Die künstlerische Internationale

Vytautas Jurevicius. Foto: Vytautas Jurevicius

Als Vytautas Jurevicius im Jahr 2000 aus seiner beschaulichen Heimatstadt Palanga an der litauischen Ostseeküste nach Berlin aufbrach, deutete nichts darauf hin, dass er sein Leben einmal ganz der Kunst widmen würde. Dass der Weg zu dieser Erkenntnis über mehrere Stationen führte und nicht immer geradlinig verlief, erzählt der junge Künstler in einem Gespräch mit globe-M.

 

globe-M: Ihre Heimatstadt Palanga ist ein bekannter Badeort an der Ostsee, der seine große Beliebtheit vor allem einer besonders schönen Landschaft verdankt, in die er eingebettet ist. Diese Schönheit war anscheinend kein ausreichender Grund, um Sie für immer daran zu binden.

Vytautas Jurevicius: Das Meer ist immer sehr schön – bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Palanga liegt direkt an der Ostsee, und man kann stundenlang über lange weiße Sandstrände und  umliegende Dünen wandern. Das ist schon etwas Besonderes. Aber viel mehr hat Palanga nicht zu bieten. Es ist ein typischer, wenn auch sehr schöner und traditionsreicher Ferienort, in dem viele Hunderttausende ihren Urlaub verbringen, aber sonst nichts weiter passiert. Ich fühlte mich da immer eingeengt, unfrei und fehl am Platz.  

globe-M: Sie waren gerade mal 19 Jahre alt, als Sie Ihren Heimatort verließen. Aber Sie gingen nicht etwa in die Hauptstadt Vilnius oder eine andere Großstadt, sondern entschieden sich, Litauen ganz zu verlassen.

Vytautas Jurevicius: Das stimmt, im Jahr 2000 bin ich direkt nach Berlin gefahren. In dieser Zeit  gingen übrigens sehr viele Jugendliche ins Ausland.

globe-M: Hatte das wirtschaftliche Gründe?

Vytautas Jurevicius: Da bin ich mir nicht so sicher, ich glaube, es herrschte einfach eine Art Aufbruchstimmung, denn meiner Generation stand auf einmal die ganze Welt offen. Generationen davor hatten diese Möglichkeit nicht.

globe-M: Von Litauen aus gesehen ist Berlin rein geographisch wohl die am nächsten gelegene Metropole.

Vytautas Jurevicius: Es gibt sogar Linienbusse nach Berlin, die Fahrt dauert zwar ziemlich lange, kostet dafür aber nicht einmal 30 Euro. Berlin hat auch einen „Mythos“, ich wusste, dass es eine sehr spannende, lebendige Stadt ist. Hier verbrachte ich etwa ein halbes Jahr, bis es mich schließlich weiter nach Belgien zog.

globe-M: Was war der Grund dafür?

Vytautas Jurevicius: Ich wollte das „alte Europa“ näher kennenlernen und erleben. Und kaum eine Gegend eignet sich meiner Meinung nach dafür besser als Flandern. Fast ein Jahr lang lebte ich dort, sprach schon ganz gut Flämisch, entschied mich aber, ein Studium aufzunehmen, und zog deswegen nach Düsseldorf.

globe-M: Warum ausgerechnet nach Düsseldorf?

Vytautas Jurevicius: Ich habe mich für Design interessiert und jemand empfahl mir die Fachhochschule Düsseldorf, die einen sehr guten Ruf hätte. Also fing ich dort 2003 an, Kommunikationsdesign zu studieren. Es gab viele Kurse, die man belegen und absolvieren musste: Etwa die Hälfte davon hatte künstlerische Inhalte, zum Beispiel Fotografie oder Illustration, die andere Hälfte betraf unmittelbar Design und andere Bereiche. Es stellte sich sehr bald heraus, dass ich mich fast ausschließlich den künstlerischen Disziplinen widmete.

Alles, was ich dort tat, hatte einen stark experimentellen Charakter. Die Kunstprofessoren in Düsseldorf unterstützen mich und ließen mir genug Freiraum dafür. Also experimentierte ich im Fotolabor, erfand Illustrationen neu und entwickelte verschiedene Formate, die auch performative Elemente beinhalteten. Die anderen Kurse vernachlässigte ich dagegen, weil mir schon sehr bald klar wurde, dass sie mich überhaupt nicht interessierten. Fünf Jahre verbrachte ich an der Fachhochschule, hatte letztendlich alle Scheine in den künstlerischen und kaum welche in anderen Fächern.

globe-M: Man kann also sagen, dass Sie erst während des Studiums den Künstler in sich freigesetzt haben.

Vytautas Jurevicius: Ich vermute, dass dies früher oder später sowieso passiert wäre, aber das Studium gab mir dafür die richtigen Instrumente und die Möglichkeit, den Umgang damit zu lernen.

globe-M: Fünf Jahre unter der Aufsicht von Kunstpädagogen lassen bei Ihnen schon ein gewisses künstlerisches Niveau vermuten.

Vytautas Jurevicius: Dieser Meinung waren auch meine Professoren. Sie empfahlen mir ein richtiges Kunststudium. Ich stellte ein Portofolio zusammen und bewarb mich damit an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Zwei Jahre lang studierte ich in den Klassen von Prof. Harald Klingelhöller und John Bock, wurde aber dort nicht glücklich. Ich fand das Studium wenig inspirierend, was nicht an der Qualität dieser wirklich guten Professoren lag, sondern an der generellen Ausrichtung dieser Hochschule, die sich ausschließlich regional positioniert und dadurch nicht genug Kraft und Energie ausstrahlt. Also stellte ich 2010 mein Portofolio wieder zusammen und wurde damit in die Klasse von Simon Starling an der Städelschule in Frankfurt am Main aufgenommen. 

globe-M: Wodurch unterscheidet sich diese Hochschule von der in Karlsruhe?

Vytautas Jurevicius: Durch ihre Internationalität! In manchen Klassen zählten wir Studierende aus 16 verschiedenen Ländern, international sind auch die Professoren, die Unterrichtssprache ist oft Englisch. Die drei Jahre, die ich hier studierte, haben mich in jeder Hinsicht – menschlich und künstlerisch – ein großes Stück weiter gebracht. Schließlich habe ich 2013 die Städelschule als Meisterschüler vom britischen Künstler und Turner-Preisträger Simon Starling absolviert. 

globe-M: Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie dem Studium verdanken?

Vytautas Jurevicius: Da ich überwiegend im Bereich der Konzeptkunst arbeite, habe ich gelernt, wie enorm wichtig ihre Dokumentation ist. Zu einem ist eine sorgfältige Dokumentation für eine künstlerische Reflexion notwendig, zum anderen spielt sie eine entscheidende Rolle bei der Präsentation der Arbeit.

globe-M: Praktische Erkenntnisse müssen ja auch irgendwo herkommen und dürfen nicht unterschätzt werden. Vielen Dank für das Gespräch.

 

Weitere Informationen
Vytautas Jurevicius (geb. 1981 in Palanga, Litauen) studierte 2003–2008 Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Düsseldorf. 2007 absolvierte er ein Praktikum im Atelier der Bildhauerin Nele Waldert. Nach zwei Jahren Studium 2008–2010 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe, wechselte er an die Staatliche Hochschule für Bildende Künste (Städelschule) in Frankfurt am  Main, die er 2013 erfolgreich absolvierte. 
Leben als Kunswerk - globe-M Interview mit Vytautas Jurevicius, Teil 2
Vytautas Jurevicius bei facebook 
Fernsehportrait von Vytautas Jurevicius von 2012 

 

 

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