Leben als Kunstform

Vytautas Jurevicius. Foto: privat

Von zahlreichen Genres, die es in der Bildenden Kunst gibt, hat sich Vytautas Jurevicius für die wohl am wenigsten fassbare entschieden: In seinen Performances und subtilen Interventionen im öffentlichen Raum erforscht er soziale Phänomene und fordert das Publikum zum Dialog heraus. globe-M setzte das Gespräch mit dem litauischen Künstler fort, um den Grund für diese Entscheidung zu verstehen.

 

globe-M: In unserem letzten Gespräch erzählten Sie über Ihren recht ungewöhnlichen Werdegang, der Sie aus einem kleinen Ferienort an der Ostsee in die „große Welt“ führte und Sie letztendlich Künstler werden ließ. Bezeichnend ist dabei nicht nur der häufige Ortswechsel, sondern auch ein Wechsel von künstlerischen Mentoren. Können Sie ihn im Nachhinein begründen?

Vytautas Jurevicius: Meine Lehrjahre lassen sich vielleicht am ehesten als persönliche Suche nach künstlerischer Form umschreiben. Rückwirkend gesehen, habe ich mich stets mit der Form auseinandergesetzt. Bei jedem neuen Professor habe ich mich quasi von einem festen, „fertigen“ Kunstwerk hin zu einer weniger abgeschlossenen, lebendigen Kunst hinbewegt. Diese persönliche Formfindung wurde letztendlich zum eigentlichen Inhalt meiner Arbeit.

globe-M: Soll man das so verstehen, dass Ihre Performances für Sie keine „Endergebnisse“ eines künstlerischen Prozesses sind, sondern der Prozess selbst?

Vytautas Jurevicius: In einer Performance oder einer Aktion münden unterschiedliche Beobachtungen und Überlegungen, unzählige Zitate und Materialien, Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Strukturen und Kunstwerken, persönliche Erfahrungen und Interaktionen mit meiner sozialen Umgebung. „Münden“ heißt hier aber nicht „enden“. Vielmehr erweitern sie sich im Verlauf der Performance und fließen in einem nie abreißenden Fluss in mein Leben und damit wieder in meine Kunst mit ein.

globe-M: In diesem Sinne kann man dann doch von keinem abgeschlossenen Kunstwerk sprechen?

Vytautas Jurevicius: So ist es. Mein künstlerisches Ideal wurde bereits 1960 von der Fluxusbewegung postuliert, deren großer Verehrer ich bin. Da ging es um einen fließenden Übergang zwischen Kunst und Leben oder sogar um ihre Einheit. Emmett Williams, einer der Mitbegründer der Fluxus, sagte einmal: „Das Leben ist ein Kunstwerk, und das Kunstwerk ist Leben.“ Auch mir geht es darum, die Trennung zwischen Leben und Kunst aufzuheben und das Leben und alle Produktionsprozesse miteinander zu verbinden.

globe-M: Viele Ihrer Performances finden im öffentlichen Raum statt. Anders, als man es von den „klassischen“ Performances wie etwa denen von Marina Abramović, kennt, kommen sie oft ganz ohne Ihre körperliche Präsenz aus. Dabei handelt es sich mitunter um komplexe, durchgeplante, technisch ausgeklügelte Handlungsabläufe, deren Ausstrahlung jedoch eher diffus als plakativ ist. Welche Wirkung streben Sie im Bezug auf den Betrachter an oder kümmert das Publikum Sie überhaupt nicht?

Vytautas Jurevicius: Natürlich ist das Publikum wichtig! Der Zuschauer ist immer ein Teil des künstlerischen Prozesses. Es ist aber eine gute Frage, welche Wirkung ich dabei erzielen möchte. Auf jeden Fall geht es mir um die Veränderung des vorhandenen sozio-geografischen Raumes und die daraus resultierende Erwartungshaltung der „Eingeweihten“, das heißt der Menschen, die über eine Kunstaktion informiert sind. Geht es aber um Menschen, die am Ort des Geschehens mehr oder weniger zufällig anwesend sind, so bringe ich sie dazu, sich mit ihrem gewohnten Umfeld auseinanderzusetzen, dass sich auf eine verwirrende Art und Weise, aber eben nicht unbedingt spektakulär, verändert hat.

globe-M: Was verstehen Sie unter einer solchen „nicht spektakulären“ Veränderung?

Vytautas Jurevicius: Als Beispiel erzähle ich Ihnen vielleicht kurz über eine Performance, die ich bei der letzten Vienna Art Week gezeigt habe. Sie bestand aus zwei Teilen, die zu verschiedenen Uhrzeiten an verschieden Orten stattfanden. Die technische Grundlage bildete in beiden Fällen eine Beschallung, die den Anwesenden eine Wahrnehmung von gesprochenen Worten und anderen Geräuschen ermöglichte, deren Quelle für sie aber nicht identifizierbar war. Am Nachmittag sind die geladenen Gäste über die Brücke im Wiener Stadtpark gegangen, aber natürlich nicht nur sie, sondern viele andere Menschen auch. Die Idee war, dass beim Überqueren der Brücke, alle Passanten bestimmte Texte hören. Nun ist aber unsere Tonanlage komplett ausgefallen, sodass dieser Plan nicht aufging.

globe-M: Heißt das, dass die Menschen, die speziell zur Performance gekommen sind, enttäuscht wurden?

Vytautas Jurevicius: Nein, sie wussten ja nicht, was genau dort geschehen sollte. Sie befanden sich in einer permanenten Erwartungshaltung, weil sie die ganze Zeit mit irgendetwas rechneten.

globe-M: Für die zufälligen Passanten unterschied sich dieser Tag nicht von den anderen.

Vytautas Jurevicius: Ja, genau. Anders wurde es am Abend beim zweiten Teil der Performance, weil dort die Anlage richtig funktionierte. Der Schauplatz dieser Performance war ein Wohnblock aus dem Jahr 1965 – grau, schmucklos, unansehnlich. Ich und ein Künstlerfreund befanden uns in einer ganz normalen Wohnung im vierten Stock des Gebäudes und unterhielten uns über das Fremdsein. Über drahtlose Mikrofone wurde unser Gespräch auf die Lautsprecher übertragen, die gut versteckt waren, aber den ganzen Wohnblock beschallten. Auch für das eingeladene Publikum waren weder wir noch die Lautsprecher sichtbar. Sie wohnten einem Prozess bei, der nur teilweise kontrollierbar war. Auf einmal mischte sich zum Beispiel unser Gastgeber in die Unterhaltung ein, der zu diesem Moment schon ziemlich angetrunken war und nur Unsinn redete. Es folgten noch weitere Bewegungen und Aktionen, neue Personen tauchten auf dem Hof auf und verschwanden wieder, ein Auto fuhr heraus, man sang, jemand lief maskiert rein und wieder heraus. Viele Hausbewohner machten ihre Fenster auf, weil sie nicht verstehen konnten, was da vor sich ging.

globe-M: Da wäre wohl jeder etwas verdutzt.

Vytautas Jurevicius: Ja, weil einerseits jedem klar war, dass etwas passiert, aber man konnte nicht verstehen, was davon inszeniert und was natürlich war.

globe-M: Wenn eine solche Aktion vorbei ist, bleibt von ihr ja materiell ja nichts mehr übrig. Eine Dokumentation, wie genau sie auch sein mag, gibt nie das tatsächlich Geschehene und die Atmosphäre wieder. Tut es Ihnen nicht Leid, dass Ihr komplexes Kunstwerk so einfach verschwindet?

Vytautas Jurevicius: Lassen Sie mich kurz nachdenken… Nein, ganz bestimmt nicht. 

globe-M: Weil es Teil des Lebens ist?

Vytautas Jurevicius: Schon möglich...

 

Weitere Informationen
globe-M Interview mit Vytautas Jurevicius über seinen künstlerischen Werdegang 
Ausschnitt aus einer Performance in MMMk Zollamt in Frankfurt am Main, 2013 

Expertenstimmen Archiv

DatumSortiericonTitel
29.Sep.2014Selbstauswertung bis hin zum Ernstfall
25.Sep.2014Positionen zur Positions
25.Sep.2014"Der Berliner Mythos allein zieht nicht mehr"
24.Sep.2014Neue Positionen beziehen
21.Sep.2014Tanzskulpturen
09.Sep.2014Erst Marathon, dann Freakshow
06.Sep.2014Choreographie der Schwerelosigkeit
06.Sep.2014Das Dunkle in uns
06.Sep.2014„Manchmal ist das Narrativ fast tyrannisch“
04.Sep.2014„Wir schulden den Bayaka unseren Film“
31.Aug.2014Katharsis durch Reizüberflutung
20.Aug.2014„Georgien ist näher am Leben.“
16.Aug.2014Nicht nur in Stein gemeißelt
14.Aug.2014Keine Kategorien bitte
11.Aug.2014Von Moskau nach Berlin und zurück
10.Aug.2014Virtuelle Bilderwelten
06.Aug.2014Phönix aus der Asche
06.Aug.2014Landschaftsfantasien
30.Jul.2014„Als würde man in ein fremdes Land reisen“
28.Jul.2014Cindy Sherman im MoMA
28.Jul.2014Courage heißt schon, als Künstler zu leben
22.Jul.2014Angela Merkels „Hoffotograf“
19.Jul.2014Schlüsselmomente mit Mitmachfaktor
10.Jul.2014Nächtliche Youtube-Fantasien
05.Jul.2014Zwischen Technik und Poesie
05.Jul.2014„Die Wirklichkeit ist noch wesentlich heftiger“
30.Jun.2014„Universelle Erfahrung ohne Sprachbarrieren“
30.Jun.2014„Erich Kästner war damals schon altmodisch“
22.Jun.2014„Man müsste aus dem modernen Leben aussteigen“
16.Jun.2014Das Gedicht bestimmt die Farbe des Konzerts
13.Jun.2014Von der Bedeutung der Kunst
09.Jun.2014„RLF ist reflexiv und nicht positivistisch“
08.Jun.2014Ganz groß mit Hut
07.Jun.2014Du bist überall auf der Erde
06.Jun.2014Mikroben als Kunststars
30.Mai.2014„Ich nehme elektromagnetische Wellen wahr“
27.Mai.2014Von der Eisprinzessin zur Stilkönigin
21.Mai.2014Gestalten und Beobachten
21.Mai.2014Nordisches Speed-Dating in Berlin
19.Mai.2014Im Ravekostüm mit 50?
18.Mai.2014„Wir lieben das Risiko, zu scheitern“
13.Mai.2014Farben des Nordens
12.Mai.2014„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“
12.Mai.2014 David Hasselhoff singt für globe-M
11.Mai.2014Von Hackern und Hippies lernen
11.Mai.2014TV-Million durch Cannabiskampagne
29.Apr.2014 Sorgen um ein zerrüttetes Land
23.Apr.2014 Lust auf Neues
21.Apr.2014„Ich kann auch gerne mal läpsch sein“
20.Apr.2014 Der richtige Ton
17.Apr.2014 Auf der Suche nach Herausforderungen
13.Apr.2014Ich kann mir den Film in Farbe nicht vorstellen
12.Apr.2014Mich interessiert mehr der Blick daneben
06.Apr.2014Klavierspiel mit Freude
05.Apr.2014„Die Fragen werden bleiben“
02.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
01.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
24.Mär.2014„Hat man Eier, oder hat man keine?“
20.Mär.2014„Wir sind alle aus Spirit gemacht“
17.Mär.2014Beim Jazz muss man sich entblößen
07.Mär.2014Berlin hat die Kunst in mir hervorgebracht
06.Mär.2014„Für mich ist die Wahl eines Films persönlich“
04.Mär.2014Den französischen Schubladen entkommen
02.Mär.2014Close Up! als Kontakt zur Bodenstation
25.Feb.2014Beethoven plus Hindemith
14.Feb.2014Monatliche Wundertüte
10.Feb.2014Storytelling wie vor 50 000 Jahren
10.Feb.2014„Ich sehe über 600 Filme im Jahr“
03.Feb.2014Neue Räume schaffen
02.Feb.2014MY MISERY IS FOR YOUR ENTERTAINMENT
29.Jan.2014Berlin jazzt
20.Jan.2014„Inspiration ist wie Bauchschmerzen“
19.Jan.2014„Verbrechen sind keine Frage der Intelligenz“
16.Jan.2014„Ein lustiges Land mit einer seltsamen Kultur“
13.Jan.2014Die Farbe des Chansons
10.Jan.2014Leben als Kunstform
09.Jan.2014Die künstlerische Internationale
30.Dez.2013Musik für Erfahrene
22.Dez.2013Man ist so jung...
17.Dez.2013Das Zielgerichtete überwinden
11.Dez.2013Ökonomie des Schenkens
08.Dez.2013Die schöpferische Welt verstehen
07.Dez.2013 Faszination Kunstmarkt
06.Dez.2013Was ist Humor?
25.Nov.2013Streichquartett des Nonplusultra
24.Nov.2013Im Dunkel – da findest du was
21.Nov.2013 Symphonie einer großen Welt
21.Nov.2013„Es war filmmäßig“
11.Nov.2013 Splitter einer Ära
08.Nov.2013 Ein Geschenk aus Liebe
07.Nov.2013„Die Mentalität muss sich ändern“
04.Nov.2013 Uns interessiert, was wir nicht kennen
31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
22.Okt.2013Schöne Wetteraussichten
20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
18.Okt.2013Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive
11.Okt.2013Intellektueller Pop
10.Okt.2013Ein Tausendsassa lernt nie aus
08.Okt.2013 Die Grenzgängerin
05.Okt.2013Nackte Seele
23.Sep.2013Städteplanung nach Darwin
16.Sep.2013Malen ist meine Meditation
15.Sep.2013Talentfinder
14.Sep.2013Hauptstadt des Tangos
14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
03.Sep.2013 Herausfordernde Lebendigkeit
27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
26.Aug.2013Autobiographische Metaebene
24.Aug.2013Die Welt will, dass man erwachsen wird
20.Aug.2013Neue Töne aus der Uckermark
15.Aug.2013 Ein Traum fürs Leben
15.Aug.2013Der Blick zurück nach vorne
11.Aug.2013Kunst ohne Imagepflege
05.Aug.2013 Lalys Lalylalas
02.Aug.2013 Illusion im Dienste der Wahrheit
30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
26.Jul.2013Nobelpenner mit Plattenvertrag
25.Jul.2013Jedermann - Ein Modezar im Zelt
19.Jul.2013Lodernde Leidenschaften
18.Jul.2013Mörderische Nische
05.Jul.2013Soziale Kreativität
04.Jul.2013Prada trifft auf Wes Anderson
01.Jul.2013„Der echte Heimatfilm ist tot“
27.Jun.2013Wir wollen mehr als nur Events
27.Jun.2013Für Chile arbeiten
21.Jun.20132500 Quadratmeter Glitzerwelt
11.Jun.2013„Im Alter möchte ich Udo Jürgens sein“
07.Jun.2013„Fresse halten, Bass spielen“
29.Mai.2013Erfrischend mutig - Rosalie Thomass
23.Mai.2013Imogen Kusch ‑ ein "24-Hour-Artist"
20.Mai.2013Visuelle Themenwelten
18.Mai.2013Himmel und Wasser
18.Mai.2013Bösewicht mit großem Herz
16.Mai.2013Musterhaft
10.Mai.2013Berlin Transit
10.Mai.2013„Theater ist für mich der Ur-Moment“
09.Mai.2013Für Recht und Gerechtigkeit
09.Mai.2013Kunst und Kommunikation
08.Mai.2013Mehr als kleine Strichmännchen
08.Mai.2013Schauen und Staunen
08.Mai.2013Designzauber aus dem Norden
08.Mai.2013Näkemiin Suomi!
08.Mai.2013Lebendige Folien - Media Art von Saana Inari
08.Mai.2013Szenetreff versus Beschaulichkeit
08.Mai.2013Jung und echt unter deutscher Flagge
08.Mai.2013Der Malteser Schatz
08.Mai.201340 Jahre „Schwarzer September“
08.Mai.2013Glamour auf rotem Teppich
08.Mai.2013Produktion und Verwertung
08.Mai.2013Bilderkrieg
08.Mai.2013Das menschliche Maß
08.Mai.2013Ein scheinbar unmögliches Projekt
08.Mai.2013Blindes Verständnis
08.Mai.2013Tanz, Musik, Film und Text

Warning: Duplicate entry '58254862' for key 'PRIMARY' query: INSERT INTO globem_watchdog (uid, type, message, severity, link, location, referer, hostname, timestamp) VALUES (0, 'php', '<em>Duplicate entry &amp;#039;15519857&amp;#039; for key &amp;#039;PRIMARY&amp;#039;\nquery: INSERT INTO globem_accesslog (title, path, url, hostname, uid, sid, timer, timestamp) values(&amp;#039;Leben als Kunstform&amp;#039;, &amp;#039;node/9428&amp;#039;, &amp;#039;&amp;#039;, &amp;#039;54.162.107.122&amp;#039;, 0, &amp;#039;3879d4175c70b9e1467ec117305f6544&amp;#039;, 774, 1506165241)</em> in <em>/kunden/210808_12165/webseiten/globem/includes/database.mysql.inc</em> in Zeile <em>174</em>.', 2, '', 'http://alt.globe-m.de/de/experts/leben-als-kunstform', '', '54.162.107.122', 1506165241) in /kunden/210808_12165/webseiten/globem/includes/database.mysql.inc on line 174