Gestalten und Beobachten

Lev Khesin © Foto: privat
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Die Arbeiten von Lev Khesin sind schwer einzuordnen: Der Begriff „abstrakte Farbmalerei“ wird diesen Objekten mit fransigen, wulstigen Rändern nicht ganz gerecht, auch wenn man von ihnen doch als Gemälde sprechen möchte. Sie tragen Titel, die keiner Sprache anzugehören scheinen. globe-M fragte den 32-jährigen Künstler, was diese geheimnisvollen Wörter bedeuten und welche Rolle der Zufall bei seiner Arbeit spielt.

 

globe-M: Erst vor wenigen Wochen ging im Kunstverein Bamberg Ihre viel beachtete Einzelausstellung zu Ende. Und da stand Ihre neue Ausstellung, diesmal in Hamburg, schon direkt vor der Tür. Wie schaffen Sie das bloß?

Lev Khesin: Es ist gewissermaßen eine „Wanderausstellung“. Die Vorsitzende des Bamberger Kunstvereins Barbara Kahle hat meine Bilder zum ersten Mal in Hamburg auf Empfehlung der Galeristin Evelyn Drewes gesehen. Sie hingen nicht in ihrer Galerie, sondern praktisch auf einer Baustelle in der Hafencity. Der Kunstverein hat in Bamberg das Kesselhaus der ehemaligen Heizzentrale eines Krankenhauses zu einem Ausstellungsort umfunktioniert. Er hat auch unverputzte Wände und viele raue Ecken. Ich glaube, dass wegen dieser Ähnlichkeit die Idee entstand, meine Arbeiten im „Kunstraum KESSELHAUS“ zu zeigen.

globe-M: Ich vermute, dass es eher an der Qualität Ihrer Werke lag, die auch in der spannenden Umgebung einer alten Industrieanlage bestehen können…

Lev Khesin: Auf jeden Fall kam es zu einer Kooperation zwischen der Galerie und dem Kunstverein. Sie gaben gemeinsam einen Katalog heraus, die Arbeiten fuhren aus Bamberg direkt nach Hamburg.

globe-M:
... allerdings in keine Industrieanlage, sondern in den White Cube einer Galerie.

Lev Khesin:
Ich hoffe, dass sie auch dort bestehen können.

globe-M:
Es ist vielleicht sogar besser, dass ihre Wahrnehmung nicht durch eine imposante Umgebung beeinflusst wird. Sie scheinen in ihren abstrakten Gemälden ganz bewusst auf jede Festlegung auf irgendwelche Inhalte oder möglichen Assoziationen zu verzichten. Schon ihre Titel könnten einen außerirdischen Ursprung haben: Ypnobio. Iffier  Calacala,  Ngaobera, Latah. Was bedeuten diese Wörter?

Lev Khesin: Genau was Sie meinten: Nichts. Ich verzichte ganz bewusst auf Formen, die durch vertraute Begriffe interpretiert werden können. Ein Name, eine Bezeichnung, die Gegenständen oder Phänomenen zugeordnet wird, blockiert sofort das Sehen. Farbe und Material werden bei mir gegen die Sprache und Begriffe ausgespielt.

globe-M:
Ihr Material ist sehr eigenwillig: Sie arbeiten mit Silikon, das sie mit verschiedenen Pigmenten einfärben und dann Schicht für Schicht auftragen. Verwenden Sie ein Spezialsilikon?

Lev Khesin: Nein, ganz im Gegenteil. Es ist ganz normales Silikon aus dem Baumarkt, das ich allerdings eimerweise verbrauche.

globe-M: Die letzte Renovierung hat zu unserem großen Verdruss gezeigt, dass Silikon nicht immer genau das tut, was man von ihm will…

Lev Khesin:
Das kann ich nur bestätigen. Die Bilder haben einen formalen Aufbau, ich gestalte sie selbstverständlich ganz nach meinem Willen, aber irgendwann setzen natürliche Prozesse ein, weil die Silikonmasse eine eigene Bewegung entwickelt. Daher entsteht die Arbeit in einem interaktiven Prozess, bei dem jedes Zwischenergebnis analysiert wird.

globe-M:
Es kann also etwas entstehen, das Sie nicht planen?

Lev Khesin: Ja, auch dem Zufall wird Raum gegeben. Die Bilder entstehen in einem offenen und langsamen Prozess.

globe-M: Der Weg ist das Ziel?

Lev Khesin: Und „the medium is the message“, wie der kanadische Philosoph Herbert Marshall McLuhan es einmal ausdrückte.

globe-M: Vielen Dank für das Gespräch.

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