Den französischen Schubladen entkommen

Philippe Braz © promo

Der französische Theaterautor und Übersetzer Philippe Braz war schon immer fasziniert vom deutschen Theater. Vor zehn Jahren zog er nach Berlin. Hier gründete er mit seiner Frau Brigitte Athéa und dem deutschen Komponisten Markus Lang das Kollektiv „50-50“, seine Arbeiten präsentiert er in multimedialen Performances. Mit globe-M sprach er darüber, was er sich in Berlin erhoffte, welche Liebeserklärung er an die Stadt schrieb und wie er die deutsch-französische Zusammenarbeit zwischen Künstlern erlebt.

globe-M: Was hat Dich nach Berlin gebracht?

Philippe Braz: Ich war immer schon fasziniert von deutschen Theaterautoren wie Brecht, Strauss und Müller. Und auch von anderen Autoren wie Bernhard oder Handke. Deutsch war zwar nur meine zweite Fremdsprache, ich hab es dann aber noch im Goethe-Institut in Paris gelernt.

globe-M: Was hast Du Dir hier erhofft?

Philippe Braz: Ich hoffte, mehr Modernität zu finden. Und dem französischen Schubladendenken zu entkommen. Hier in Deutschland wird weniger in Schubladen gedacht, die Grenzen sind fließender zwischen den Künsten, es wird mehr experimentiert.

globe-M:  Beeinflusst das auch Deine Arbeit?

Philippe Braz: Ja, auf jeden Fall. Meine Frau Brigitte Athéa, die auch Autorin und zusätzlich Regisseurin ist, und ich arbeiten schon seit langem mit dem deutschen Musiker Markus Lang zusammen, den wir hier kennen gelernt haben. Mit Markus Lang haben wir das Kollektiv „50-50“, eine Begegnung zwischen Paris und Berlin, gegründet und vermischen in unseren Performances Texte, Musik und Video.

globe-M: Wie habt ihr Markus kennen gelernt?

Philippe Braz: Durch eine andere Künstlerin, die Australierin Deborah Wargon, die ich aus der Künstlerresidenz von Schloss Solitude in Stuttgart kannte, wo ich 1995 war. Von den damaligen Künstlern haben Brigitte und ich so einige hier wiedergetroffen.

globe-M: Hast Du gefunden, was Du in Berlin suchtest?

Philippe Braz:  Ich habe einen Text geschrieben über Berlin „Berlin loin de la mer“ (Berlin weit weg vom Meer), da gibt es eine Art Tagebuch am Ende, wenn man das liest, dann weiß man die Antwort auf Deine Frage: es ist eine Liebeserklärung an Berlin. Ich habe hier so viele Möglichkeiten, so viel Potential entdeckt, so viel Kunst erlebt.

globe-M: Hat das Dein eigenes Schaffen verändert?

Philippe Braz: Ich bin schneller geworden in der Ausführung meiner Projekte. Es gibt hier mehr Möglichkeiten etwas zu verwirklichen. Ich lebe mehr im Jetzt. Hier gibt es viele talentierte Künstler und sie sind bereit, künstlerische Risiken einzugehen. Es ist hier alles nicht so behütet wie in Frankreich, wo die Künstler durch den Status „intermittent du spectacle“ ja sogar Arbeitslosengeld bekommen, manchmal sogar mehr verdienen, als wenn sie nicht arbeiten würden. Hier ist es oft dringend nötig irgendetwas zu arbeiten, um überhaupt etwas zu verdienen.

globe-M: Hast Du viel schreiben können seitdem Du hier bist?

Philippe Braz: Wir sind jetzt zehn Jahre hier, ich habe in dieser Zeit drei Stücke und verschiedene andere Texte geschrieben.

globe-M: Und Frankreich fehlt dir nicht?

Philippe Braz: Nein, ich bin ja oft dorthin gefahren, habe zum Beispiel zwischen 2009 und 2011 „Creative writing workshops“ an der Université de Nanterre nahe Paris gegeben. Es gab Lesungen, Auftritte auf Festivals mit unserem Kollektiv. Dieser Austausch zwischen Künstlern wird immer mehr zunehmen, wir können so einiges voneinander lernen.

globe-M: Siehst du Unterschiede im künstlerischen Schaffen zwischen Deutschen und Franzosen?

Philippe Braz: Die Franzosen sind begabt für die Improvisation, finden schnell Lösungen für Probleme. Die Deutschen sind anders einfallsreich, sie sind professioneller, besser ausgebildet, sind aber nicht so spontan auf der Bühne, zum Beispiel. Wir bereichern uns gegenseitig.

globe-M: Kennst Du in Berlin viele andere französische Autoren?

Philippe Braz: Ein paar, wie Eric Sarner oder Wilfried N’Sonde, wir gehen ja auch regelmäßig ins Institut Français oder in die französische Buchhandlung "Zadig" in Mitte, dort lernen wir auch immer wieder welche kennen. Es gibt wirklich eine literarische Diaspora hier. Die Stadt hat immer noch einen Pioniercharakter, es ist immer noch eine etwas atypische Stadt. Aber ganz langsam verändert sich das ja, manchmal ist es mir jetzt auch schon zu viel „St. German de Prés“ wie in Paris.

globe-M: Wie stellst du dir Berlin in zehn oder zwanzig Jahren vor?

Philippe Braz: Es ist eine Stadt, die sich gerade normalisiert. Früher war es eine Stadt inmitten verschiedener Systeme, jetzt ist es eine Hauptstadt geworden, im politischen und kulturellen Sinn – wirtschaftlich ja eher nicht – und ich hoffe sie wird keine „clon city“, eine Stadt wie jede andere. Es ist ja ein normaler Vorgang, die Stadt nimmt wieder ihren Platz ein, den Platz einer Hauptstadt in einem reichen Land, hier ballt sich die Macht, und somit wird die Stadt immer weniger interessant für Künstler. Vielleicht haben die dann in zehn Jahren ein neues Ziel gefunden, wo es günstige Orte zum Schaffen gibt. Und wo das Publikum sich für Kunst interessiert.

globe-M:Wie findest Du das Publikum in Berlin?

Philippe Braz: Toll. Es ist interessiert, neugieriger als in Frankreich, ermutigt uns Künstler immer wieder, im Theater ist das jedenfalls so.

globe-M: Hat sich Deine Sprache verändert durch die lange Zeit in Berlin?

Philippe Braz: Nein, ich spreche immer noch genug Französisch, habe nichts verloren, ich übersetze ja auch aus dem Deutschen ins Französische, bleibe also drin. Und Paris ist nicht weit weg, wir sind ja hier nicht im Exil oder so, wir fühlen uns jedenfalls nicht isoliert. Aber ich denke mal, irgendwann werden wir doch nach Frankreich zurück gehen, nicht nach Paris, wo wir lange gelebt haben, sondern eher nach Südfrankreich.

globe-M: Philippe Braz, vielen Dank für das Gespräch.

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Collectif 50-50

 

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