„Erich Kästner war damals schon altmodisch“

© Caroline Link

Oscargewinnerin Caroline Link eröffnete letztes Jahr mit „Exit Marrakech“ das Filmfest München. Dieses Jahr dreht sie gemeinsam mit Neun- bis Elfjährigen auf dem Kinderfilmfest einen Mini-Krimi. Zehn Kinder übernehmen Kamera, Ton, Regie und Schauspielerrollen. Mit Caroline Links Erich-Kästner-Verfilmung „Pünktchen und Anton“ bildet der Kurzkrimi den Abschluss des Kinderfilmfests. Warum Kästners Sprache so besonders ist, wie sie ihre Rolle als Mutter im Beruf beeinflusst und worauf sie vor dem Dreh mit jungen Darstellern achtet, erklärt die Regisseurin globe-M.

globe-M: Worauf achten Sie beim Casting von Kinder- und Jugenddarstellern generell?

Caroline Link: Bei Kindern geht es mir um eine gewisse Unbefangenheit vor der Kamera, um Selbstbewusstsein, ohne eine übersteigerte Selbstwahrnehmung. Deswegen sind mir Kinder nicht so recht, die schon viel gedreht haben und sich ihrer Wirkung bewusst sind. Sie sollen eine gewisse Natürlichkeit mitbringen und gegenüber der Kamera frei sein.

globe-M: Ist es einfacher oder schwieriger, mit Kindern zu arbeiten?

Caroline Link: Es gibt viele Kollegen, die die Arbeit mit Kindern anstrengend finden, weil Kinder ein Stück weit unberechenbar und unprofessionell sind, aber das ist auch ihre Stärke. Es entstehen manchmal Dinge, bei denen man mit der Kamera ein bisschen umdenken muss. Sie machten nicht alles im technischen Ablauf perfekt, aber Kinder bringen eine große Natürlichkeit und Spontaneität mit. Das ist auch eine große Qualität, die Filme sehr lebendig machen kann.

globe-M: 1999 verfilmten Sie Erich Kästners „Pünktchen und Anton“. Würden Sie heute den Film auf die gleiche Weise drehen?

Caroline Link: Das glaube ich nicht, weil ich mich natürlich über all die Jahre auch verändert habe. Der eigene Blick auf die Welt, auf Familie und das Leben flackert immer in Filmen auf, aber die beiden Kinderdarsteller finde ich nach wie vor charmant und sehr überzeugend. Sie waren sehr talentiert und haben später noch einiges gedreht. Ob ich jetzt immer noch mit so einem extrem optimistischen und unbeschwerten Blick auf das Leben kucken könnte wie damals, weiß ich nicht. Natürlich würde ich versuchen, der Vorlage gerecht zu werden. Das Buch von Erich Kästner ist sehr humorvoll und leicht, hat aber durchaus melancholische Momente.

globe-M: Ist der Kästnerfilm heute noch zeitgemäß?

Caroline Link: Erich Kästner war zu seiner Zeit relativ altmodisch. Er lässt die Kinder und Erwachsenen in einer sehr typischen Kästnersprache sprechen und benutzt so altmodische Ausdrücke wie: „Das ist ja kolossal spannend“. Sich so auszudrücken war schon in den Dreißiger-, Vierzigerjahren ungewöhnlich, aber ich wollte den Geist von Kästner benutzen. Kinderfilme, die auf Biegen und Brechen versuchen, modern zu sein, wenn sie einen in diesem Sinne altmodischen Stoff behandeln, finde ich ein bisschen angestrengt. Ich finde es schön, wenn man auf die Qualität der Vorlage vertraut.

globe-M: Man sollte also nicht versuchen, den Zeitgeist abzubilden?

Caroline Link: Auf jeden Fall würde ich bei Kinderfilmen, die ein langes Leben haben können, versuchen, auf moderne Sprache zu verzichten. Diese Dialoge werden naturgemäß irgendwann altmodisch. Die Mode geht vorbei und keiner redet mehr so. Das finde ich immer ein bisschen schade. Außerdem habe ich nicht das Gefühl, als erwachsene Frau zu spüren, wie Kinder und Jugendliche wirklich sprechen. Wenn ich versuche, ihnen zu gefallen, indem ich mich so jugendlich wie möglich gebe, dann kann das ganz schnell peinlich werden.

globe-M: Sie sind selbst Mutter einer zwölfjährigen Tochter. Wie hat sie Ihre Art des Filmemachens verändert? 

Caroline Link: Bevor ich Mutter wurde, hatte ich eine Affinität, Kindheits- und Jugendgeschichten zu erzählen und seit ich den ganzen Tag in meinem Alltag Kinder um mich habe, ist das Bedürfnis gestillt. Ich merke, dass mich Geschichten aus einer Erwachsenenperspektive mehr interessieren.

globe-M: Glauben Sie, Sie wären damals als Mutter so weit gekommen? Schließlich bekamen Sie für „Nirgendwo in Afrika“ 2003 einen Oscar.

Caroline Link: Ich glaube nicht, dass ich mit einem kleinen Baby „Nirgendwo in Afrika“ gedreht hätte. Als ich mit 38 Jahren Mutter wurde, hatte mir ein amerikanischer Produzent einen historischen Stoff in China angeboten und ich hätte mit meinem fünf Monate alten Baby für ein halbes Jahr dorthin gehen können. Das lag mir ziemlich schwer im Magen. Als es Probleme mit den Hauptdarstellerinnen und damit finanzielle Gründe gab, war ganz ich ganz erleichtert, dass ich da nicht hinmusste.

globe-M: Wie kann man trotz Familie erfolgreich Filme drehen?

Caroline Link: Ich würde sagen, die Partnerwahl ist entscheidend, wenn man auf der ganzen Welt Filme machen möchte und gleichzeitig Familie hat. Man muss wirklich einen Mann haben, der dazu bereit ist, voll da zu sein und die Familie während der Zeit, wenn man weg ist, zu versorgen. Diese Männer sind immer noch sehr dünn gesät.

globe-M: Sie leben mit dem Regisseur Dominik Graf zusammen. Wer führt bei Ihnen in der Familie Regie?

Caroline Link: Wir alle drei sind Bestimmer: mein Mann, meine Tochter und ich. Das führt manchmal zu Diskussionen, aber jeder hat sein Gebiet. Wenn es darum geht, zu entscheiden, wohin wir am Sonntag einen Ausflug machen, dann bin ich wahrscheinlich der Chef, bei der Urlaubsplanung und der Entscheidung, in welche Kneipe wir gehen, ist mein Mann eher der Chef und meine Tochter bestimmt alles restliche.

Weitere Informationen

Caroline Link, geboren 1964 in Bad Nauheim, wurde 1998 für den Oscar für „Jenseits der Stille“ nominiert. 2003 bekam sie den Auslandsoscar für „Nirgendwo in Afrika“. Weitere Filme unter der Regie von Caroline Link: „Pünktchen und Anton“ (1999), „Im Winter ein Jahr“ (2008), „Exit Marrakech“ (2013). „Pünktchen und Anton“ läuft auf dem Kinderfilmfest München am 5. Juli um 14.30 Uhr.

Dieses Jahr leitete Caroline Link einen Schnupperworkshop für neun- bis elfjährige Filmbegeisterte am ersten Wochenende des Filmfests: Zehn Kinder übernahmen in einem circa zehnminütigen Kurzkrimi Kamera, Regie, Ton und Schauspielerrollen. Das Ergebnis soll am 5. Juli vor dem Preisträgerfilm des Publikumspreises auf dem Kinderfilmfest gezeigt werden. 
 

 

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