit, Mann, Frau. Wir sollten das durchbrechen. Wenn es keine Dunkelheit gäbe, gäbe es kein Licht. 

 

Weitere Informationen

Marcelo Evelin gilt als einer der wichtigsten Choreographen Brasiliens. Die Deutschlandpremiere von „Suddenly Everywhere is Black with People“ fand am 23. August statt. Das Stück wird erneut am 24. August 2014 im Rahmen von „Tanz im August“ im Berliner Hebbel am Ufer aufgeführt. 

Weitere Tanz im August-Artikel und Interviews: Toco Nikaido (Miss Revolutionary Idol Berseker), Big Dance Theater, Jefta van Dinther

 

 

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