Die schöpferische Welt verstehen

1990 konnte Hannelore Fobo zum ersten Mal einen längeren Aufenthalt in der damaligen Sowjetunion organisieren und machte sich mit deren Künstlern und ihrer Kunst bekannt. Die „Neuen Künstler“, die sie in Petersburg entdeckte, zogen sie für immer in ihren Bann. globe-M wollte von der Kuratorin erfahren, wie sie sich diese Liebe erklärt.

 

globe-M: Ihr Leben dreht sich um zeitgenössische Kunst. Sie recherchieren und systematisieren, schreiben Texte, organisieren Ausstellungen – alles in allem eine mühevolle Arbeit. Wollen Sie es sich besonders schwer machen, indem Sie sich mit fremden und nicht immer freundlichen Russen beschäftigen?

Hannelore Fobo: Zu begreifen, was von den geistigen Eigenschaften des anderen Volkes das Fundamentalste, das Wertvollste ist, also das, was der eigenen Weltsicht nicht entspricht ist, ist die Mühe wert, finde ich.

globe-M: Was ist Ihrer Meinung nach besonders wertvoll in Russland?

Hannelore Fobo: Die Tiefe der Weltanschauung, die sich beim russischen Volk in einem großen Potential für das Erfassen der geistigen Welt zeigt – deswegen sind ja auch die russischen Denker in der Lage, Religion und Philosophie miteinander zu verbinden. Von dieser geistigen Welt bin ich fasziniert und habe den Wunsch und das Verlangen, sie mir selbst und anderen zu erklären. Denn die geistige Welt – die schöpferische Welt – ernährt den Menschen nicht weniger als die materielle Welt, und ohne Schöpfertum stirbt der Mensch an geistigem Hunger.

globe-M: Sehe ich es richtig, dass Sie den Eingang in diese Welt in Petersburg fanden?

Hannelore Fobo: Ganz genau. Als ich das Atelier von Evgenij Kozlov betrat, war mir sofort klar, dass ich hier Kunst in der eigentlichen Bedeutung dieses Begriffes sah. Ich trat gewissermaßen durch die Tür in die Welt der schöpferischen Kräfte.

globe-M: Evgenij Kozlovs Atelier ist unter den Kennern des sowjetischen Undergrounds legendär.

Hannelore Fobo: Dieses Atelier hatte Evgenij Kozlov von 1989 bis 1991. Es hieß „Russkoee Polee“ – Das russische Feld. Die beiden Wörter, aus dem der Name besteht, haben jeweils ein „E“ zu viel. „Е-Е“ war sein Künstlername in den Achtziger Jahren. Ausgesprochen wird diese Buchstabenkombination „Yeah – Yeah“, und dieses „Yeah – Yeah“ drückt eine neue Empfindung aus, einen frischen, optimistischen, schwungvollen und dabei tiefgründigen Impuls. 

Es befand sich in der Wohnung Nr. 31 in der dritten Etage des Eckhauses an der Fontanka 145, eines der großen Wohnhäuser, die in der Zeit vor der Revolution gebaut worden waren. In diesem Gebäude wohnten und arbeiteten mehrere Künstler, hier etablierte sich „Tanzpol“, der erste private Techno-Club Russlands, es gab eine Galerie im fünften Stock, die zum Beispiel das Werk der „Depressionisten“ zeigte. Mehrere Jahre lang war die Fontanka 145 ein außergewöhnlicher Sammelpunkt der Leningrader Avantgarde, und auf diese Weise ging der Ort in die Geschichte der russischen Kunst ein.

globe-M: Evgenij Kozlov war selbst einer der „Neuen Künstler“, der wohl bedeutendsten Leningrader Künstlergruppe jener Zeit.

Hannelore Fobo: Die Gruppe um den leider zu früh verstorbenen Timur Novikov war in der Tat die einflussreichste Künstlervereinigung der Achtziger und Neunziger Jahre, deren Wirkung noch bis heute ausstrahlt. Evgenij Kozlov gehörte zu ihrem Inner Circle. Sein Atelier war ein beliebter Treffpunkt seiner Künstlerkollegen unter anderem von Timur Novikov, Vladislav Mamyshev und Inal Savchenkov sowie  anderen Vertretern der Avantgarde wie etwa den Musikern der Gruppe „New Composers“.

Auch westliche Galeristen, Kuratoren oder Fernsehleute gingen bei ihm ein und aus. Vor kurzem habe ich mir wieder zwei Filmberichte von 1990 angeschaut, die vom deutschen Fernsehen über die Leningrader Kunstszene für die Sendung Aspekte gedreht wurden. Der eine zeigt eine Kunstaktion des österreichischen Aktionskünstlers, Musikers und Regisseurs Wolfgang Flatz,  die er gemeinsam mit Evgenij Kozlov in seinem Atelier durchgeführte, und der andere stellt die Bilder in „Russkoee Polee“ vor.

globe-M: Wie würden Sie das Besondere dieser zweifelsohne aufregenden Zeit beschreiben?

Hannelore Fobo: Für Leningrader Künstler stand nicht die Politik im Vordergrund, sondern die Freiheit in der Kunst. Es war eine ganz und gar außergewöhnliche Zeit – eine fantastische Übergangszeit, in der die alten Einschränkungen der sowjetischen Zeit keine Geltung mehr hatten und die neuen der kapitalistischen noch nicht wirksam waren. Im Rückblick mag sich dieses Gefühl der unbeschränkten, nach allen Richtungen offenen Handlungsmöglichkeiten als illusionär herausgestellt haben. Damals jedoch war es real vorhanden.

globe-M: Woran arbeiten Sie gerade?

Hannelore Fobo: Ich stecke mittendrin in Vorbereitungen zu einer Ausstellung in Petersburg, die „Miniaturen im Paradies“ von Evgenij Kozlov im Mittelpunkt hat. Das war ein einzigartiges Projekt: Der Künstler schuf sechzehn Originalgemälde auf Fahnenstoff im Format von jeweils 5 x 2 Meter, die 1995 etwa zwei Wochen lang um die Siegessäule im Berliner Tiergarten an Fahnenstangen wehten.

globe-M: Das klingt sehr interessant. Sagen Sie uns Bescheid, wenn es soweit ist?

Hannelore Fobo: Selbstverständlich, gern.

globe-M: Vielen Dank. Wir bleiben im Kontakt.

 

Weitere Informationen
Hannelore Fobo studierte Linguistik, Politische Wissenschaften und Lateinamerikanistik in München, Berlin und Malaga (Spanien), das Aufbaustudium Osteuropa an der Freien Universität Berlin führte sie mehrmals nach Moskau und St. Petersburg. Sie spricht fließend sechs Sprachen und hat sogar das Graecum von der Humboldt-Universität vorzuweisen. Seit 1990 beschäftigt sie sich mit der russischen Kunstszene, organisiert Ausstellungen und Projekte. Der Name des von ihr gegründeten Vereins „art-contact St. Petersburg Berlin e.V.“ weist unmissverständlich auf ihren Tätigkeitsschwerpunkt hin.

 

 

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