Das Zielgerichtete überwinden

Ralf Behrendt © privat

Der Künstler Ralf Behrendt hat gerade seinen neuen Siebdruckkalender „Venedig“ herausgebracht. Bilder der besonderen Sinnlichkeit einer Stadt, in der man Geschichte und Kunst auf natürliche Art begegnen kann. Über die Stadt und wie er in seiner Kunst Wort und Bild und andere Bruchstücke des Lebens verbindet, darüber sprach Ralf Behrendt mit globe-M.

globe-M: Dein neuer Jahreskalender zeigt Venedig. Ist das nicht eine Stadt für heillose Romantiker und Träumer?

Ralf Behrendt: Ja, ich bin ja auch ein Träumer und Romantiker, aber nicht heillos. Und welcher Künstler ist nicht auf eine bestimmte Art ein Träumer, aber Träumer hat so was Negatives, klingt so nach realitätsfremd.

globe-M: Das Wort gefällt Dir also nicht?

Ralf Behrendt: Na ja, das Wort träumen an sich, als Verb, mag ich schon, das hat was mit Sinnlichkeit zu tun. Und in Venedig, wenn man da nur aufs Wasser guckt, fängt man schon an zu träumen.

globe-M: Was beeindruckt Dich so an dieser Stadt? Im „Vorwort“ oder Vor-Gedicht zum Kalender steht, dass die Zeit für Dich dort stehen bleibt, Vergangenheit und Gegenwart sich vermischen.

Ralf Behrendt: Der Text handelt ja von der Ankunft in Venedig, wenn man da reinfährt, vermischen sich die Zeitebenen wirklich, wie ich es nirgendwo anders gefunden habe.

globe-M: Weil es eine alte Stadt ist?

Ralf Behrendt: Ja, man fühlt sich da oft aus der Zeit katapultiert.

globe-M: Anders als in Berlin?

Ralf Behrendt: Vielleicht durch das Wasser und damit verbunden dieses Sichtreibenlassen und immer wieder auftauchen, das hat ja auch mit träumen zu tun. Dieses rational Zielgerichtete überwindet man da auch. Ich finde interessant, was es mit Einem macht. Da stören nicht mal die Millionen Touristen, weil ich weiß, wo ich bin und weil ich weiß, was hier alles passiert ist an Geschichte, an Kunstgeschichte. Es ist eine andere Nähe zu den Dingen als in anderen Städten. Wenn ich in eine Kirche gehe und da hängt ein riesengroßer Tizian, dann ist das Bild da in eine Natürlichkeit integriert, gehört da hin, hängt da seit 500 Jahren, das übt eine Faszination aus.

globe-M: Wann warst Du zum ersten Mal in Venedig?

Ralf Behrendt: Vor sechs Jahren für die Biennale, alle zwei Jahre fahre ich hin, aber ich würde auch ohne Biennale hinfahren. Es gibt da andere Geräusche, andere Gerüche, keine Autos, keine Abgase. Es ist eine andere sinnliche Erfahrung, anders als in Paris, London oder Berlin, überall erlebt man andere sinnliche Erfahrungen. Jetzt war ich gerade im September dort.

globe-M: Hattest Du Dir vor deiner Reise überlegt, dass Dein neuer Kalender über Venedig sein soll?

Ralf Behrendt: Bevor ich hingefahren bin, wusste ich, dass ich darüber einen Kalender machen will, hatte ein paar Ideen. In Venedig habe ich dann viel Material gesammelt, Dinge umgesetzt, die mir begegnet sind, aufgeschrieben und fotografiert. Zuhause hab ich dann alles sortiert, durchgeschaut und entschieden was ich verwende, ohne ein konkretes Kalenderblatt im Kopf zu haben

globe-M: Welche Themen hast Du in den letzten Jahren im Kalender bearbeitet?

Ralf Behrendt: Die Zeit, Zahlen, Freie Radikale, wobei der Begriff „radikal“ in allen möglichen Bereichen untersucht wurde. Letztes Jahr gab es dann einen Kalender über die Liebe, der hieß „drunter und drüber – Liebe Triebe Eitelkeit“.

globe-M: In Deinen Kalendern werden Bild und Wort, Alltägliches und fast Heiliges vermischt.

Ralf Behrendt: Ja, ich bringe mehrere Ebenen miteinander in Bezug. Diese Verbindung von Sprache und Bildhaftem, das war schon immer so bei mir, das hat mich schon immer interessiert, das Bezeichnete und das Bezeichnende, damit kann man so schön spielen. Spielen und irritieren, mit Wahrnehmungsmustern spielen.

globe-M: In Deinem Kalender gibt es immer verrückte Feiertage – wo holst Du die denn her?

Ralf Behrendt: Na, die gibt es wirklich, zum Beispiel den Tag der Berge, den Tag der Außenseiter oder den Tag des deutschen Butterbrotes, den Tag der scharf gewürzten Speisen, oder ganz skurrile Gedenktage wie den Weltnacktradeltag, die findet man alle im Internet.

globe-M: Welches ist dein Lieblingskalender?

Ralf Behrendt: Eigentlich immer der neueste Kalender. Jetzt glaube ich, der von Venedig, aber nicht, weil er neu ist. Der witzigste war der mit den freien Radikalen, das war auch der vielfältigste.

globe-M: Weißt Du schon das Thema für das übernächste Jahr?

Ralf Behrendt: Nein, noch nichts, was ich jetzt sagen möchte.

globe-M: Um Deine Collagen zu präsentieren, hast Du mal Lautréamont zitiert: „Die Poesie ist die Möglichkeit, dass eine Nähmaschine einem Regenschirm auf einem Seziertisch begegnet.“

Ralf Behrendt: Ja, für mich hat Kunst viel mit Poesie zu tun. Bruchstückhaftes wird zusammen gesetzt, das interessiert mich schon seit Ende meines Studiums.

globe-M: Welche Projekte hast Du für nächstes Jahr außer dem neuen Kalender?

Ralf Behrendt: Nächstes Jahr möchte ich die Collagen, die auf Fotografien beruhen, intensiver und in größeren Formaten gestalten.

globe-M: Für einen bestimmten Ort?

Ralf Behrendt: Nein, für keinen bestimmten Ort. Wenn ich einen Ort habe, der speziell ist, find ich es wichtig, mich darauf zu beziehen und ein Konzept gezielt für diesen Raum zu entwickeln. Die Probleme der Präsentation in Kellergewölben oder Kirchen zu verarbeiten. Nächstes Jahr werden auch wieder T-Shirts entstehen, wie 2006 für die WM in Deutschland, damals hatte ich T-Shirts mit dem Aufdruck „Foulpelz“ oder „Flankengott“, oder „Miss Verständnis“ gemacht, das hat viel Spaß gemacht.

globe-M: Ralf Behrendt, danke für das Gespräch.

Weitere Informationen

Ralf Behrendt
Tel.:  030/32678717                                             
0177/4062645                                             
ralf.u.behrendt@gmx.de

 

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