„Die Wirklichkeit ist noch wesentlich heftiger“

© Janosch Feucht

Darf man das? Über einen schizophrenen Menschen lachen? Ginge es nach Christian Bach müssten viel mehr Menschen selbstverständlicher mit schwierigen Themen umgehen. Sein Langfilmdebut „Hirngespinster“ zeigt den Spagat eines 22-jährigen zwischen Verantwortung, Jugend und Familie. Eine sehr persönliche Geschichte, wie er globe-M verrät. 

globe-M: In „Hirngespinster“ leidet der Vater eines 22-jährigen an paranoider Schizophrenie, möchte aber es aber nicht wahrhaben. Wie hast Du Dich dem Thema genähert? 

Christian Bach: Die erste Inspiration der Geschichte beruht auf der wahren Familiengeschichte von einem alten Jugendfreund. Dann habe ich viel recherchiert, mit anderen Betroffenen gesprochen, mit Psychiatern, mit Ärzten, mit Familien. Das zog sich über zwei, drei Jahre. Aus Gründen der Diskretion und des Respekts der Familie gegenüber habe ich mich von der ursprünglichen Geschichte entfernt, aber der emotionale Kern und die Grundkonflikte sind nach wie vor da.

globe-M: Wie viel von der wahren Geschichte hast Du übernommen?

Christian Bach: Im Endeffekt das Setting in einer Kleinstadt in einer Einfamilienhaussiedlung, wo die Nachbarschaft in Frieden ihre bürgerliche Idylle leben will, aber die Familie Dallinger mit ihrem verrückten Vater lebt, der immer wieder für Trubel sorgt. Und die Konflikte innerhalb der Familie, die Sorge der Kinder: Habe ich das auch? Steckt das auch in mir? Die Vorwürfe einiger Familienmitglieder untereinander: Wie kannst Du eigentlich mit so einem Menschen eine Familie gründen? Dieses Dilemma: Habe ich die Pflicht zu bleiben und mit der Familie alles durchzustehen oder darf ich irgendwann ausziehen? 

globe-M: Du lässt beim Spiel des Vaters die Grenzen zwischen Wahnsinn und Normalität verschwimmen. Was war das Schwierigste beim Schreiben des Drehbuchs? 

Christian Bach: Ich hatte von Anfang an den Anspruch, es so zu erzählen, dass man es sich gerne anschaut und nicht nachher völlig niedergeknüppelt aus dem Kino kommt, und trotzdem etwas zum Nachdenken mitnehmen kann und dabei emotional bewegt wurde. Dass man in einem Drama auch Lachen kann,  ist für mich absolut notwendig. 

globe-M: Wenn der Vater in seinem Wahnsinn mit einer Axt auf die Motorhaube des Autos der Elektroinstallateure schlägt oder das Zimmer mit Goldfolie ausgekleidet wird, weil der Vater Angst hat, dass seine geheimen Pläne ausspioniert werden, wirkt das schon sehr plakativ. Hast Du eher über- oder untertrieben?

Christian Bach: Leute, die sich nicht so mit dem Thema auskennen, denken, das ist völlig übertrieben. Die Wahrheit ist: Es ist eher untertrieben. Die Wirklichkeit ist noch wesentlich heftiger. In der Geschichte auf der das beruht ist das keine Axt, sondern eine Schrotflinte, die Polizeieinsätze sind im Film weniger heftig, oder auch das, was in der Psychiatrie und innerhalb der Familie passiert. Ich habe das für den Zuschauer halbwegs verdaulich gemacht, ohne jedoch irgendetwas zu verharmlosen oder zu beschönigen. 

globe-M: Tobias Moretti spielt den paranoid-schizophrenen Vater. Warum hast Du Dich für Moretti entschieden?

Christian Bach: Mir war es wichtig, jemanden zu haben, der nicht auf den ersten Blick schon ein Opfer ist oder ein kranker und labiler Mensch. Ich wollte jemanden haben, der ein richtiger Kerl ist. Diese psychischen Krankheiten können jeden treffen, auch Leute bei denen man es nie gedacht hätte. Ich wollte, dass es jemand mit Charisma ist, der Dampf hat, der Mitten im Leben steht und ein attraktiver und talentierter Mensch ist. Nur driftet er halt hin und wieder in diese psychotischen Schübe ab. 

globe-M: Den sehr pflichtbewussten, stillen Sohn Simon Dallinger spielt Jonas Nay. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Christian Bach: Ich habe versucht, wenig über Dialoge zu erzählen, sondern die Konflikte der Figuren eher visuell spürbar zu machen. Gerade diese inneren Konflikte glaubhaft herüberzubringen, war für Jonas eine Herausforderung. Außerdem musste er gegen die starke Vaterfigur im Drehbuch ankommen und gegen den erfahrenen charismatischen Moretti. Der Jonas arbeitet ganz intuitiv und ist auch handwerklich super und hat ganz viel von sich selbst eingebracht. Schon beim Casting war nach zehn Sekunden klar: „Das ist Simon.“ 

globe-M: Wie viel Freiheit hast Du den Schauspielern beim Dreh gelassen?

Christian Bach: Manchmal sagt ein Schauspieler: Kann ich den Satz vielleicht besser so ausdrücken? Man hat plötzlich einen Haufen Leute, die ihre ganze Intelligenz, die ihr Talent einbringen und es wäre dumm, wenn man da nicht zuhört.

globe-M: Du hast Dich vier Jahre lang mit dem Thema Schizophrenie auseinandergesetzt. Wie hat Dich die Arbeit verändert? 

Christian Bach: Alles, was mit psychischen Krankheiten zu tun hat, jeder Zeitungsartikel springt einen sofort an. Ich habe plötzlich auch gewisse Verhaltensmuster klarer erkennen können, wenn ich durch die Straßen gegangen bin. Immer, wenn ich mit Leuten über den Film geredet und das Krankheitsbild beschrieben habe, kannten die Leute entweder schon jemanden oder sie meinten:„Das klingt wie mein Nachbar im dritten Stock, der immer glaubt, dass wir heimlich Gas bei ihm in die Wohnung leiten, weil wir ihn da rausekeln wollen.“ Es gab so viele Leute, die plötzlich gesagt haben, das käme ihnen irgendwie bekannt vor. 

globe-M: Und wie geht’s für Dich nach dem Filmfest weiter?

Christian Bach: Natürlich arbeite ich an weiteren Büchern, der Film war ein langer Weg. Jetzt muss ich mich etwas sammeln und dann hoffe ich, dass ich bald meinen nächsten Film machen kann. Ich muss als nächstes auch nicht wieder unbedingt ein Psychodrama innerhalb einer Familie machen. Jetzt möchte ich wirklich mal was anderes schreiben.

 

Weitere Informationen 

„Hirngespinster“ feierte seine Premiere auf dem Filmfest München. Am 5. Juli wird der Film nochmal gezeigt. „Hirngespinster“ kommt am 9. Oktober 2014 ins Kino. 

 

Expertenstimmen Archiv

DatumSortiericonTitel
29.Sep.2014Selbstauswertung bis hin zum Ernstfall
25.Sep.2014Positionen zur Positions
25.Sep.2014"Der Berliner Mythos allein zieht nicht mehr"
24.Sep.2014Neue Positionen beziehen
21.Sep.2014Tanzskulpturen
09.Sep.2014Erst Marathon, dann Freakshow
06.Sep.2014Choreographie der Schwerelosigkeit
06.Sep.2014Das Dunkle in uns
06.Sep.2014„Manchmal ist das Narrativ fast tyrannisch“
04.Sep.2014„Wir schulden den Bayaka unseren Film“
31.Aug.2014Katharsis durch Reizüberflutung
20.Aug.2014„Georgien ist näher am Leben.“
16.Aug.2014Nicht nur in Stein gemeißelt
14.Aug.2014Keine Kategorien bitte
11.Aug.2014Von Moskau nach Berlin und zurück
10.Aug.2014Virtuelle Bilderwelten
06.Aug.2014Phönix aus der Asche
06.Aug.2014Landschaftsfantasien
30.Jul.2014„Als würde man in ein fremdes Land reisen“
28.Jul.2014Cindy Sherman im MoMA
28.Jul.2014Courage heißt schon, als Künstler zu leben
22.Jul.2014Angela Merkels „Hoffotograf“
19.Jul.2014Schlüsselmomente mit Mitmachfaktor
10.Jul.2014Nächtliche Youtube-Fantasien
05.Jul.2014Zwischen Technik und Poesie
05.Jul.2014„Die Wirklichkeit ist noch wesentlich heftiger“
30.Jun.2014„Universelle Erfahrung ohne Sprachbarrieren“
30.Jun.2014„Erich Kästner war damals schon altmodisch“
22.Jun.2014„Man müsste aus dem modernen Leben aussteigen“
16.Jun.2014Das Gedicht bestimmt die Farbe des Konzerts
13.Jun.2014Von der Bedeutung der Kunst
09.Jun.2014„RLF ist reflexiv und nicht positivistisch“
08.Jun.2014Ganz groß mit Hut
07.Jun.2014Du bist überall auf der Erde
06.Jun.2014Mikroben als Kunststars
30.Mai.2014„Ich nehme elektromagnetische Wellen wahr“
27.Mai.2014Von der Eisprinzessin zur Stilkönigin
21.Mai.2014Gestalten und Beobachten
21.Mai.2014Nordisches Speed-Dating in Berlin
19.Mai.2014Im Ravekostüm mit 50?
18.Mai.2014„Wir lieben das Risiko, zu scheitern“
13.Mai.2014Farben des Nordens
12.Mai.2014„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“
12.Mai.2014 David Hasselhoff singt für globe-M
11.Mai.2014Von Hackern und Hippies lernen
11.Mai.2014TV-Million durch Cannabiskampagne
29.Apr.2014 Sorgen um ein zerrüttetes Land
23.Apr.2014 Lust auf Neues
21.Apr.2014„Ich kann auch gerne mal läpsch sein“
20.Apr.2014 Der richtige Ton
17.Apr.2014 Auf der Suche nach Herausforderungen
13.Apr.2014Ich kann mir den Film in Farbe nicht vorstellen
12.Apr.2014Mich interessiert mehr der Blick daneben
06.Apr.2014Klavierspiel mit Freude
05.Apr.2014„Die Fragen werden bleiben“
02.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
01.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
24.Mär.2014„Hat man Eier, oder hat man keine?“
20.Mär.2014„Wir sind alle aus Spirit gemacht“
17.Mär.2014Beim Jazz muss man sich entblößen
07.Mär.2014Berlin hat die Kunst in mir hervorgebracht
06.Mär.2014„Für mich ist die Wahl eines Films persönlich“
04.Mär.2014Den französischen Schubladen entkommen
02.Mär.2014Close Up! als Kontakt zur Bodenstation
25.Feb.2014Beethoven plus Hindemith
14.Feb.2014Monatliche Wundertüte
10.Feb.2014Storytelling wie vor 50 000 Jahren
10.Feb.2014„Ich sehe über 600 Filme im Jahr“
03.Feb.2014Neue Räume schaffen
02.Feb.2014MY MISERY IS FOR YOUR ENTERTAINMENT
29.Jan.2014Berlin jazzt
20.Jan.2014„Inspiration ist wie Bauchschmerzen“
19.Jan.2014„Verbrechen sind keine Frage der Intelligenz“
16.Jan.2014„Ein lustiges Land mit einer seltsamen Kultur“
13.Jan.2014Die Farbe des Chansons
10.Jan.2014Leben als Kunstform
09.Jan.2014Die künstlerische Internationale
30.Dez.2013Musik für Erfahrene
22.Dez.2013Man ist so jung...
17.Dez.2013Das Zielgerichtete überwinden
11.Dez.2013Ökonomie des Schenkens
08.Dez.2013Die schöpferische Welt verstehen
07.Dez.2013 Faszination Kunstmarkt
06.Dez.2013Was ist Humor?
25.Nov.2013Streichquartett des Nonplusultra
24.Nov.2013Im Dunkel – da findest du was
21.Nov.2013 Symphonie einer großen Welt
21.Nov.2013„Es war filmmäßig“
11.Nov.2013 Splitter einer Ära
08.Nov.2013 Ein Geschenk aus Liebe
07.Nov.2013„Die Mentalität muss sich ändern“
04.Nov.2013 Uns interessiert, was wir nicht kennen
31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
22.Okt.2013Schöne Wetteraussichten
20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
18.Okt.2013Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive
11.Okt.2013Intellektueller Pop
10.Okt.2013Ein Tausendsassa lernt nie aus
08.Okt.2013 Die Grenzgängerin
05.Okt.2013Nackte Seele
23.Sep.2013Städteplanung nach Darwin
16.Sep.2013Malen ist meine Meditation
15.Sep.2013Talentfinder
14.Sep.2013Hauptstadt des Tangos
14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
03.Sep.2013 Herausfordernde Lebendigkeit
27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
26.Aug.2013Autobiographische Metaebene
24.Aug.2013Die Welt will, dass man erwachsen wird
20.Aug.2013Neue Töne aus der Uckermark
15.Aug.2013 Ein Traum fürs Leben
15.Aug.2013Der Blick zurück nach vorne
11.Aug.2013Kunst ohne Imagepflege
05.Aug.2013 Lalys Lalylalas
02.Aug.2013 Illusion im Dienste der Wahrheit
30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
26.Jul.2013Nobelpenner mit Plattenvertrag
25.Jul.2013Jedermann - Ein Modezar im Zelt
19.Jul.2013Lodernde Leidenschaften
18.Jul.2013Mörderische Nische
05.Jul.2013Soziale Kreativität
04.Jul.2013Prada trifft auf Wes Anderson
01.Jul.2013„Der echte Heimatfilm ist tot“
27.Jun.2013Wir wollen mehr als nur Events
27.Jun.2013Für Chile arbeiten
21.Jun.20132500 Quadratmeter Glitzerwelt
11.Jun.2013„Im Alter möchte ich Udo Jürgens sein“
07.Jun.2013„Fresse halten, Bass spielen“
29.Mai.2013Erfrischend mutig - Rosalie Thomass
23.Mai.2013Imogen Kusch ‑ ein "24-Hour-Artist"
20.Mai.2013Visuelle Themenwelten
18.Mai.2013Himmel und Wasser
18.Mai.2013Bösewicht mit großem Herz
16.Mai.2013Musterhaft
10.Mai.2013Berlin Transit
10.Mai.2013„Theater ist für mich der Ur-Moment“
09.Mai.2013Für Recht und Gerechtigkeit
09.Mai.2013Kunst und Kommunikation
08.Mai.2013Mehr als kleine Strichmännchen
08.Mai.2013Schauen und Staunen
08.Mai.2013Designzauber aus dem Norden
08.Mai.2013Näkemiin Suomi!
08.Mai.2013Lebendige Folien - Media Art von Saana Inari
08.Mai.2013Szenetreff versus Beschaulichkeit
08.Mai.2013Jung und echt unter deutscher Flagge
08.Mai.2013Der Malteser Schatz
08.Mai.201340 Jahre „Schwarzer September“
08.Mai.2013Glamour auf rotem Teppich
08.Mai.2013Produktion und Verwertung
08.Mai.2013Bilderkrieg
08.Mai.2013Das menschliche Maß
08.Mai.2013Ein scheinbar unmögliches Projekt
08.Mai.2013Blindes Verständnis
08.Mai.2013Tanz, Musik, Film und Text

Warning: Duplicate entry '58254862' for key 'PRIMARY' query: INSERT INTO globem_watchdog (uid, type, message, severity, link, location, referer, hostname, timestamp) VALUES (0, 'php', '<em>Duplicate entry &amp;#039;15519857&amp;#039; for key &amp;#039;PRIMARY&amp;#039;\nquery: INSERT INTO globem_accesslog (title, path, url, hostname, uid, sid, timer, timestamp) values(&amp;#039;„Die Wirklichkeit ist noch wesentlich heftiger“&amp;#039;, &amp;#039;node/29288&amp;#039;, &amp;#039;&amp;#039;, &amp;#039;54.162.107.122&amp;#039;, 0, &amp;#039;8e80f89abc4f37789a917240c18d18e6&amp;#039;, 778, 1506164078)</em> in <em>/kunden/210808_12165/webseiten/globem/includes/database.mysql.inc</em> in Zeile <em>174</em>.', 2, '', 'http://alt.globe-m.de/de/experts/die-wirklichkeit-ist-noch-wesentlich-heftiger', '', '54.162.107.122', 1506164078) in /kunden/210808_12165/webseiten/globem/includes/database.mysql.inc on line 174