Im Ravekostüm mit 50?

Das Portrait ist ein Teil des Gob Squad-Gruppenfotos mit Sharon Smith, Berit Stumpf, Sean Patten, Sarah Thom, Johanna Freiburg, Bastian Trost und Simon Will © Garrett Davis/Capture Imaging.

Wie fühlt es sich an, ein Stück immer wieder neu zu erfinden? Das Performancekollektiv Gob Squad spielt kein Theater, sondern arbeitet mit klaren Strukturen, die viel Freiraum für Kreativität lassen. Sarah Thom, Gründungsmitglied der sieben-Personen-Kombo über Abschied und Wiederentdeckung von alten Stücken im zweiten Teil des Interviews.

globe-M: „Dancing About“, eine Tanzperformance über das Tier im Menschen, spielt Gob Squad seit 2012. Die Struktur ist einfach und doch sorgen eure Ausdruckstänze für tosenden Applaus des Publikums. Worin besteht die Faszination?

Sarah Thom: Wir improvisieren sehr viel. Die Textzeilen bei „Dancing About“, über das, was wir gerne mögen oder wovor wir Angst haben, sind jedes Mal neu. Wir überraschen uns gegenseitig auf der Bühne. Wer aus der Gruppe mit mir die Gemeinsamkeit teilt, tanzt mit. Möchte ich allein tanzen, dann muss ich kreativ sein. Fällt mir nichts ein, dann nehme ich Sätze aus früheren Aufführungen. Später tanzt eine oder einer von uns ein Solo als Gottesanbeterin. Wir erfahren das erst während des Stückes. Der DJ stoppt die Musik und erst dann ist klar, wer auf der Bühne tanzen wird.

globe-M: Wie sehr gleichen sich die Aufführungen anderer Stücke von Abend zu Abend? Nehmen wir beispielsweise „Kitchen“, bei dem ihr Andy Warhols-Filme in der Gob Squad-Version auf die Leinwand bringt.

Sarah Thom: Ein wichtiges Element ist das Publikum. In „Kitchen“ gibt es vier Publikumsmitglieder, die auf die Bühne kommen. In einem Teil, er heißt „Kiss“, liege ich gemeinsam mit einem Publikumsmitglied in einem Bett, die Kamera ist auf die Gesichter gerichtet. Mich berührt es, an einem solch intimen Ort mit jemandem zu liegen. Dann kommt es darauf an, wen ich vor mir habe: Wenn ich jemanden vor mir habe, der selbstbewusst ist und gerne redet, dann ist es anders, als wenn jemand eher in sich gekehrt ist. Letztlich geht es immer darum, zuzuhören und darauf zu reagieren.

globe-M: Ist Gob Squad also jeden Tag anders?

Sarah Thom: Ja. Beispielsweise macht es einen Unterschied, welche Fußballmannschaft gewinnt, ob es regnet, ob es kalt ist, ob eine Wahl ansteht. All das fühlst du. Dinge ändern Tag für Tag die Atmosphäre in der Stadt auf so eine merkwürdige Art und Weise. Während einer solchen Show wird mir das bewusst. Von einem Tag auf den anderen frage ich mich: Was ist bei diesem Publikum anders? Dann denke ich über den Tag zuvor nach: „Ach ja richtig, gestern war ein wunderschöner sonniger Tag. Heute gibt es ein Gewitter.“

globe-M: Jedes Gob Squad-Mitglied kann mehrere Rollen spielen. Bleiben die Stücke auf diese Art frisch?

Sarah Thom: Durch die wechselnde Besetzung halten wir die Spannung. Es kam schon vor, dass ich in der „Kitchen“-Küche saß und dann bemerkte: „Wir waren seit zwei Jahren nicht mehr zusammen hier.“

globe-M: Im März habt ihr „Kitchen“ aus dem Programm in Berlin gestrichen. Wann ist es Zeit sich von einem Stück zu verabschieden?

Sarah Thom: Ganz einfach: wenn die Leute sich keine Karten mehr kaufen oder nicht mehr danach fragen. Das war auch bei „King Kong Club“ so. Außerdem haben wir uns unsere neuen Sachen angesehen und dachten, „Das ist es, was uns interessiert und wir wollen das jetzt zeigen.“ Man muss das alte beenden, damit das neue seinen Platz bekommt. Manchmal ist das wirklich hart. Immer wieder fragen uns Leute: Könnt ihr euch vorstellen, das in zehn Jahren wieder zu machen?

globe-M: Und die Antwort?

Sarah Thom: Es gibt keine Show, die ich nicht mehr aufführen würde ‑ außer den ganz alten Sachen. „15 Minutes to Comply“ führten wir auf der Documenta auf und es spielt in der U-Bahn. Es war ein Stück seiner Zeit. Jetzt würde es sehr veraltet wirken. Wir sind einfach nicht mehr dieselben. „15 Minutes to Comply“ ist in den Köpfen der Leute ein Stück seltsame Performance-Mythologie. Würden wir nicht den Zauber ruinieren, wenn wir es erneut aufführten?

Wir wurden schon öfter gefragt, ob wir es an wirklich schönen Orten aufführen möchten und dann dachten wir darüber nach, wie wir aussehen würden. Ich bin jetzt 50. Würden wir wirklich diese grandiosen Ravekostüme wieder tragen? Das war zu der Zeit nicht ironisch gemeint. Diese Leute sind wir nicht mehr. Das Stück hatte seine Zeit. Es ist wie die erste Liebe, man muss sich davon verabschieden.

 

Weitere Informationen

Neben Sarah Thom sind Sharon Smith, Berit Stumpf, Sean Patten, Johanna Freiburg, Bastian Trost und Simon Will Teil des Künstlerkollektivs. Jeder ist gleichberechtigt. Im November wird Gob Squad im Rahmen eines Festivals Geburtstag feiern. 
 

Aktuell im Programm (Deutschlandtermine):

„The Conversionalist“ am 29., 31. Mai 2014 im Mannheimer Theater der Welt
„Dancing About“ am 27., 28. Juni und am 4., 5. Juli 2014 in der Berliner Volksbühne

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Im ersten Teil des Interviews erklärt Sarah Thom wie man Spontaneität skriptet und wie viel Improvisation in einem Gob Squad-Stück steckt.

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