Lodernde Leidenschaften

Polina Narodezki. Foto: privat

St. Petersburg gilt in Russland als Kulturhauptstadt. Man meint dabei vor allem jene besondere Prägung, die die Stadt ihren Bewohnern scheinbar schon in der Wiege verleiht. Polina Narodezki ist genau so, wie man sich eine echte Petersburgerin vorstellt: kultiviert, gebildet und zurückhaltend. Der vor kurzem erschienene Band russischer Romanzen, die die heute in Berlin lebende Dichterin ins Deutsche übertrug, nahm globe-M zum Anlass, um mit ihr über diese spezielle Gattung zu sprechen. 

 

globe-M: Sie wurden in Sankt Petersburg geboren, Russisch ist Ihre Muttersprache. Ihr Deutsch hört sich aber makellos an. Man sagt immer, dies sei ein Zeichen großer Musikalität.

Polina Narodezki: Oder von großem Fleiß. Gute Aussprache kann man erlernen, aber man muss dafür viel, sehr viel üben – am besten mit einem sachkundigen Pädagogen.

globe-M: Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?

Polina Narodezki: Oh ja. Ich studierte an der Petersburger Herzen-Universität Germanistik und mehrstündige Übungen in einem Sprachlabor gehörten dort zum Pflichtprogramm.

globe-M: Aber Sie werden doch nicht Ihre Musikalität abstreiten wollen, oder?

Polina Narodezki: Das doch nicht. Sonst würde ich mich ja kaum vor eine so schwierige Aufgabe wie das Übersetzten von Liedern stellen.

globe-M: Der von Ihnen herausgegebene Band „Russische Romanzen“ enthält russische Originaltexte, ihre deutsche Übertragung und die entsprechenden Notenschriften. Heißt das, dass man alle Lieder auch auf Deutsch singen könnte?

Polina Narodezki: Das war ja auch der Sinn der Sache! Mein wichtigstes Ziel bestand darin, die Übersetzung in die nächstmögliche Nähe zum russischen Text zu bringen. Aber darüber hinaus wollte ich natürlich der musikalischen und rhythmischen Gestaltung des Originals folgen. Denn russische Romanzen stellen etwas ganz Einmaliges dar, und das wollte ich unbedingt dem deutschsprachigen Leser vermitteln.

globe-M: Was macht sie denn so besonders?

Polina Narodezki: Mit dem Wort „Romanze“ wird in Russland zunächst eine Liedgattung bezeichnet, die sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und besonders im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss der Romantik entwickelte. Nicht anders als in Deutschland und Frankreich handelte es sich um Vertonungen von Lyrik, die man mit Klavierbegleitung vortrug. Im Deutschen würde man sie „Kunstlieder“ nennen.

globe-M: Deutsche Kunstlieder wurden von Schubert, Schumann, Brahms, Mahler, also den größten Komponisten ihrer Zeit geschaffen.

Polina Narodezki: So auch in Russland: Glinka, Rimski-Korsakow, Tschaikowski, Rachmaninow, Mussorgski und einige mehr haben meistens klassische Gedichte vertont.

globe-M: Diese Lieder sind aber sehr anspruchsvoll. Um sie zu singen, braucht man eine solide musikalische Ausbildung.

Polina Narodezki: Zweifelsohne, sie werden in Konzerten entsprechend von Opernsängern vorgetragen. In Russland aber entstand im Verlauf des 19. Jahrhunderts parallel dazu eine andere Form der Romanzen. Die Musik wurde etwas einfacher, ohne jedoch ihre wunderbare Melodik zu verlieren, wobei sie einige Elemente der Zigeunermusik aufnahm. Inhaltlich ging es in diesen Liedern alleine um verzehrende Liebe in all ihren Erscheinungsformen: flammende Gefühle, sehnsüchtiges Warten, Untreue und Eifersucht, Bangen und Abschied, Wehmut und Erinnerungen an die verloren gegangene Liebe. Ab da können wir von „russischen Romanzen“ als einem eigenständigen Phänomen sprechen. Sie sind zu einem festen Bestandteil der russischen poetischen und musikalischen Kultur geworden.

globe-M: Sind diese Romanzen nach wie vor populär?

Polina Narodezki: Seit Jahrzehnten erfreuen sie sich ungebrochen großer Beliebtheit. Ich habe sogar das Gefühl, dass sie in den letzten Jahren vielleicht noch etwas populärer geworden sind. Es gibt übrigens Romanzen auch neueren Datums.

globe-M: Woran mag das Ihrer Meinung nach liegen? Besonders „zeitgemäß“ sind diese meistens doch recht kitschigen Weisen ja nicht gerade.

Polina Narodezki: Ja, aber es geht in ihnen um Gefühle, die jeder nachvollziehen kann. Schöne, meist sentimentale Melodien und leidenschaftliche Texte verschmelzen in ihnen zu einer Einheit. Russische Romanzen sind eingängig, aber nicht primitiv. Daher gibt es in Russland kaum einen  Opern- oder Chansonsänger, der sie nicht im Repertoire hätte. Wir hatten zu Hause viele Schallplatten von berühmten Sängern, die ich von klein auf ständig hörte.

Aber man muss nicht unbedingt eine „große“ Stimme haben, um Romanzen vorzutragen. Und das ist wahrscheinlich auch ein Grund für ihre große Popularität: Sie lassen sich nämlich herrlich nachsingen. Es gab bei uns zu Hause regelmäßig „musikalische Abende“, wo wir mit großer Begeisterung diese Romanzen sangen, während meine Tochter uns am Klavier oder mit ihrer Gitarre begleitete.

globe-M: Wie kamen Sie auf die Idee, diese Lieder ins Deutsche zu übertragen?

Polina Narodezki: In einer Inszenierung an der Berliner Volksbühne, deren Handlung in Russland spielte, wurden unter anderem auch Romanzen im Original gesungen. Ich wurde dafür engagiert, um mit den Schauspielern russische Aussprache einzustudieren. Eine der Schauspielerinnen, Gisela Rubbel, bat mich, das vertonte Gedicht von M. Lermontow „Ein weißes Segel ziehet einsam…“ ins Deutsche zu übertragen, um es besser zu verstehen. Ich tat es gerne. Diese Arbeit fand ich sehr inspirierend und beschloss, sie fortzusetzen. Es war eine Art Selbstauftrag, der vom Wunschtraum geleitet wurde, die Romanzen so zu übersetzen, dass man sie auf Deutsch singen könnte.

globe-M: Mit dem Erscheinen des Buches mit Ihren Übersetzungen ist ihr Traum nun in Erfüllung gegangen.

Polina Narodezki: Fast... Ich möchte noch nicht zu viel verraten, aber ich bin dabei, mit einer wunderbaren Sängerin einen Liederabend mit russischen Romanzen in deutscher Sprache vorzubereiten

globe-M: Lassen Sie uns unbedingt wissen, wenn es soweit ist! Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Weitere Informationen:
Polina Narodezki: Russische Romanzen
Vertonte Gedichte in Deutsch und Russisch.
165 Seiten,  EUR 15,90
ISBN 978-3-8280-3097-8

Expertenstimmen Archiv

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