„Georgien ist näher am Leben.“

©  Mathias Bother (Ekvtimishvili) / Indiz Film (Simon Groß). Beide Originale sind in Farbe

In Georgien sind Nana Ekvtimishvili und Simon Groß für ihr Eis berühmt, in Amerika schrammte das Regiepaar mit dem georgischen Drama „Die langen hellen Tage“ knapp an einer Oscarnominierung vorbei. Nun startet der Film in Deutschland: eine Geschichte über eine Mädchenfreundschaft im postsowjetischen, rauen Georgien der Neunzigerjahre. Der Film fußt auf Ekvtimishvilis brutalen Erfahrungen als Teenager. Ein Gespräch darüber, was sie besonders prägte, warum Simon Groß sich in das Land verliebte und wie ein Eisimperium beim Filmemachen hilft.

globe-M: Simon, wie war es das erste Mal, als Du mit dem Stoff von „Die langen hellen Tage“ in Berührung kamst? 

Simon Groß: Das war etwa 2006. Ich kannte Nana schon eine Weile und hatte so schon etwas über Georgien gelernt, aber das war eine völlig neue Welt für mich, weil ich noch nicht dort gewesen war. Es war der Moment, in dem ich auch sagte, dass ich gerne bei dem Film mitmachen würde. 

globe-M: Was hat Dich an dem Buch so berührt? 

Simon Groß: Im Prinzip das, was universell ist und letztlich gar nichts mit dem Land zu tun hat. Die Freundschaft zwischen den beiden Mädchen, die sich in dieser Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion durchschlagen. Mich berührt das, was zwischen den beiden und zwischen ihrer Familie passiert.

globe-M: Nana, Du bist selbst in Georgien aufgewachsen, „Die langen hellen Tage“ spielt 1992 in Deiner Heimatstadt. Natia und Eka sind wie Du zu dem Zeitpunkt 14 Jahre alt. Wie viel Nana steckt in der Geschichte der beiden?

Nana Ekvtimishvili: Formell ist mir Eka von meiner Biographie näher, weil ich auch mit meiner Mutter und meiner Schwester aufgewachsen bin, aber Natia hat auch viel mit mir zu tun, vor allem, was Rachegefühle angeht. Man hatte damals so viel Wut. Es gab kein funktionierendes Rechtssystem und die Menschen suchten ihre eigene Wahrheit, erschufen eigene Rechte und verübten Selbstjustiz. Die beiden Mädchen stehen mir schon sehr nahe und hinter jeder Szene steckt eine Erinnerung. 

globe-M: Welche Erinnerung war für Dich am einprägsamsten? 

Nana Ekvtimishvili: Auf jeden Fall die Brotschlange und die Entführung. Damals dachte ich als Teenager: „So ist es jetzt und so wird es auch immer bleiben.“ Dass sich irgendwann etwas ändern wird, das dachte ich überhaupt nicht. Prägend sind auch die Erinnerungen an die Menschen, die damals gestorben sind: meine Freunde oder Freunde meiner Schwester, Menschen aus der Umgebung, die in einem Straßenkampf getötet wurden, oder auch die Leute, die in Abchasien starben. In dieser Zeit gingen wir als Teenager sehr oft zu Beerdigungen. Das war normal.   

globe-M: Die beiden Schauspielerinnen der Eka und Natia, Lika Babluani und Mariam Bokeria, sind nicht zu dieser Zeit aufgewachsen. Wie habt Ihr den Mädchen den schwierigen Stoff beigebracht? 

Simon Groß: Es war eine eher spielerische Herangehensweise. Wir gaben ihnen nicht von Anfang an das Drehbuch zu lesen, sondern wir trafen uns einfach und erarbeiteten die Geschichte Stück für Stück, probten und improvisierten. Da Lika und Mariam talentiert sind, war das für sie nicht so schwierig. Sie sind immer mehr in die Geschichte und in ihre Charaktere hineingewachsen. 

Nana Ekvtimishvili: Das theoretische Wissen brauchten sie nicht. Alles, was die beiden benötigten, haben sie mitgebracht: ihre Leidenschaft, ihre Ehrlichkeit und Unvoreingenommenheit.  

globe-M: „Die langen hellen Tage“ ist auch ein Film über Georgien und georgische Lebensart. Simon, hast Du das Gefühl, das Drehbuch von Nana nun besser zu verstehen? 

Simon Groß: Georgien ist für mich ein Stück Heimat geworden. Bei den Figuren und den Familien geht es aus deutscher Sicht recht roh zu. Das empfinde ich heute als normal. Es ist nicht mehr so extrem wie damals, aber das Emotionale ist einfach viel direkter. Es wird leidenschaftlicher gestritten, und das empfinde ich als sehr inspirierend, weil es nicht so versteckt ist. 

globe-M: Ist man in Georgien näher am Menschen? 

Simon Groß: Ja. Das ist genau der Grund. Es ist ein tolles Land, um Geschichten zu erzählen. Georgien ist näher am Leben. Der Umgang mit dem Leben und dem Sterben ist einfach offener. Ob es nun der Streit mit dem Autofahrer ist, oder die Beerdigung von Verwandten, wo einfach hunderte auf der Straße stehen.

Nana Ekvtimishvili: Wenn du in Tbilissi auf die Straße läufst, sind die Fenster offen, du hörst, wie die Leute leben, was sie reden und wie sie reden. Im Vergleich zu Berlin oder überhaupt zu Europa ist nicht jeder allein und isoliert. Du siehst alles und du spürst alles. Es gibt nicht diese Trennung der Orte, also beispielsweise „hier ist ein Spielplatz“ und „hier kann man reden“ oder „hier nicht.“ Alles ist sehr hörbar, sichtbar und spürbar. 

Simon Groß: Es war für mich Liebe auf den ersten Blick. Ich verliebte mich in Georgien und die georgische Landschaft.

globe-M: Und Nana…. 

Simon Groß: (lacht) Das war schon vorher. 

globe-M: 2008 habt Ihr in Georgien eine Eisdiele eröffnet. Mittlerweile sind es vier Filialen, die schließlich den Film mitfinanzierten. Widerspricht sich das nicht? Eis- und Filmemachen? 

Simon Groß: Nein, gar nicht. Wir wollen Filme machen wie diesen, wo wir die Freiheit haben, Geschichten zu erzählen, die uns berühren und davon kann man nicht zwei im Jahr drehen. Eine gewisse Stabilität zu haben, hilft dabei, frei und kreativ zu sein und nicht immer zu denken: „Oh Gott, ich muss jetzt meine Miete bezahlen.“ 

globe-M: Gibt es Synergieeffekte von Eis- und Filmbusiness? 

Simon Groß: Wir sind ganz nah am Menschen und können auch viele Geschichten darüber erzählen. Beispielsweise von einem Priester, der ein Milcheis möchte, obwohl Fastenzeit ist und der andere Priester sagt: „Nein, das geht jetzt nicht.“ Das andere ist das Geschäftliche. Organisieren, finanzieren und dieser ganze trockene Kram war für uns völlig neu, und das haben wir durch das Eisgeschäft gelernt. 

globe-M: Ihr habt in Georgien für „Die langen hellen Tage“ kurzerhand einen Verleih gegründet, in Deutschland war es eine Produktionsfirma. Was ist aus der Idee geworden, in Tiflis ein Programmkino zu gründen?

Simon Groß: Momentan haben wir ein bisschen zu viel zu tun, aber eines Tages wäre das sehr schön, wenn es ein georgisches Programmkino gäbe, in dem Filme aus Europa gezeigt werden. Dort gibt es nur drei Multiplexkinos, wo georgische Filme und Hollywoodfilme gezeigt werden. 

globe-M: Welche Pläne habt ihr in der nahen Zukunft? 

Nana Ekvtimishvili: Wir arbeiten am nächsten Filmprojekt. Es spielt in der heutigen Zeit. Eine 50-jährige Frau lebt in einer Dreizimmerwohnung mit Menschen aus drei Generationen. Natürlich mischen sie sich in ihre Privatangelegenheiten ein. 

Simon Groß: Eines Tages sagt die Frau: „Mir reicht's!“ und geht. Es ist praktisch immer noch ausgeschlossen, dass eine Frau in diesem Alter so etwas tut.

Nana Ekvtimishvili: Aus der Situation heraus ist es sehr, sehr komisch. 

globe-M: Simon, stört es Dich nicht, die Filme aus der Sicht der Frau zu erzählen? 

Simon Groß: Für mich ist entscheidend, dass die Geschichte mich packt, das ist das Wichtige. Aber ich kann mir vorstellen, in Zukunft auch wieder Filme über Männer zu machen (lacht).

  

Weitere Informationen

In den deutschen Kinos startet „Die langen hellen Tage“ am 21. August. Der Film war der georgische Beitrag zum diesjährigen Oscar. 

 

 

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