Das menschliche Maß

Foto: Lev Khesin

Als in Weißrussland die junge Demokratie noch nicht brutal niedergeknüppelt wurde, studierte Kirill Mussinski Philosophie, gewann einige Kung Fu Titel und spielte Schlagzeug in einer erfolgreichen Rockgruppe. Seit 2005 lebt er in Berlin. globe-M sprach mit dem Musiker über sein neuestes Projekt.

globe-M: Kirill, in deiner Band UP spielst du Gitarre, dabei bist du von Hause aus Drummer. Hast du keine Angst davor, am Schlagzeug aus der Übung zu kommen?

Kirill Mussinski: (lacht) Das ist unmöglich, weil Schlagzeug mir einfach im Blut liegt. Ich habe mit Elf damit angefangen, mit Fünfzehn spielte ich schon in einer Band und trat vor tausend Leuten auf.

globe-M: Das war in deiner Heimatstadt Minsk in Weißrussland…

Kirill Mussinski: Ganz genau. Die Band, in der ich zuletzt spielte, war ziemlich bekannt. 1995 erhielt sie den weißrussischen Musikpreis „Rock-Krone“, eine Art „Grammy“, als „Debüt des Jahres“.

globe-M: Umso mehr stellt sich die Frage, warum du in deiner Gruppe doch Gitarre spielst.

Kirill Mussinski: Zu einem hatte ich große Lust dazu. Zum anderen ist es einfach unmöglich, hinter der Schlagzeuganlage zu sitzen und dabei eigene Musikvorstellungen – vor allem den beiden Gitaristen – zu vermitteln. Das würde nie im Leben gut gehen.

globe-M: Ich kann mir vorstellen, dass die Suche nach einem Drummer, der deinen Ansprüchen genügen würde, gar nicht so einfach war.

Kirill Mussinski: Das stimmt, zumal auch die Stücke, die wir spielen, komplizierte Schlagzeugpartien beinhalten. Ich habe ziemlich lange gesucht. Bis sich einmal Boris Biskaborn bei mir auf meine Internetanzeige hin meldete. Schon nach drei Minuten Probespielen wusste ich, dass er der Richtige ist. 

globe-M: Woher kamen die anderen Musiker?

Kirill Mussinski: Den Bassgitarristen Marty McFlight kenne ich schon länger, wir haben mal zusammen in einer Band gespielt. Den habe ich einfach eingeladen, bei UP mitzumachen. Den Sänger Nicolas Languille hörte ich bei einer Jam-Session im Neuköllner Musikcafé Sandmann. Immer montags gab es dort gut besuchte Blues-Jams, die jetzt aber wegen Beschwerden der Nachbarn nicht mehr stattfinden, was echt sehr schade ist. Über einen gemeinsamen Bekannten habe ich Nicolas dann kennengelernt und ihn gefragt, ob er nicht unserer Band beitreten möchte. Chris Blyth stieß als Letzter zu UP: Wir fingen schon zu proben an, aber es war klar, dass noch eine Gitarre gut wäre – für den vollen Sound und andere tolle Effekte. Chris kannte ich von früher, und schon damals gefiel es mir, wie er sich für verschiedene Klangeffekte begeisterte. Außerdem komponierte er gute Melodien.

globe-M: Die Lieder, die UP im Konzert spielt, hast aber du komponiert, oder?

Kirill Mussinski: Ja und nein. Von mir stammte sozusagen die Vorlage – sowohl die Musik, als auch der Text. Aber die Band hat ganz entscheidend bei der endgültigen Gestaltung der Songs mitgewirkt. Generell gehört das gemeinsame Schreiben der Lieder zum Konzept. Wir haben schon viel Material, das wir während der Proben entwickelten und aufnahmen. Man muss natürlich noch daran arbeiten, aber es hört sich vielversprechend an und es können da gute Songs herauskommen. In dieser Hinsicht hat die Gruppe ein gutes Potenzial, weil praktisch alle Bandmitglieder eigene Musik schreiben.

globe-M: Ihr macht Musik in der Tradition des klassischen Rocks der 1960er und 1970er Jahre. Was ist an dieser Musik anders?

Kirill Mussinski: Sie ist freundlicher und entspricht viel mehr dem „menschlichen Maß“, als die ganze durch Elektronik durchsetzte Musik von heute. Der Gitarrensound steht von seinem Wesen her dem Menschen viel näher.

globe-M: Wollt ihr die Zeit zum Stehen bringen?

Kirill Mussinski: Vielleicht nur etwas verlangsamen. Denn die Welt entwickelt sich schneller, als die Menschen darin. Besonders die jungen Menschen, die die Welt gerade entdecken, für die das Leben ein großes Abenteuer ist, stellen sehr bald fest, dass sie davon überholt werden. Als Folge bekommen sie Angst davor. Unsere Musik wirkt dem entgegen.

globe-M: Welche Strategie wollt ihr dabei verfolgen?

Kirill Mussinski: Nun, zehn Lieder haben wir so gut wie fertig, einige Stücke sind noch in Arbeit. Ich würde gern ihre Zahl auf 15 bringen. Für die nahe Zukunft planen wir die Aufnahme einer EP und danach eines Albums.

globe-M: Viel Erfolg dabei! Und vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen

Bericht über das aktuelle Konzert der UP
Videos und Hörproben der Band UP
Kirill Mussinski auf  globe-M

 

 

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