Imogen Kusch ‑ ein "24-Hour-Artist"

 Imogen Kusch © Micaela Marino

Obwohl die Regisseurin Imogen Kusch auch außerhalb ihrer Heimat Italien mit der Theater-Gruppe Klesidra bekannt ist, kennen viele deutsche Kollegen „Biba“ vor allem von Co-Filmproduktionen wie „Diaz – Don't Clean Up This Blood“ oder „Maria, ihm schmeckt's nicht“. Sie vermittelt zwischen den Teams und coached Schauspieler am Set. Kusch war gerade in Berlin, um die italienische Folkblues-Band Orange8, deren Produzentin sie ist, zu begleiten. Mit globe-M sprach sie darüber, warum sie sich als „24-Hour-Artist“ sieht.

globe-M: Sie leiten in Italien die Theatergruppe „Klesidra“ und arbeiten als Coach an Filmsets. Nun sind Sie als Musikproduzentin tätig und haben mit der Gruppe „Orange8“ gerade sieben Konzerte in Berlin veranstaltet – eine neue Karriere?

Imogen Kusch: Musik war immer sehr wichtig für mich. In meinen Theaterstücken spielt Musik eine zentrale Rolle. Ich verwende sie in den fertigen Stücken und arbeite damit auch während der Probenzeit. Ich kann selbst kein Instrument spielen und singe nur unter der Dusche. So blieb quasi nur der Produzentenjob. Außerdem arbeite ich am Theater und beim Film selbst immer mit Produzenten zusammen. Jetzt konnte ich der Produzent sein, den ich auch gerne haben würde.

globe-M: Haben Sie dadurch die Erfahrung gemacht, dass Produzenten manchmal die Hände gebunden sind, und dass diese Arbeit doch schwieriger ist, als Künstler oft meinen?

Imogen Kusch: Genau diese Erfahrung habe ich gemacht! Ich habe Produzent „gespielt“, so wie man als Kind in eine Rolle schlüpft. Ich habe gelernt wie wichtig es ist, dass man sich mit den Künstlern, die man produziert, beschäftigt, und sie motiviert. Gleichzeitig muss man sie auch in Ruhe lassen. Am Ende des Tages musste ich dann noch Telefonate führen, Rechnungen bezahlen und war immer die letzte im Bett. Als Künstler denkt man oft an sich selbst, als Produzent muss man immer das Resultat im Kopf behalten. Dadurch habe ich einen neuen Respekt für diesen Beruf bekommen.

globe-M: Die derzeitige Lage in Italien hat auch auf Künstler dramatische Auswirkungen. Sie haben verschiedene Standbeine und können so flexibler Ihre Arbeit einteilen. Was bedeutet das für Sie?

Imogen Kusch: Manchmal frage ich mich, ob ich gerne den ganzen Tag im Probenraum wäre. Und die Antwort lautet: nein. Man muss das Leben leben, um rauszufinden wie es ist, sonst kann man auch keine Stück inszenieren. Ich frage mich, ob es so gut ist, wenn man seine Zeit täglich nur im Theater verbringt, ohne andere Erfahrungen zu machen. Die anderen Künste bieten so viel Inspiration für die eigene Arbeit. Schlussendlich wollen wir doch alle Geschichten erzählen, das machen alle Künstler auf die eine oder andere Weise. Wenn man sich dazu entscheidet, Künstler zu werden, ist man das nicht nur zu bestimmten Uhrzeiten. Man ist ein „24-Hour-Artist“.

globe-M: Wie wirkt sich der finanzielle Druck auf freiberufliche Künstler in Italien aus?

Imogen Kusch: Der Staat zahlt nicht mehr für Kunst, das stimmt. Jetzt müssen die Künstler selbst neue Formen finden zu arbeiten, und das Publikum muss sie auf neuen Wegen unterstützen. Menschen werden immer Kunst machen und es wird immer ein Publikum geben. Natürlich ist es gerade nicht optimal für alle Künstler, viele können mit dem Verlust existierender Strukturen nicht umgehen.

globe-M: Wie sehen Sie es als Musikproduzentin, wenn Musik im Internet kostenlos zum Download zur Verfügung steht?

Imogen Kusch: Man muss sich damit abfinden, dass es so ist. Man kann nichts mehr daran ändern, man sollte die Zeit lieber damit verbringen, neue Lösungen zu finden. Das Schöne am Internet ist doch, dass Jeder unsere Musik hören kann. Menschen kaufen keine CDs mehr, das stimmt. Dafür geben Künstler wieder viel mehr Live-Konzerte. Sogar große Bands verdienen zum ersten Mal seit Jahrzehnten mehr Geld mit Live-Konzerten als mit dem Verkauf von Platten. Menschen geben noch immer Geld für Musik aus, nur eben anders als noch vor ein paar Jahren. Es gibt mittlerweile verschiedene Formen des Crowdfunding. Bei „Orange-8“ hat zum Beispiel Jeder, der eine Vinyl-Platte gekauft hat, ein Ticket zu einer Online-Lotterie bekommen. Der Gewinner bekommt ein Privat-Konzert von „Orange-8“ bei sich Zuhause!

globe-M: Derzeit bereiten sie eine Arbeit mit Klesdira in Estland vor. Gleichzeitig unterrichten Sie an einer italienischen Filmschule. Reizt Sie die Idee, auch mal selbst einen Film zu inszenieren?

Imogen Kusch: Ja, ich würde aber gerne zuerst noch eine richtige Regie-Assistenz bei Daniele Vicari, dem Regisseur von „Diaz – Don't Clean Up This Blood“ machen. Vicari und ich arbeiten an der Filmschule auch als Lehrer zusammen. Ich arbeite mit den Schauspielern, baue sie schauspielerisch auf, und er inszeniert. Durch diese Arbeit habe ich wirklich viel von ihm gelernt.

globe-M: Wenn Sie heute ein Budget für einen Film Ihrer Wahl bekämen, was würden Sie drehen?

Imogen Kusch: „Der gute Gott von Manhattan“ von Ingeborg Bachmann. Ich habe es schon zweimal am Theater inszeniert, und aus der letzten Version würde ich gerne einen Film machen.

globe-M: Ihr Vater Erich Kusch war ein bekannter Journalist in Italien. Im Herbst letzten Jahres kuratierten Sie zu seinen Ehren die Ausstellung „Von Rom bis zum Südpol“. Was war der Anlass?

Imogen Kusch: Wir wollten gerne eine Ausstellung als Erinnerung an Ihn machen, denn die Presse hat sich leider sehr verändert seitdem. Es gibt diese Form des Journalismus nicht mehr. Wenn Sie nach Rom kommen, muss ich Ihnen unbedingt alles zeigen! Man kann sein Archiv aus fünfzig Jahren Recherche ansehen, sogar sein Tonband haben wir noch. Er war sehr bekannt für seine Interviews. Mein Vater war der Präsident der Auslandspresse für Italien und hat Wirtschaft, Politik und Kunstgeschichte studiert. Er war wirklich ganz besonders.

globe-M: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Weitere Informationen

Imogen Kusch lebt in Rom. Kusch studierte Regie an der Central School of Speech and Drama in London und leitet die Theatergruppe Klesidra.

http://www.youtube.com/watch?v=0lX6A_L1FI4

http://theorange8.wix.com/orange8#!   http://orange8.bandcamp.com/

 

 

Expertenstimmen Archiv

DatumSortiericonTitel
29.Sep.2014Selbstauswertung bis hin zum Ernstfall
25.Sep.2014Positionen zur Positions
25.Sep.2014"Der Berliner Mythos allein zieht nicht mehr"
24.Sep.2014Neue Positionen beziehen
21.Sep.2014Tanzskulpturen
09.Sep.2014Erst Marathon, dann Freakshow
06.Sep.2014Choreographie der Schwerelosigkeit
06.Sep.2014Das Dunkle in uns
06.Sep.2014„Manchmal ist das Narrativ fast tyrannisch“
04.Sep.2014„Wir schulden den Bayaka unseren Film“
31.Aug.2014Katharsis durch Reizüberflutung
20.Aug.2014„Georgien ist näher am Leben.“
16.Aug.2014Nicht nur in Stein gemeißelt
14.Aug.2014Keine Kategorien bitte
11.Aug.2014Von Moskau nach Berlin und zurück
10.Aug.2014Virtuelle Bilderwelten
06.Aug.2014Phönix aus der Asche
06.Aug.2014Landschaftsfantasien
30.Jul.2014„Als würde man in ein fremdes Land reisen“
28.Jul.2014Cindy Sherman im MoMA
28.Jul.2014Courage heißt schon, als Künstler zu leben
22.Jul.2014Angela Merkels „Hoffotograf“
19.Jul.2014Schlüsselmomente mit Mitmachfaktor
10.Jul.2014Nächtliche Youtube-Fantasien
05.Jul.2014Zwischen Technik und Poesie
05.Jul.2014„Die Wirklichkeit ist noch wesentlich heftiger“
30.Jun.2014„Universelle Erfahrung ohne Sprachbarrieren“
30.Jun.2014„Erich Kästner war damals schon altmodisch“
22.Jun.2014„Man müsste aus dem modernen Leben aussteigen“
16.Jun.2014Das Gedicht bestimmt die Farbe des Konzerts
13.Jun.2014Von der Bedeutung der Kunst
09.Jun.2014„RLF ist reflexiv und nicht positivistisch“
08.Jun.2014Ganz groß mit Hut
07.Jun.2014Du bist überall auf der Erde
06.Jun.2014Mikroben als Kunststars
30.Mai.2014„Ich nehme elektromagnetische Wellen wahr“
27.Mai.2014Von der Eisprinzessin zur Stilkönigin
21.Mai.2014Gestalten und Beobachten
21.Mai.2014Nordisches Speed-Dating in Berlin
19.Mai.2014Im Ravekostüm mit 50?
18.Mai.2014„Wir lieben das Risiko, zu scheitern“
13.Mai.2014Farben des Nordens
12.Mai.2014„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“
12.Mai.2014 David Hasselhoff singt für globe-M
11.Mai.2014Von Hackern und Hippies lernen
11.Mai.2014TV-Million durch Cannabiskampagne
29.Apr.2014 Sorgen um ein zerrüttetes Land
23.Apr.2014 Lust auf Neues
21.Apr.2014„Ich kann auch gerne mal läpsch sein“
20.Apr.2014 Der richtige Ton
17.Apr.2014 Auf der Suche nach Herausforderungen
13.Apr.2014Ich kann mir den Film in Farbe nicht vorstellen
12.Apr.2014Mich interessiert mehr der Blick daneben
06.Apr.2014Klavierspiel mit Freude
05.Apr.2014„Die Fragen werden bleiben“
02.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
01.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
24.Mär.2014„Hat man Eier, oder hat man keine?“
20.Mär.2014„Wir sind alle aus Spirit gemacht“
17.Mär.2014Beim Jazz muss man sich entblößen
07.Mär.2014Berlin hat die Kunst in mir hervorgebracht
06.Mär.2014„Für mich ist die Wahl eines Films persönlich“
04.Mär.2014Den französischen Schubladen entkommen
02.Mär.2014Close Up! als Kontakt zur Bodenstation
25.Feb.2014Beethoven plus Hindemith
14.Feb.2014Monatliche Wundertüte
10.Feb.2014Storytelling wie vor 50 000 Jahren
10.Feb.2014„Ich sehe über 600 Filme im Jahr“
03.Feb.2014Neue Räume schaffen
02.Feb.2014MY MISERY IS FOR YOUR ENTERTAINMENT
29.Jan.2014Berlin jazzt
20.Jan.2014„Inspiration ist wie Bauchschmerzen“
19.Jan.2014„Verbrechen sind keine Frage der Intelligenz“
16.Jan.2014„Ein lustiges Land mit einer seltsamen Kultur“
13.Jan.2014Die Farbe des Chansons
10.Jan.2014Leben als Kunstform
09.Jan.2014Die künstlerische Internationale
30.Dez.2013Musik für Erfahrene
22.Dez.2013Man ist so jung...
17.Dez.2013Das Zielgerichtete überwinden
11.Dez.2013Ökonomie des Schenkens
08.Dez.2013Die schöpferische Welt verstehen
07.Dez.2013 Faszination Kunstmarkt
06.Dez.2013Was ist Humor?
25.Nov.2013Streichquartett des Nonplusultra
24.Nov.2013Im Dunkel – da findest du was
21.Nov.2013 Symphonie einer großen Welt
21.Nov.2013„Es war filmmäßig“
11.Nov.2013 Splitter einer Ära
08.Nov.2013 Ein Geschenk aus Liebe
07.Nov.2013„Die Mentalität muss sich ändern“
04.Nov.2013 Uns interessiert, was wir nicht kennen
31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
22.Okt.2013Schöne Wetteraussichten
20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
18.Okt.2013Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive
11.Okt.2013Intellektueller Pop
10.Okt.2013Ein Tausendsassa lernt nie aus
08.Okt.2013 Die Grenzgängerin
05.Okt.2013Nackte Seele
23.Sep.2013Städteplanung nach Darwin
16.Sep.2013Malen ist meine Meditation
15.Sep.2013Talentfinder
14.Sep.2013Hauptstadt des Tangos
14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
03.Sep.2013 Herausfordernde Lebendigkeit
27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
26.Aug.2013Autobiographische Metaebene
24.Aug.2013Die Welt will, dass man erwachsen wird
20.Aug.2013Neue Töne aus der Uckermark
15.Aug.2013 Ein Traum fürs Leben
15.Aug.2013Der Blick zurück nach vorne
11.Aug.2013Kunst ohne Imagepflege
05.Aug.2013 Lalys Lalylalas
02.Aug.2013 Illusion im Dienste der Wahrheit
30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
26.Jul.2013Nobelpenner mit Plattenvertrag
25.Jul.2013Jedermann - Ein Modezar im Zelt
19.Jul.2013Lodernde Leidenschaften
18.Jul.2013Mörderische Nische
05.Jul.2013Soziale Kreativität
04.Jul.2013Prada trifft auf Wes Anderson
01.Jul.2013„Der echte Heimatfilm ist tot“
27.Jun.2013Wir wollen mehr als nur Events
27.Jun.2013Für Chile arbeiten
21.Jun.20132500 Quadratmeter Glitzerwelt
11.Jun.2013„Im Alter möchte ich Udo Jürgens sein“
07.Jun.2013„Fresse halten, Bass spielen“
29.Mai.2013Erfrischend mutig - Rosalie Thomass
23.Mai.2013Imogen Kusch ‑ ein "24-Hour-Artist"
20.Mai.2013Visuelle Themenwelten
18.Mai.2013Himmel und Wasser
18.Mai.2013Bösewicht mit großem Herz
16.Mai.2013Musterhaft
10.Mai.2013Berlin Transit
10.Mai.2013„Theater ist für mich der Ur-Moment“
09.Mai.2013Für Recht und Gerechtigkeit
09.Mai.2013Kunst und Kommunikation
08.Mai.2013Mehr als kleine Strichmännchen
08.Mai.2013Schauen und Staunen
08.Mai.2013Designzauber aus dem Norden
08.Mai.2013Näkemiin Suomi!
08.Mai.2013Lebendige Folien - Media Art von Saana Inari
08.Mai.2013Szenetreff versus Beschaulichkeit
08.Mai.2013Jung und echt unter deutscher Flagge
08.Mai.2013Der Malteser Schatz
08.Mai.201340 Jahre „Schwarzer September“
08.Mai.2013Glamour auf rotem Teppich
08.Mai.2013Produktion und Verwertung
08.Mai.2013Bilderkrieg
08.Mai.2013Das menschliche Maß
08.Mai.2013Ein scheinbar unmögliches Projekt
08.Mai.2013Blindes Verständnis
08.Mai.2013Tanz, Musik, Film und Text

Warning: Duplicate entry '58254862' for key 'PRIMARY' query: INSERT INTO globem_watchdog (uid, type, message, severity, link, location, referer, hostname, timestamp) VALUES (0, 'php', '<em>Duplicate entry &amp;#039;15519857&amp;#039; for key &amp;#039;PRIMARY&amp;#039;\nquery: INSERT INTO globem_accesslog (title, path, url, hostname, uid, sid, timer, timestamp) values(&amp;#039;Imogen Kusch ‑ ein &amp;amp;quot;24-Hour-Artist&amp;amp;quot;&amp;#039;, &amp;#039;node/4910&amp;#039;, &amp;#039;&amp;#039;, &amp;#039;54.162.107.122&amp;#039;, 0, &amp;#039;51ba78405e617d2a7044ab60717c8715&amp;#039;, 786, 1506164692)</em> in <em>/kunden/210808_12165/webseiten/globem/includes/database.mysql.inc</em> in Zeile <em>174</em>.', 2, '', 'http://alt.globe-m.de/de/experts/imogen-kusch-ein-24-hour-artist', '', '54.162.107.122', 1506164692) in /kunden/210808_12165/webseiten/globem/includes/database.mysql.inc on line 174