Eine Frage des Geldes

Swetlana Belowa. Foto: privat

Das Studium an der Moskauer Ökonomischen Universität war für die kunstliebende Swetlana Belowa reine Vernunftsache. Eine Stelle suchte sie aber in einem Umfeld, das ihren Neigungen entsprach. Nach einigen Jahren im Puschkin-Museum und im Zentrum für zeitgenössische Kunst wechselte sie vor kurzem an das Majakowski-Museum. Hier hat sie deutlich mehr Verantwortung für deutlich weniger Gehalt. globe-M wollte wissen, was sie dazu bewog.

 

globe-M: Kaum ein anderes kulturelles Thema beschäftigt die Öffentlichkeit zurzeit so stark wie die Zukunft des Majakowski-Museums. Die neue Direktorin, selbst erst seit Januar offiziell im Amt, hat Sie vor wenigen Monaten als kaufmännische Geschäftsführerin mit an Bord genommen. Wie war Ihr Start?

Swetlana Belowa: Ich muss gestehen, dass ich das auf mich zukommende Arbeitsvolumen um einiges unterschätzt habe. Zwölf bis vierzehn Stunden im Büro sind bei mir leider an der Tagesordnung.

globe-M: Woran liegt das?

Swetlana Belowa: An der mangelnden Finanzierung, die den Bedürfnissen des Museums nicht annähernd entspricht. Also müssen Modelle entwickelt werden, wie man an Geld kommt: Dazu gehören zahlreiche Förderanträge, Gesuche, Umstrukturierungen von Mitteln und geschickte Abrechnungen. Dabei soll das Ganze den strengen Auflagen und stellenweise absurden bürokratischen Normen einer staatlichen Kultureinrichtung entsprechen und ständiger Kontrolle standhalten.

globe-M: Aber das müssen Sie doch nicht alleine machen?

Swetlana Belowa: Zu meinem Bedauern weitgehend doch. Und das ist der zweite Grund für diesen hohen Arbeitsaufwand. Im Museum fanden wir eine starre Struktur sowjetischer Prägung vor: Zahlreiche Mitarbeiter werden dort seit der Breschnew-Ära beschäftigt und scheinen nicht zu verstehen, dass die Zeiten und damit auch manche Regeln sich geändert haben. So hat zum Beispiel die Finanzabteilung bei der Kalkulation der Gebäudesanierung, die jetzt unmittelbar ansteht, die gesamte Ausstellung außer acht gelassen, deren notwendiger Abbau jedoch aufgrund ihrer Komplexität enorm hohe Kosten mit sich bringt. Dieses Geld fehlt jetzt natürlich.

globe-M: Dabei ist es gerade diese Exposition, weswegen sich die Öffentlichkeit aufregt. Man befürchtet nämlich, dass die neue Leitung sie abbauen lässt und danach nicht mehr aufbaut. Es ist in der Tat eine einmalige Installation, die ganz im Geiste der Avantgarde in gebrochenen Linien und Biegungen über vier Etagen herabschwebt. Der bekannte Architekturkritiker Grigori Rewsin meinte einmal, dass ihr Museum nicht einfach gut, sondern genial sei. Es gehört außerdem zu den meistbesuchten Museen Moskaus. Wie sieht diese Ausstellung aus ihrer Perspektive aus?

Swetlana Belowa:
Ganz ohne Zweifel handelt es sich hier um etwas ganz Außergewöhnliches. In unserem Museum geht man eine normale Altbau-Treppe hinauf und sieht zunächst ein kleines Zimmer, in dem Majakowski seit 1913 lebte und sich 1930 das Leben nahm. Die Einrichtung des Gedenkzimmers ist so, wie er es hinterlassen hat. Von dort aus beginnt eine breite Rampe, die spiralförmig in den Keller des Gebäudes führt. Entlang der Rampe ist eine gigantische Kollage aus Gegenständen und Kunstwerken aufgebaut, die sich an der Lebensgeschichte von Majakowski orientiert, aber selten direkt, sondern meist symbolisch. Diese einmalige Konstruktion ist wirklich sehr beeindruckend und wird der Persönlichkeit des Dichters durchaus gerecht. Sie entstand 1989 während der Perestroika und gibt, wie mir scheint, auch den Elan jener Jahre wieder. Daher teile ich die Meinung vieler, dass diese Exposition als ein in sich geschlossenes Ganzes betrachtet werden sollte.

Und genau an diesem Punkt kommt ein „aber“. Seit ihrer Entstehung ist inzwischen ein Vierteljahrhundert vergangen: An manchen Stellen sieht die Konstruktion ziemlich abgegriffen aus. Aber am problematischsten finde ich, dass man ihr nichts hinzufügen und nichts wegnehmen kann. Keine ihrer Teile lassen sich anders anordnen. Von ihrer Beschaffenheit her kann diese Installation also keine neuen Inhalte vermitteln. Sie bietet ein Erlebnis, aber keine Erkenntnisse. Und das sollte meines Erachtens jedes Museum auf jeden Fall leisten. Es ist doch schade, dass das Majakowski-Museum, das so viele außergewöhnlich spannende Objekte in seinen Beständen hat, sie nie zeigen kann.

globe-M: Was wäre Ihrer Meinung nach die beste Lösung dieses Dilemmas?

Swetlana Belowa: Mein Wunsch wäre schon, dass die Installation in ihrer Gesamtheit bestehen bleibt.

globe-M: Wie würden Sie die Zukunft von Majakowski-Museum gern sehen?

Swetlana Belowa: Meiner Meinung nach sollte hier auf jeden Fall eine wissenschaftliche Aufarbeitung und spannende Präsentation der reichhaltigen Bestände stattfinden. Es ist ein Literaturmuseum, in dem viel Zeitgeist und zahlreiche Ideenwelten einer sehr bewegten Epoche aufbewahrt werden. Ich würde mir wünschen, dass unser Museum mehr als eine Attraktion ist; es sollte sich vielmehr zu einer international renommierten Einrichtung entwickelen, in der die ganze Widersprüchlichkeit, aber auch die enorme Vielseitigkeit des Dichters zum Ausgangspunkt genommen wird, um diese Epoche zu begreifen.

globe-M: War dieser Wunsch der Grund, weshalb sie das Staatliche Zentrum für zeitgenössische Kunst, das russlandweit vernetzt und ausgesprochen gut finanziert ist, zugunsten des Majakowski-Museums verließen?

Swetlana Belowa: Es ist ein großes Glück, Großes gestalten zu dürfen.

globe-M: Ich glaube, Majakowski hätte ihnen ohne zu zögern zugestimmt. Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei ihrem großen Vorhaben.

Weitere Informationen:
Swetlana Belowa absolvierte 1997 die Moskauer Ökonomische Universität. Ihre Arbeit im renommierten Puschkin-Museum und vor allem in dem sehr dynamischen Staatlichen Zentrum für zeitgenössische Kunst machte sie zu einer versierten Fachökonomin auf dem Gebiet institutioneller Kunstfinanzierung. Seit März 2013 ist sie als kaufmännische Geschäftsführerin des Majakowski-Museums tätig. In den letzten Jahren trat sie außerdem als Fotografin in Erscheinung: Ihre vielbeachteten Aufnahmen von alten italienischen Städten, in denen sie ihre Impressionen vor allem durch Spiegelungen in Glastüren und Vitrinen einfing, wurden vor etwa zwei Jahren in der Galerie „Francia“ gezeigt.

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