Ganz groß mit Hut

Juppy © UfaFabrk

Die ufaFabrik – selbstverwaltetes Kultur- und Lebensprojekt im Berliner Ortsteil Tempelhof – feiert ihren 35. Geburtstag. Ihr bekanntester Bewohner ist der 1948 geborene Juppy. Er ist Markenzeichen und Aushängeschild, Revoluzzer und Lebenskünstler. Auf dem Gelände der ufaFabrik, auf dem er mit dreißig Mitbewohnern lebt, ist er nicht zu übersehen: Er trägt ein schwarzes Zirkushütchen auf den langen, roten Haaren, und ein kleiner schwarzweißer Hund folgt ihm auf Schritt und Tritt. 

globe-M: Wie fing es an mit der ufaFabrik?

Juppy: Das war Anfang der Siebziger, da haben wir uns gefragt, wie verändern wir die Welt auf positivem Weg. Das war ein langer Marsch durch die Institutionen. Zu siebt haben wir die Kommune gegründet. Uns gefragt, was können wir zusammen machen? Einer unserer Leitsätze damals war „Wir sind überall auf der Erde“. Wir haben damals Philosophen, Ärzte und Journalisten in die Kurfürstenstraße, wo wir als Kommune lebten, eingeladen, haben von Mensch zu Mensch gesprochen.

globe-M: Du warst eine Zeitlang dann ja auch abgetaucht, gar nicht mehr gemeldet?

Juppy: Ja, sechs Jahre lang, seit 1972, als die Polizei dann fragte, wo ich denn gewesen sei, sagte ich „Im Untergrund“, die haben mich wahrscheinlich in die Abteilung „Intelligenzverbrechen“ gesteckt. 

globe-M: Studiert hast Du aber auch mal was.

Juppy: Ich hab Architektur studiert, aber nicht beendet. Wollte erstmal die Welt verändern.

globe-M: Dann wurdest Du ja im ufaFabrik-Zirkus berühmt durch Deine Nummern mit zwei Polizisten und zwei Hunden. Eine richtige Raubtiernummer! Ein kleiner weißer Hund ist ja auch immer an Deiner Seite. Und die haben immer lustige Namen…

Juppy: Ja, die Hunde hießen Willi Wenig, Toni Turnschuh, Max Müller, Bobby Fischer und Otto. Die haben wir aus dem Tierheim Lankwitz geholt. Vom Hundeknast zum Zirkusstar, so war das für sie. Mitte der Siebziger ging das los, da wurde ich Zirkusdirektor. Ich wollte ja keinen Löwen aus der Savanne holen – was ist das denn für ein Leben? Also machte ich das mit den Hunden. Ich war und bin der Überzeugung, dass man nur mit Kultur die Welt retten kann. Erst hab ich die Nummer vor dem Künstlerhaus Bethanien gemacht, dann hier in der ufaFabrik. Hatte ne weite Hose an, da konnte keiner sehen, dass meine Knie am Anfang zitterten. Auf die Bühne zu gehen ist wie ein Banküberfall!

globe-M Hast Du schon mal ne Bank überfallen?

Juppy: Nee, noch nie! Das hab ich hier gelernt: Ich hab mich für das Gute entschieden.

globe-M: War das vorher anders?

Juppy: Ich war lange Zeit Messdiener. Hab Beatles gehört und Camillo Felgen. Der Priester hat das mitgekriegt, irgendwann war ihm das zu viel und er hat mir in die Fresse geschlagen. Das war ein Riesenfehler. Aber als Mensch kann man dich nicht zerstören, wenn Einer an dich glaubt. Danach hab ich nur noch von den Leuten gelernt, die ich mir ausgesucht habe.

globe-M: Ihr habt in der ufaFabrik immer den Dialog gesucht mit allen Parteien, wart ihr immer gesprächsbereit?

Juppy: Ja, es war egal, ob Einer von der SPD oder der CDU war, wenn er hierher kam, um über die ufaFabrik zu reden: Hauptsache, die konnten Skat spielen und haben alle Runden bezahlt! Man muss alles von Mensch zu Mensch klären. Und ich finde, wir haben aus vielen Idioten nette Kerle gemacht. Hat übrigens Wowereit, der oft hier war, auch mal gesagt: ja schön, dass ihr aus mir so einen netten Kerl gemacht habt.

globe-M: Du bist so eine Art Markenzeichen der ufaFabrik geworden. Wie ist das für Dich?

Juppy: Wer bin ich denn, wenn all die Anderen nicht da wären, Gisela, Siggi, Gudrun, Liz und viele Andere. Alles muss zusammen funktionieren. Die, die das Brot ganz frühmorgens ausfahren, sind genauso wichtig. Was wären wir, wenn wir kein gutes Brot hätten? So funktioniert die Welt.

globe-M: Was habt ihr verändert in diesen 35 Jahren in Tempelhof?

Juppy: Was heißt hier Tempelhof, das geht weit darüber hinaus. Wir wollen zeigen, dass es gut ist, zu lernen mit unserer positiven Energie schöpferisch umzugehen, über alle Grenzen hinweg. Und ich wünsche mir besonders, dass sich nicht immer alle auf die Fresse hauen.

globe-M: Juppy, vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen

ufaFabrik
 

"Juppy - Aus dem Leben eines Revoluzzers" von Juppy/Daniel Gäsche, Militzke Verlag Leipzig, 272 S., 19,90 Euro

Am Montag 9.6.2014 · 19:00 Uhr
Die ufaFabrik feiert ihr 35. Geburtstagsfest voller Witz, Charme und Musik.  Die Gäste auf der Bühne sind: Ulli und die Grauen Zellen (Soul, Rock), Terra Brasilis (Samba made in Berlin), Kai Eikermann (Breakdance), Detlef Winterberg (Stand up Comedy), Deal (Musik), Die Mallos (Jonglage), Sabrina (Hula Hoop), Nico (Gesang) und viele Überraschungsgäste. Durch das Programm begleitet humorvoll der Mann mit Hut, Multikultur-Impressario Juppy.
20,-/10,- €
 

 

Expertenstimmen Archiv

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29.Sep.2014Selbstauswertung bis hin zum Ernstfall
25.Sep.2014Positionen zur Positions
25.Sep.2014"Der Berliner Mythos allein zieht nicht mehr"
24.Sep.2014Neue Positionen beziehen
21.Sep.2014Tanzskulpturen
09.Sep.2014Erst Marathon, dann Freakshow
06.Sep.2014Choreographie der Schwerelosigkeit
06.Sep.2014Das Dunkle in uns
06.Sep.2014„Manchmal ist das Narrativ fast tyrannisch“
04.Sep.2014„Wir schulden den Bayaka unseren Film“
31.Aug.2014Katharsis durch Reizüberflutung
20.Aug.2014„Georgien ist näher am Leben.“
16.Aug.2014Nicht nur in Stein gemeißelt
14.Aug.2014Keine Kategorien bitte
11.Aug.2014Von Moskau nach Berlin und zurück
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06.Aug.2014Phönix aus der Asche
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30.Jul.2014„Als würde man in ein fremdes Land reisen“
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19.Jul.2014Schlüsselmomente mit Mitmachfaktor
10.Jul.2014Nächtliche Youtube-Fantasien
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05.Jul.2014„Die Wirklichkeit ist noch wesentlich heftiger“
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30.Jun.2014„Erich Kästner war damals schon altmodisch“
22.Jun.2014„Man müsste aus dem modernen Leben aussteigen“
16.Jun.2014Das Gedicht bestimmt die Farbe des Konzerts
13.Jun.2014Von der Bedeutung der Kunst
09.Jun.2014„RLF ist reflexiv und nicht positivistisch“
08.Jun.2014Ganz groß mit Hut
07.Jun.2014Du bist überall auf der Erde
06.Jun.2014Mikroben als Kunststars
30.Mai.2014„Ich nehme elektromagnetische Wellen wahr“
27.Mai.2014Von der Eisprinzessin zur Stilkönigin
21.Mai.2014Gestalten und Beobachten
21.Mai.2014Nordisches Speed-Dating in Berlin
19.Mai.2014Im Ravekostüm mit 50?
18.Mai.2014„Wir lieben das Risiko, zu scheitern“
13.Mai.2014Farben des Nordens
12.Mai.2014„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“
12.Mai.2014 David Hasselhoff singt für globe-M
11.Mai.2014Von Hackern und Hippies lernen
11.Mai.2014TV-Million durch Cannabiskampagne
29.Apr.2014 Sorgen um ein zerrüttetes Land
23.Apr.2014 Lust auf Neues
21.Apr.2014„Ich kann auch gerne mal läpsch sein“
20.Apr.2014 Der richtige Ton
17.Apr.2014 Auf der Suche nach Herausforderungen
13.Apr.2014Ich kann mir den Film in Farbe nicht vorstellen
12.Apr.2014Mich interessiert mehr der Blick daneben
06.Apr.2014Klavierspiel mit Freude
05.Apr.2014„Die Fragen werden bleiben“
02.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
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24.Mär.2014„Hat man Eier, oder hat man keine?“
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17.Mär.2014Beim Jazz muss man sich entblößen
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14.Feb.2014Monatliche Wundertüte
10.Feb.2014Storytelling wie vor 50 000 Jahren
10.Feb.2014„Ich sehe über 600 Filme im Jahr“
03.Feb.2014Neue Räume schaffen
02.Feb.2014MY MISERY IS FOR YOUR ENTERTAINMENT
29.Jan.2014Berlin jazzt
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13.Jan.2014Die Farbe des Chansons
10.Jan.2014Leben als Kunstform
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30.Dez.2013Musik für Erfahrene
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25.Nov.2013Streichquartett des Nonplusultra
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21.Nov.2013 Symphonie einer großen Welt
21.Nov.2013„Es war filmmäßig“
11.Nov.2013 Splitter einer Ära
08.Nov.2013 Ein Geschenk aus Liebe
07.Nov.2013„Die Mentalität muss sich ändern“
04.Nov.2013 Uns interessiert, was wir nicht kennen
31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
22.Okt.2013Schöne Wetteraussichten
20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
18.Okt.2013Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive
11.Okt.2013Intellektueller Pop
10.Okt.2013Ein Tausendsassa lernt nie aus
08.Okt.2013 Die Grenzgängerin
05.Okt.2013Nackte Seele
23.Sep.2013Städteplanung nach Darwin
16.Sep.2013Malen ist meine Meditation
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14.Sep.2013Hauptstadt des Tangos
14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
03.Sep.2013 Herausfordernde Lebendigkeit
27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
26.Aug.2013Autobiographische Metaebene
24.Aug.2013Die Welt will, dass man erwachsen wird
20.Aug.2013Neue Töne aus der Uckermark
15.Aug.2013 Ein Traum fürs Leben
15.Aug.2013Der Blick zurück nach vorne
11.Aug.2013Kunst ohne Imagepflege
05.Aug.2013 Lalys Lalylalas
02.Aug.2013 Illusion im Dienste der Wahrheit
30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
26.Jul.2013Nobelpenner mit Plattenvertrag
25.Jul.2013Jedermann - Ein Modezar im Zelt
19.Jul.2013Lodernde Leidenschaften
18.Jul.2013Mörderische Nische
05.Jul.2013Soziale Kreativität
04.Jul.2013Prada trifft auf Wes Anderson
01.Jul.2013„Der echte Heimatfilm ist tot“
27.Jun.2013Wir wollen mehr als nur Events
27.Jun.2013Für Chile arbeiten
21.Jun.20132500 Quadratmeter Glitzerwelt
11.Jun.2013„Im Alter möchte ich Udo Jürgens sein“
07.Jun.2013„Fresse halten, Bass spielen“
29.Mai.2013Erfrischend mutig - Rosalie Thomass
23.Mai.2013Imogen Kusch ‑ ein "24-Hour-Artist"
20.Mai.2013Visuelle Themenwelten
18.Mai.2013Himmel und Wasser
18.Mai.2013Bösewicht mit großem Herz
16.Mai.2013Musterhaft
10.Mai.2013Berlin Transit
10.Mai.2013„Theater ist für mich der Ur-Moment“
09.Mai.2013Für Recht und Gerechtigkeit
09.Mai.2013Kunst und Kommunikation
08.Mai.2013Mehr als kleine Strichmännchen
08.Mai.2013Schauen und Staunen
08.Mai.2013Designzauber aus dem Norden
08.Mai.2013Näkemiin Suomi!
08.Mai.2013Lebendige Folien - Media Art von Saana Inari
08.Mai.2013Szenetreff versus Beschaulichkeit
08.Mai.2013Jung und echt unter deutscher Flagge
08.Mai.2013Der Malteser Schatz
08.Mai.201340 Jahre „Schwarzer September“
08.Mai.2013Glamour auf rotem Teppich
08.Mai.2013Produktion und Verwertung
08.Mai.2013Bilderkrieg
08.Mai.2013Das menschliche Maß
08.Mai.2013Ein scheinbar unmögliches Projekt
08.Mai.2013Blindes Verständnis
08.Mai.2013Tanz, Musik, Film und Text

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