Faszination Kunstmarkt

Gabriele Heidecker. Foto: privat

Eine tiefgründige Installation im Jerusalemer Cardo, ein großflächiges Land-Art-Projekt im Nehru Park in Delhi oder ein Labyrinth aus Licht und Spiegeln für die Berliner Festspiele: Um sich künstlerisch auszudrücken, findet Gabriele Heidecker mannigfaltige Formen. Ihrem Fotoprojekt über internationale Kunstmessen widmet sie sich jedoch schon seit über einem Jahrzehnt. globe-M wollte von der Künstlerin den Grund für ihr unvermindertes Interesse an diesem Thema erfahren.  

 

globe-M: Habe ich Recht mit meiner Vermutung, dass Sie vor kurzem in einem fernen, exotischen Land unterwegs waren?

Gabriele Heidecker: Da haben Sie genau ins Schwarze getroffen. Erst im Oktober bin ich aus Korea zurückgekehrt, wo ich die Kunstmesse KIAF besucht habe. Es war diesmal allerdings etwas weniger exotisch, als man hätte annehmen können: Da Deutschland in diesem Jahr das offizielle Gastland der Messe war, traf ich in Seoul mehrere Bekannte.

globe-M: Die Welt ist klein…

Gabriele Heidecker: Sie ist offensichtlich inzwischen noch kleiner geworden. Auf jeden Fall lässt sich das mit Sicherheit über die Kunstwelt behaupten.

globe-M: Woran können Sie das festmachen?

Gabriele Heidecker: 2001 begann ich auf den Kunstmessen für Zeitgenössische Kunst zu fotografieren. Im Fotoband „Art Affairs“, der 2007 bei Hatje Cantz Verlag herausgebracht wurde, finden Sie die „üblichen Verdächtigen“, die das Kunstgeschehen seit Jahrzehnten mehr oder weniger bestimmen: Art Basel, Frieze London, FIAC Paris, ARCO Madrid, Art Cologne und das etwas jüngere Art Forum Berlin, das es übrigens nach zehn Jahren nicht mehr gibt. Einzig die Art Beijing, die 2005 zum ersten Mal stattfand, hat da noch Eingang gefunden.

Das war bereits ein Ausblick auf die weitere Recherche über die "New art fairs". Seitdem habe ich mehr als zehn dieser neuen internationalen Messen besucht und fotografiert, unter anderen Shanghai Contemporary, Art Dubai, India Art Fair New Delhi, Contemporary Istanbul, Joburg Art Fair Johannisburg, Zona Maco Mexico, Art Stage Singapore, Fresh Paint Tel-Aviv, AHKHongkong, die inzwischen Art Basel Hong Kong heißt, und die bereits erwähnte KIAF Seoul. 

globe-M: Diese neuen Messen in den fernen Ländern sind aber wahrscheinlich weniger bedeutend, als die zuerst genannten.

Gabriele Heidecker: Das kann man so nicht sagen. Natürlich bleibt die Art Basel weltweit die unangefochtene Nummer Eins, zumal sie inzwischen nach Miami und Hongkong expandierte, sie gibt es aber auch schon seit 45 Jahren. Bedenken Sie jedoch, dass die Bezeichnung „ferne Länder“ für uns in Europa stimmen mag, für andere Regionen der Welt handelt es sich dagegen um direkte Nachbarn. Diese geographische Nähe wirkt sich auf die Herkunft der Aussteller aus und beeinflusst die Auswahl der Werke, die nicht selten von einem anderen Kunstverständnis ausgehen.

Auf diesen Messen werden weit mehr Künstler aus der jeweiligen Region präsentiert, als dies bei einer der etablierten Mammutschauen möglich wäre. Das alleine macht diese „exotischen“ Kunstmessen sehr spannend und auch über die jeweilige Region hinaus bedeutend. Sie im Zustand des Anfangs auf dem Weg zur zunehmenden Perfektionierung zu „portraitieren“, ist eine wesentliche Facette im Gesamtkontext meiner Messe-Portraits. Zu diesen Messen ist übrigens eine neue Publikation und eine Ausstellung bereits in Planung.


Gabriele Heidecker bei der KIAF, Seoul © GH

globe-M: Seit zwölf Jahren verfolgen Sie nun das Geschehen auf den Kunstbasaren dieser Welt. Warum werden Sie dieses Themas nicht überdrüssig?

Gabriele Heidecker: Auch wenn der Grund für eine Messe Geschäftemachen ist, bleibt ihre Grundlage immer die Kunst. Zwischen diesen, wenn Sie so wollen, Polen agieren Menschen, die Kunstwerke arrangieren, anbieten, erwerben oder einfach betrachten. Nirgendwo findet man eine solche Fülle von Wechselwirkungen zwischen den Kunstwerken ‑ auch zwischen Kunstwerken und Menschen ‑, wie auf einer Messe.

globe-M: Färbt diese direkte Begegnung mit der Kunst auf Menschen ab?

Gabriele Heidecker: Ich glaube schon. Die Kunst ist ja keine simple Ware, die man gegen Geld eintauscht und einfach einsteckt. Eine Messe bietet vielmehr einen Raum für Kommunikation und Selbstdarstellung. Es ist ein bisschen wie ein Schauspiel, zu dem es aber keine festen Text- und Inhaltvorgaben gibt.

globe-M: Auf Ihren Fotos gibt es Szenen, die geradezu arrangiert wirken: Der Kopf eines Kurators könnte dem Gemälde hinter ihm entsprungen sein, eine Galeristin bildet in ihrer ganzen Gestalt ein Paarstück zum von ihr dargebotenen Objekt, ein pummeliges Mädchen steht in der Pose einer  Elefantenskulptur daneben – es ließen sich noch Dutzende solcher „Reime“ auf Ihren Bildern finden. Inwiefern helfen Sie da nach?

Gabriele Heidecker: Meinen Sie, dass ich die Personen anspreche und sie bitte, sich an einen bestimmten Platz zu stellen? Nein, so etwas würde ich niemals tun. Man würde doch auch nicht einer Wolke sagen, sie möge über dem Baum etwas länger verweilen, weil dies so malerisch sei. Das Geschehen auf der Kunstmesse unterliegt auch quasi natürlichen Gesetzen. Meine Aufgabe sehe ich darin, die einzelnen Momente, die durch Harmonie, eine besondere Stimmung, gelegentlich Humor gekennzeichnet sind, einzufangen. Manchmal gelingt es mir, manchmal aber verstreicht ein solcher Moment unwiederbringlich, weil zum Beispiel jemand dazwischen läuft. Denn das mich anziehende Geschehen oder die Konstellation, die mir begegnet, fotografiere ich stets aus größerer Distanz. 

globe-M: Tut es Ihnen dann leid?

Gabriele Heidecker: Auf keinen Fall. Ich habe diesen Moment ja doch erlebt und mich daran erfreut. Und man kann nicht ausschließen, dass dieses flüchtige Erlebnis noch einmal als Inspiration für ein anderes Werk zurückehrt. Man muss nicht alles fotografieren. 

globe-M: Ja, unsere kleine Welt ist doch zu groß dafür. Vielen Dank für das Gespräch. 

 

Weitere Informationen
Gabriele Heidecker. Art Affairs. Mit Texten von Jean-Christophe Ammann, Ulrike Münter, Marc Spiegler. Hatje Cantz Verlag 2007. 160 Seiten, 158 farbige Abbildungen.

 

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