Kunst ohne Imagepflege

Evgenij Kozlov. Foto: Hannelore Fobo

Es ist fast auf den Tag genau ein Jahr her, als globe-M mit dem russischen Künstler Evgenij Kozlov über sein vielschichtiges Werk, die Leningrader Avantgarde und die künftige Entwicklung der Kunst sprach. Seine Teilnahme an der diesjährigen Biennale in Venedig, dem wohl wichtigsten Ereignis der westlichen Kunstwelt, bot einen triftigen Grund für ein neues Gespräch.

 

globe-M: Als wir uns vor einem Jahr getroffen haben, war der eigentliche Anlass eine dokumentarische Ausstellung in St. Petersburg, die ihrem Berliner Projekt „Miniaturen im Paradies“ gewidmet war. Nur sind wir im Laufe der gesamten Unterhaltung kein einziges Mal darauf zu sprechen gekommen.

Evgenij Kozlov: Ich nehme an, dass es einfach wichtigere Themen gab.

globe-M: Ich fand das Gespräch sehr interessant und aufschlussreich, und die fünf Meter großen Fahnen, die sie bemalten und um die Siegessäule im Berliner Tiergarten hissten – ein wunderschönes Projekt aus dem Jahr 1995 – würden auch ein spannendes Thema ergeben. Ich fange aber gleich mit der Kunstbiennale in Venedig an. Darf ich?

Evgenij Kozlov: Die Biennale ist auf jeden Fall ein großes Ereignis mit weltweiter Strahlkraft und ich bin natürlich froh, dass mein Zyklus „Das Leningrader Album“ dort auf der Hauptausstellung gezeigt wird.

globe-M: Waren Sie bei der Eröffnung dabei?

Evgenij Kozlov: Ich sehe schon seit langem keine Notwendigkeit zu reisen, um Vernissagen zu besuchen. Die Kunst ist für mich eine ernste Angelegenheit, wobei in meinen Bildern der Humor durchaus anwesend ist. Jedenfalls kann ich nicht gleichzeitig unterwegs und außerdem noch künstlerisch tätig sein.

globe-M: Das Art-Business tut sich mit der mangelnden Präsenz eines Künstlers normalerweise sehr schwer.

Evgenij Kozlov: Das stimmt, daher bin ich auch kein Teil davon. Die Kunst, die ich mache, ist geistiger Natur. Früher war es mir noch eher möglich, zu malen und außerdem noch irgendwelche Events zu besuchen. Aber je älter ich werde, umso mehr achte ich auf meine innere Befindlichkeit, um Inspirationen empfangen zu können. Inspirationen lassen sich nicht künstlich hervorrufen, man muss sich sorgfältig darauf vorbereiten, sich ausruhen – es lässt sich nicht damit vereinbaren, von früh bis spät über Rote Teppiche zu laufen.

Heute scheint aber die Meinung vorzuherrschen, dass ein Künstler zuerst ein bisschen malt, danach das Haus verlässt, mit dem Taxi oder seinem Rolls-Royce zum Flughafen fährt, anschließend die schreckliche Prozedur des Eincheckens und der Passkontrolle über sich ergehen lässt, dann weite Strecken zurücklegt, um ein fremdes Zimmer in einer fremden Stadt zu beziehen, wo er sich dann am nächsten Tag völlig zerschlagen seiner Imagepflege widmet. Das hält man für absolut notwendig. Ich wäre selbstverständlich auch imstande, mich um mein Image zu kümmern, aber dann würde ich mich um das Image eines ehemaligen Künstlers kümmern, nämlich jenes Künstlers, der ich einst war und den ich zugunsten des Images geopfert habe. Vielleicht würde das noch mit bestimmten Dopingmitteln funktionieren, aber darin kann ich nichts Erstrebenswertes erkennen.

globe-M: „Das Leningrader Album“ ist während ihrer Teenagerjahre entstanden und erzählt von erwachtem sexuellem Begehren. Das ist ein sehr persönliches Thema und wäre nur natürlich, dass man es mit keinem teilen will oder kann. Sie haben die Blätter auch immer versteckt. Und doch machen die Zeichnungen nicht den Eindruck, als wären sie private „Geständnisse“. So würde ich nicht unbedingt behaupten, dass die Schlittschuhe, die die von ihnen gezeichneten Frauen auch im Bett nicht ablegen, ihr persönlicher Fetisch wären. Sie sind nämlich so eindeutig ästhetisch im Bild verankert, dass dies ohnehin keine Rolle spielen würde. Haben sie etwa da schon an einen hypothetischen Betrachter gedacht?

Evgenij Kozlov: Nur in dem Sinne, dass ich diese Bilder nicht nur für mich alleine gezeichnet habe. Auf dem letzten Blatt des Albums steht geschrieben: „Allen Jugendlichen und Männern der Welt im XXI, XXVI, VXIX und LXIV Jahrhundert gewidmet“. Die Zeichnungen haben universellen Charakter. Sonst würde Massimiliano Gioni, der künstlerische Leiter der Biennale, sie auch nicht für seine Ausstellung ausgewählt haben.

globe-M: Übrigens, wie behaupten sich ihre Zeichnungen im Kontext der Ausstellung?

Evgenij Kozlov: Ich würde sagen, sehr gut. Es gibt nichts Vergleichbares im „Enzyklopädischen Palast“, dieser Block aus 150 Zeichnungen überrascht den Besucher. Der erste Posten des Buches „Das Leningrader Album“ war im Buchladen des Hauptpavillons innerhalb von zwei Tagen ausverkauft.

globe-M: Dieses Buch spielte eine entscheidende Rolle, dass ihre Zeichenserie zu einer so prominenten Ausstellung eingeladen wurde. Sind sie mit dem Buch zufrieden?

Evgenij Kozlov: Es ist sehr ansprechend geworden, finde ich. Leider ist dort aber nur etwa die Hälfte der Bilder zu sehen. Mein Wunsch wäre es, alle 256 Zeichnungen in Originalgröße in einem Buch zu vereinen. Es sollte dabei auch die Rückseite der Blätter zu sehen sein, weil auch die Rückseite interessant ist. Dort hat die Tinte schwache Spuren hinterlassen, sodass die Zeichnung zu erahnen ist, es gibt verschiedene Texte und andere Elemente. Vielleicht wird eine solche Edition nach der Biennale möglich. 

globe-M: Wollen wir hoffen, dass die Kunstbiennale in Venedig für das Art-Business doch etwas bedeutet, auch wenn der Künstler da nicht persönlich erschienen ist. Vielen Dank für das Gespräch

 

Weitere Informationen

Homepage des Künstlers 
globe-M Bericht über „Das Leningrader Album“ 
globe-M Interview mit Evgenij Kozlov vom 14. August 2012 

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