Farben des Nordens

Juri Burma. Foto: privat

Der 28-jährige Juri Burma lebt in der größten Stadt der Arktis: Seine Heimatstadt Murmansk liegt, eingebettet in die märchenhafte Natur der Halbinsel Kola, drei Grad nördlich des Polarkreises. Als aufstrebender Webdesigner bedient er sich ausschließlich digitaler Werkzeuge, und doch türmen sich in seinem Atelier unzählige Farbsprays. globe-M wollte den Grund dafür erfahren.

 

globe-M: Das Leben hinter dem Polarkreis stellt man sich für gewöhnlich besonders rau vor: eisige Kälte, ewige Dunkelheit, gedämpfte Stimmung.

Juri Burma: Dafür gibt es herrliche Nordlichter und ewige Helligkeit im Sommer. Schon jetzt, also Mitte Mai, steht die Sonne etwa um 4 Uhr auf und geht erst eine halbe Stunde vor Mitternacht runter. Um den 20. Mai herum wird der Lichttag schon über 23 Stunden lang sein.

globe-M: Ist die Stimmung im Sommer besser?

Juri Burma: Man ist einfach ausgelassener. Und man ist oft im Grünen, um den kurzen nordischen Sommer auszukosten. Aber damit will ich nicht sagen, dass die Stimmung im Winter besonders trüb wäre. Eigentlich sind Menschen in meinem Umfeld meistens gut drauf.

globe-M: Sie selbst sind Webdesigner vom Beruf. Kann man daraus schließen, dass Sie viele  Kreative in Ihrem Freundeskreis haben?

Juri Burma: Das eine hat zwar, wie ich finde, nicht unmittelbar mit dem anderen zu tun, aber ich bin in der Tat mit einigen sehr kreativen Menschen befreundet. Dabei arbeiten sie bei weitem nicht alle in der Kreativwirtschaft, sondern haben entsprechende Interessen und setzen ihre Ideen in der Freizeit um. 

globe-M: Ihre Kreativität beschränkt sich ja auch nicht alleine auf das Gestalten von Websites. Wenn man sich in ihrem Atelier umschaut, entdeckt man sofort echte Old-School-Elektrogitarren mit authentischem Zubehör und ein Keyboard. Spielen Sie diese Instrumente?

Juri Burma: Ja, Gitarre schon lange, Keyboard erst seit zwei Monaten. Es klappt eigentlich schon ganz gut, aber bevor ich das richtig kann, gibt es für mich da noch einiges zu tun.

globe-M: Besonders markant sind in Ihrem Arbeitszimmer aber drei große Regale voller Spraydosen in allen erdenklichen Farbnuancen. Es sind so viele, dass Sie sie kaum alleine leer sprühen können.

Juri Burma: Man könnte damit eine Straße von hier nach Helsinki anmalen. Aber sie gehören nicht mir, sondern meinem besten Freund Ilya. Er ist ein stadtbekannter Graffiti-Künstler, der sogar viele Projekte mit der Stadtverwaltung umsetzt. Vor kurzem hat er zum Beispiel eine große Mauer mit Jugendlichen gestaltet. Diese Farben bekommt er über den Großhandel. Man kann herkommen und sie kaufen. Das wirft kaum Gewinn ab, aber seine Unkosten kann er damit decken.

globe-M: Aber warum wurde ausgerechnet Ihr Atelier zum Sprayer-Shop?

Juri Burma: Nun, ich bin die allermeiste Zeit des Tages hier, oft bis tief in die Nacht. Da kann ich schon mal eine Spraydose auch um 23 Uhr verkaufen. Sie dürfen aber nicht denken, es ginge hier zu wie in einem Supermarkt zu. Am Tag kommen ein bis zwei, selten drei Käufer und manchmal gar keiner. Jugendliche kommen gelegentlich zu dritt oder zu viert, aber kaufen nicht mehr als ein Einzelkäufer.  

globe-M: Das klingt amüsant. Was sind das für Menschen, die Sie so täglich aufsuchen?

Juri Burma: Leute aus der Szene, Bekannte von Ilya oder seine „Followers“ in den sozialen Netzwerken. Am liebsten mag ich Designer, die die Farbe zur Gestaltung von Räumen oder Gegenständen benutzen. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sorgfältig sie die einzelnen Schattierungen vergleichen, um die richtige auszusuchen. Aber Designer sind unter den Käufer in der Minderheit. Meistens sind es Kinder, diese Vandalen.

globe-M: Was haben sie angestellt?

Juri Burma: Mir den Hauseingang vollbeschmiert. Deswegen gab es Ärger mit den Mietern und mit der Polizei, obwohl wir die Wände inzwischen dreimal gestrichen haben. Lange mache ich das nicht mehr mit, auch wenn das Ganze doch ziemlich lustig ist.

globe-M: Was kommt dann anstelle der Farbregale?

Juri Burma: Mal sehen. Aber wahrscheinlich ein weiteres Musikinstrument. Und wahrscheinlich wieder „Old School“.

globe-M: Viel Erfolg damit. Danke für das Gespräch!

 

Weitere Informationen
Juri Burma lebt und arbeitet in seiner Heimatstadt Murmansk. Hier studierte er Informatik an der Fachhochschule und gründete nach der Ableistung des Wehrdienstes eine kleine IT-Firma, mit der er verschiedene Web-Projekte entwickelt und umsetzt.

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