„Inspiration ist wie Bauchschmerzen“

Anna Hugo Foto : Anna Hugo

Die Malerin Anna Hugo ist mit ihren 22 Jahren in der Wiener Kunstszene keine Unbekannte mehr. Ihre provokanten und übergroßen Gemälde wurden von ihrer ehemaligen Schule zensiert, heute hängen sie in Ausstellungen. Hugo weiß, wie man polarisiert: So verwandelt sie alltägliche Dinge wie einen filetierten Fisch, eine Feige oder ein Hähnchen in weibliche Geschlechtsorgane. globe-M fragte die Künstlerin über ihre nächste Kooperation, über Inspiration und Provokation.

globe-M: Sie arbeiten seit einigen Jahren mit dem Wiener Gastronomie- und Lifestyle-Kollektiv „Neni“ zusammen. In zwei Tagen zeigen Sie wieder eines Ihrer Bilder in einer Neni-Ausstellung. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Anna Hugo: Ich arbeite schon seit zwei Jahren mit Neni zusammen, ich hatte schon Solo-und Gruppenaustellungen bei ihnen. Diesmal nutzen wir das Firmenlager, auch „The Secret Factory“ genannt. Es soll an Andy Warhol's „factory“ erinnern. Verschiedene Künstler nutzen dann die Wände des Lagers als Leinwand. Es ist für uns eine gute Gelegenheit, unsere Arbeit zu zeigen und Kontakte zu knüpfen. Danach stelle ich auch für Neni, für den Wiener Technoball, kurze bewegte Bilder zusammen, die sich ähnlich langsam entwickeln wie das Feigen-Video auf meiner Homepage. Ich finde es spannend eine Video- Installation zu schaffen, die extrem langsame Bilder zeigt, denn diese werden im starken Kontrast zu der schnellen Techno-Musik stehen.

globe-M: Ihre Gemälde sind überdurchschnittlich groß, sie können ein ganze Wand oder sogar einen ganzen Raum beanspruchen. Schreckt das manche Menschen auch ab?

Anna Hugo: Ich merke oft, dass Leute meine Bilder sogar unbedingt wollen. Meine Bilder sind so groß, dass man ihnen nicht entkommen kann. Genau das mögen die Menschen. Wenn sie mein Bild wollen, dann werden sie auch dafür sorgen, dass sie Platz dafür haben.

globe-M: Und wie kamen Sie dazu, so große Bilder zu malen?

Anna Hugo: Mit Fünfzehn sah ich zum ersten Mal die Bilder von Jenny Saville und ich mochte, dass man diesen Bildern nicht entkommen konnte. Der Blick, die Proportion, es war eine direkte Konfrontation, das fand ich toll. Gleichzeitig ist es überwältigend so ein großes Bild zu malen, die Zauberei passiert ja nicht bei einer Ausstellung, sondern während der Interaktion zwischen dem großen Pinsel und der großen Leinwand. Ich muss oft auf den Boden, auf meinen Knien malen und das Bild mehrmals umdrehen. Der körperliche Prozess ist sehr anstrengend, er verlangt mir alles ab. Danach bin ich erschöpft und gleichzeitig hatte ich eine Möglichkeit, mich auszudrücken und durch meine Verletzlichkeit Intimität zu erzeugen.

globe-M: Im Kunsthistorischen Museum in Wien läuft gerade eine sehr erfolgreiche Lucian Freud Ausstellung. Vieles erinnert auch an Ihre Arbeit. Wie stehen Sie dazu?

Anna Hugo: Die Ausstellung ist großartig! Als ich das erste Mal ein Foto von Lucian Freuds „Sue“sah, war ich hingerissen, das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nun konnte ich zum ersten Mal seine Bilder live sehen. Ich konnte sehen, dass die Farbe so dick aufgetragen wurde, dass sie wie echte Haut auf den Körpern der Figuren wirkt. Ich interessiere mich für die Haut, wie die Haut fällt und auch für Fettleibigkeit. Das sind alles Themen bei Freud. Außerdem fand ich die Idee toll, dass man die Bilder von Lucian Freud inmitten der von Tizian sehen konnte, die Freud so sehr inspiriert haben. Das war das erste Mal, dass seine Bilder so ausgestellt wurden.

globe-M: Sie haben ein sehr provokantes Bild von einem sezierten Fisch gemalt, es erinnert sehr an das weibliche Geschlecht. Wie waren die Reaktionen darauf?

Anna Hugo: Ich malte den Fisch mit Siebzehn für den Kunstunterricht in der Schule. Einige meiner Arbeiten, auch das Fischbild, wurden zwar gut benotet, ich durfte sie aber nicht alle in der Schulausstellung zeigen, da sie für jüngere Schüler nicht geeignet seien. Das Gute war, dass mein Lehrer mich aber trotzdem sehr ermutigt und unterstützt hat.

globe-M: Woher bekommen Sie Ihre Inspiration?

Anna Hugo: Ich beschreibe es immer so: Inspiration ist wie Bauchschmerzen, die man plötzlich bekommt und die immer stärker werden, bis man kotzen muss. Ich erbreche dann ein Bild, danach bin ich erleichtert, weil es endlich draußen ist. Der Prozess an sich dauert bei mir immer nur sehr kurz, ich brauch rund fünf Tage, denn die Inspiration hat sich schon lange davor in mir aufgebaut. Oft recherchiere ich meine Inspiration erst, wenn das Bild fertig ist. Vielleicht male ich schon ein ganz neues Bild, und plötzlich merke ich, woher das Bild davor kam.

globe-M: Viele Künstler positionieren sich heute durch Provokation. Alles kann heute Kunst sein, wie etablieren Sie sich da?

Anna Hugo: Die Kunstbewegung dreht sich immer wieder im Kreise, ähnlich wie die Mode. Man überlegt sich so viele verrückte Designs, bis plötzlich ein weißes T-shirt wieder das aller coolste ist. Die heutige Kunst ist sehr konzeptionell und technologisch, als Reaktion darauf gibt es jetzt wieder viele Menschen, die sich nach figurativen Gemälden sehnen. Ich studiere an der Angewandten Kunstakademie in Wien, dort bekomme ich einerseits das kunstgeschichtliche Wissen und andererseits auch Technik beigebracht. Was ich damit dann mache, ist mir überlassen. Das Studium gibt mir Stabilität in der Unstabilität.

globe-M: Vielen Dank für das Gespräch

 

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