Die Grenzgängerin

Clara Morgen. Mein intersexuelles Kind – weiblich, männlich, fließend. Buchcover

„Es wird schon gehen“, scheint der Lieblingsspruch von Clara Morgen zu sein, die überhaupt einen sehr positiven, optimistischen, ja sogar etwas leichtsinnigen Eindruck macht. Umso rührender wirken ihr Ernst und mitunter tiefe Traurigkeit, wenn sie sich an ihre Hilflosigkeit und Überforderung als Mutter eines intersexuellen Kindes erinnert. Darüber hat sie ein sehr persönliches Buch geschrieben. globe-M nahm es zum Anlass, um mit der Autorin über problematische Geschlechtszuordnungen zu sprechen.

 

globe-M: Darf ich gleich zu Beginn sagen, dass ich Ihr Buch ganz großartig fand?

Clara Morgen: Vielen Dank. Ihre Worte freuen mich, zumal mir das Schreiben alles anderes als leicht fiel.

globe-M: Beim Lesen hat man den Eindruck, dass Sie es sich von der Seele geschrieben haben.

Clara Morgen: Ja, es kommt aus dem Herzen, aber die damit verbundenen Erinnerungen sind zum Teil sehr schmerzhaft.

globe-M: Das spürt man auch beim Lesen: Viele Stellen sind sehr bewegend, sodass man mit Ihnen aufrichtig mitfühlt. Man empfindet aber auch Bewunderung für Ihre Ehrlichkeit und letztendlich für Ihre Stärke, die Sie bewiesen haben. Wie lange haben Sie gebraucht, um so offen über dieses Thema zu sprechen?

Clara Morgen: Dem ging ein jahrzehntelanger Prozess voraus, in dem ich mich mit Intersexualität beschäftigte. Schließlich war das keine theoretische Auseinandersetzung, auch wenn ich im Laufe der Jahre sehr viel darüber gelesen habe, sondern eine tagtägliche Sorge um mein über alles geliebtes Kind, das mit einem männlichen XY-Chromosom, jedoch ohne ausreichend ausgebildete Geschlechtsteile geboren wurde. Ich durchlebte viele Phasen: Verdrängung und Selbstbetrug, Zweifel und Schuldgefühle, Verheimlichung und Mitteilungsbedürfnis. Erst als ich mich von der Vorstellung trennte, dass jeder Mensch von Natur aus einem der zwei Geschlechter angehören muss, lernte ich, ein Leben „zwischen den Geschlechtern“ als eine Bereicherung zu empfinden. Von diesem Moment an konnte ich darüber sprechen und schreiben.

globe-M: Verallgemeinerung und Kategorisierung gehören zu grundlegenden Wesensmerkmalen des menschlichen Verstandes. Eine binäre Zuordnung nach „weiblich“ und „männlich“ entspricht nun mal unserer Wahrnehmung. Meinen Sie, dass sich das wirklich ändern ließe?

Clara Morgen: Im Allgemeinen, rein äußerlich und sehr vordergründig, mag diese strikte Unterteilung der Menschen nach zwei Geschlechtern Bestand haben. Wobei auch hier, wenn wir ehrlich sind, die Palette individueller Ausprägungen ungeheuer breit ist. Denken Sie zum Beispiel an Frauen im Leistungssport, etwa an die deutschen Fußballspielerinnen, wie kraftvoll und muskulös sie sind. Oder erinnern Sie sich im Kontrast dazu an die feinen, schmalen Gesichtszüge von Heinrich Heine. Was ist da „typisch weiblich“ oder „typisch männlich“? Diese Einteilung wird heute zunehmend in Frage gestellt. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass Geschlechter vor allem soziokulturell geprägt sind.

globe-M: Sind damit festgefahrene Vorstellungen und die daraus resultierende Erziehung gemeint?

Clara Morgen: Ja, ganz genau. Dabei hängt ein glückliches und erfülltes Leben doch überhaupt nicht von geschlechtlicher Zuordnung und der Sexualität ab. Gerade in Berlin gibt es eine Menge von Menschen, die in keine gängige Schublade passen.

globe-M: Sie haben ihr Kind als Mädchen erzogen, es also in eine Geschlechterrolle gedrängt.

Clara Morgen: Das stimmt. Und heute weiß ich, dass dies nicht richtig war. Aber als mein Kind 1984 zur Welt kam, war ich einer ärztlichen und gesellschaftlichen Übermacht ausgesetzt, zu der es keine Alternative gab. Heute findet man Selbsthilfegruppen, Therapeuten, wissenschaftliche Publikationen, Bücher und Filme und hat dank Internet die Möglichkeit, sich weltweit mit Betroffenen auszutauschen. 1984 gab es nichts davon. Alleine die Ärzte haben die Frage der Geschlechtszuweisung entschieden und operativ hergestellt.

globe-M: Manche Äußerungen und Handlungen von Ärzten, die Sie im Kapitel über das erste Lebensjahr ihres Kindes wiedergeben, ließen mich wegen ihrer zynischen Kälte förmlich erschaudern. Wie sind Sie damit fertig geworden?.

Clara Morgen: Trotz alledem bin ich über mein Kind immer schon sehr glücklich gewesen und bin es nach wie vor. Ich bin auch ganz stolz auf Franzi, die ihren ganz eigenen Weg gewählt hat und diesem Weg unbeirrt folgt. Mein Buch ist ein Plädoyer gegen Schubladendenken. Es geht mir nicht darum, Geschlechter abzuschaffen, sondern um mehr Offenheit und eine größere Rücksichtnahme. Die Welt ist so mannigfaltig, da wäre es doch dumm, sich alleine auf den Polen aufzuhalten, wo es im ewigen Eis übrigens kaum Leben gibt.

globe-M: Bis auf ein paar Polarforscher…

Clara Morgen: Solange sie mich nicht zwingen, mich ihnen anzuschließen, finde ich sie ganz wunderbar.

  

Weitere Informationen
Clara Morgen. Mein intersexuelles Kind – weiblich, männlich, fließend.
Transit, 126 S., Hardcover, 14,80 Euro, ISBN: 978-3-88747-292-4

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