Klavierspiel mit Freude

Michael Michelev. Foto: privat

Zu den weltweit renommiertesten Spielstätten im Bereich klassischer Musik gehört der Saal des Moskauer Tschaikowski Konservatoriums. Bereits mit 25 Jahren wurde Michael Michelev die Ehre zuteil, hier ein Solokonzert zu geben. Ungeachtet seiner Erfolge als Konzertpianist, entschied er sich sehr früh für eine musikpädagogische Tätigkeit. globe-M sprach mit dem Wahlberliner über das ungewöhnlich entspannte Konzept seines Klavierunterrichts.

 

globe-M: Ganz in der Tradition russischer Künstler und Intellektueller im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, die sich nach ihrer Emigration in „Charlottengrad“ niederließen, leben und unterrichten Sie im Berliner Bezirk Charlottenburg.

Michael Michelev: Ihr Vergleich schmeichelt mir, und doch würde ich hier keine direkte Parallele ziehen. An meinem Standort ist für mich persönlich die Nähe zu der Deutschen Oper, die ich praktisch vor der Tür habe, viel signifikanter. Das ist gewissermaßen ein Sinnbild für die einmalige musikalische Kultur Deutschlands, in der ich mich zuhause fühlte.

globe-M: Sie sagen sich aber jetzt nicht von der russischen Musiktradition los? Schließlich haben Sie mit dem Moskauer Konservatorium eine der besten und international am meisten geachteten Musikhochschulen absolviert.

Michael Michelev: Aber natürlich nicht. Ich studierte in der Meisterklasse von Boris Bekhterev, der nicht nur ein hervorragender Interpret, sondern auch ein großartiger Mentor war. Ich denke stets mit großer Dankbarkeit an ihn zurück.

globe-M: Heute unterrichten Sie selbst. Inwieweit stützen Sie sich dabei auf die Methoden der sogenannten „russischen Klavierschule“?

Michael Michelev: Bei allem Respekt, so gut wie gar nicht.

globe-M: Die russische Klavierschule hat aber eine nahezu endlose Zahl von herausragenden Pianisten hervorgebracht!

Michael Michelev: Das ist unbestritten. Bedenken Sie jedoch, dass Sie jetzt von Klaviervirtuosen, das heißt von hochprofessionellen Musikern sprechen. Private Stunden nimmt dagegen in der Regel ein Laie, ein Musikliebhaber, der sich mit dem Klavier ausschließlich in seiner Freizeit beschäftigt. Mechanische Übungen und Tonleitern, die rauf und runter gespielt werden, führen bei einem nicht professionellen Spieler nur zur Verkrampfung.

globe-M: Ist pianistische Fingerfertigkeit nicht die Voraussetzung für ein ordentliches Klavierspiel?

Michael Michelev: Nein, ist sie nicht. Denn sie bildet sich – wie die meisten menschlichen Fertigkeiten – aus dem richtigen Umgang mit dem Instrument nach und nach selbst heraus. Der Grundgedanke meines Klavierunterrichts besteht darin, dass man von der Melodie und nicht von der mechanisch gelernten Abfolge der richtigen Tasten ausgeht.

globe-M: Wie kann man sich das vorstellen?

Michael Michelev: Das lässt sich am ehesten mit Gesang vergleichen. Die meisten Menschen können ohne größere Mühe praktisch jedes Lied nachsingen – vielleicht nicht immer einwandfrei, aber doch so, dass man es wiedererkennt. So auch hier: Ich lasse die Schüler der Melodie folgen. Natürlich treffen sie zunächst nicht immer die richtigen Tasten, aber schon während der ersten Unterrichtsstunden gelingt es ihnen, eine Melodie selbständig hervorzubringen.

globe-M: Sie meinen jetzt die Schüler, die keinerlei Vorkenntnisse haben.

Michael Michelev: Ja, genau. Die Methode greift aber genauso gut bei den Fortgeschrittenen, nur dass wir dann gleich mit komplexeren Stücken anfangen können. Keinerlei Rolle spielt auch das Alter: Meiner Erfahrung nach werden eventuelle Einschränkungen manueller Fertigkeiten oder der Gedächtnisleistung bei betagten Schülern durch ihre Begeisterung und Freude wunderbar wettgemacht. 

globe-M: Wurden Sie denn nie mit „hoffnungslosen Fällen“ konfrontiert?

Michael Michelev: Eigentlich nicht. Wenn jemand vom Wunsch geleitet wird, das Klavierspielen zu erlernen, ist er imstande, dies zu tun.

globe-M: Sie machen mir Hoffnung. Vielen Dank für das Gespräch.

  

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