Der Blick zurück nach vorne

@ Monika Rittershaus

Ein halbes Jahrhundert tanzt Berlin schon. Am 16. August beginnt das Jubiläumsprogramm von „Tanz im August“ mit einigen Neuerungen. Ein kuratorisches Team gibt es nicht mehr, die Veranstaltung liegt in einer Hand: Unter der Leitung von Bettina Masuch richtet das „Hebbel am Ufer“ das Festival aus. globe-M gibt Masuch einen spannenden Einblick in die kommenden zwei Wochen.

globe-M: Wie fühlt es sich an, wieder für „Tanz im August“ zu arbeiten?

Bettina Masuch:
Wunderbar! Ich war sehr glücklich, als ich gefragt wurde für „Tanz im August“ zu arbeiten und diese Jubiläumsausgabe zu machen. Interessanterweise war auch mein Einstand für das „Springdance“ in Utrecht die Ausrichtung des 25-jährigen Jubiläums, also scheine ich auf die Jubiläen ein Abonnement zu haben.

globe-M:
Und was war für sie entscheidend für die Auswahl?

Bettina Masuch: 25 Jahre "Tanz im August" geben einem natürlich auch die Gelegenheit zurückzublicken und sich zu fragen: Was hat sich eigentlich verändert im zeitgenössischen Tanz allgemein, aber auch in der Tanzszene dieser Stadt. Damals war die Idee, so ein Festival zu gründen, eine Pioniertat ‑ in einer Zeit, in der es kaum zeitgenössischen internationalen Tanz in Berlin gab. Nele Hertling, die damalige künstlerische Leitung, ging in die Hochburgen des zeitgenössischen Tanzes und fragte sich: Was passiert da eigentlich an aufregenden Neuerungen? Warum sieht man das nicht in Berlin? Diese Künstler, die wir wieder zum Festival eingeladen haben wie Trisha Brown, Merce Cunningham, Steve Paxton, Lucinda Childs haben auch hier die Tanzszene mitgeprägt.

globe-M:
Inwiefern?

Bettina Masuch: Das war die Ausbildung des Postmodern Dance mit der Abkehr von Virtuosität, mit der Hingabe zu eher demokratischen Formen des Zuschauer-Tänzer-Verhältnisses. Dieser Rückblick war für mich wichtig. Gleichzeitig muss sich so ein Festival auch immer fragen: Was passiert heute und wo geht der Tanz hin? Was waren die Hochburgen von damals und was sind die heutigen? Wo entwickelt sich der Tanz hin? Meiner Meinung nach auch ganz stark in die Metropolen der ehemaligen Dritten Welt, Rio de Janeiro, nach Asien und nach Afrika. Das gleichzeitig in einem Festival zu haben, das finde ich interessant, weil man da so einen Spannungsbogen sehen kann: Es ist der Blick zurück nach vorne; eine Zeitreise von den ehemaligen Hochburgen des Tanzes in die Hochburgen der Zukunft.

globe-M: Sehen sie sich alle Stücke an?

Bettina Masuch: Manche Produktionen habe ich das letzte Mal vor einem Jahr gesehen, da bin ich natürlich gespannt, wie sich das entwickelt hat und wie das Publikum reagiert. Meistens schaue ich mir die Stücke zwei Mal an, weil ich bei der Premiere viel zu sehr mitfiebere.

globe-M: Welche sind ihre Lieblingsstücke bei „Tanz im August“?

Bettina Masuch: Eigentlich alle. Worauf ich besonders stolz bin ist, dass wir mit Steve Paxton einen der herausragensten Vertreter des Postmodern Dance verführen konnten, wieder nach Berlin zu kommen und auch eines seiner ikonischen Stücke wiederaufzunehmen. Tino Sehgal, der damals noch zu meiner Zeit als Choreograf seine Arbeiten präsentiert hat, und der wirklich eine gigantische Karriere in der bildenden Kunst gemacht hat, kehrt für dieses Festival wieder zum Theater zurück und zeigt eine seine letzten Choreografien in einer neuen Bearbeitung.

globe-M: In Choy Ka Fais „Notion: Dance Fiction / Lecture Performance“ lernt eine Tänzerin mittels Stromstößen die Choregrafie von Pina Bauschs „Café Müller“. Pina Bausch begleitet sie von Kindesbeinen an. Sehen sie sich in einer ähnlichen Rolle?

Bettina Masuch: Um Gottes Willen, nein! Pina Bausch war eine der wichtigsten Choreografinnen Deutschlands beziehungsweise der Welt. Sie hat mit dem Tanztheater ganz neue Wege eingeschlagen und ganze Generationen von Choreografen, aber auch Regisseuren beeinflusst. Und auch mich. Ich komme aus Solingen und habe die Arbeiten von ihr seit meinen Teenagerjahren verfolgt. Sie hat mich gelehrt, Kunst zu sehen. Wie kann man Kunst rezipieren? Wie kann Kunst auch Teil des eigenen Lebens sein? Insofern verdanke ich ihr einfach sehr viel, aber ich habe natürlich eine völlig andere Position. Ich sehe mich als Wegbereiter für Choreografen. Meine Arbeit macht, dass man diese Arbeiten sehen kann.

globe-M: Was ist ihnen wichtig?

Bettina Masuch: Heutzutage leben wir in einer sehr schnelllebigen Zeit, wo man mit vielen sich widerstreitenden Informationen umgehen können muss, die Position von Kunst in der Gesellschaft immer unwichtiger wird. Ich persönlich habe in meinem eigenen Leben erfahren wie wichtig das ist, eine Art von Gegengewicht zum Alltag zu haben, und das, was man immer tut, auf eine andere Weise zu reflektieren, einen anderen Blick darauf zu werfen und die eigenen Meinungen und Emotionen zu hinterfragen. Es geht natürlich immer darum, diese Künstler zu präsentieren, aber es geht auch darum, eine Fahne für die Kunst hochzuhalten. Zu sagen: Dass eben nicht alles um Vermarktung, um schnelle Reize geht, sondern dass man sich manchmal auch zurücklehnen muss und den Dingen einen zweiten Blick gönnen muss.

globe-M: Nach „Tanz im August“ ziehen sie nach Düsseldorf und leiten dort das Tanzhaus NRW. Welche Ziele haben sie sich gesetzt?

Bettina Masuch: Was im Moment der Tanzszene in Deutschland fehlt ist sozusagen die Möglichkeit sich langfristig wieder zu entwickeln und nicht nur Arbeiten von Projekt zu Projekt zu machen. Im Moment ist unsere Förderstruktur so, aber das produziert natürlich auch einen schnellen Atem in der künstlerischen Produktion. Ich glaube, was man schaffen muss, ist, sich wieder lokal zu verankern und gleichzeitig den internationalen Horizont nicht aufzugeben, eine Art von lokaler Reibung wiederherzustellen. Wir haben kein homogenes Publikum mehr, sondern ein sehr heterogenes. Auf diese Entwicklung kann man, glaube ich, stärker Bezug nehmen, wenn man sich als Künstler wieder stärker mit einem Ort verbindet. Für mich ist es eine Herausforderung mit einer bestimmten Gruppe von Choreografen langfristig zusammenzuarbeiten und auch Teil ihrer künstlerischen Entwicklung zu sein. Ich glaube, so ein Tanzhaus, das zur Hälfte Schule, zur Hälfte Theater ist, hat natürlich als Instrument ganz andere Möglichkeiten, Künstler langfristig an ein Haus zu binden, mit einem Publikum in Kontakt zu bringen und daraus eine langfristige künstlerische Entwicklung möglich zu machen, und darauf freue ich mich sehr.

Weitere Informationen

"Tanz im August" findet von 16. - 31. August 2013 statt.
 

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