„Man müsste aus dem modernen Leben aussteigen“

Marc Elsberg © Clemens Lechner / Blanvalet

Marc Elsbergs Thriller „Blackout“ löste 2012 eine große Diskussion aus: Was tun wir, wenn in unserer technisierten Welt der Strom global ausfällt? Seitdem wird der Buchautor gerne als Überlebensexperte eingeladen. Elsbergs neuester Thriller „ZERO“ stellt die Big Data-Frage: Wer hat die Macht über unsere Daten? Warum wir verantwortlich mit unseren Daten umgehen sollten und was das Google-Urteil zur Löschung eigener Daten bedeutet, erklärt Elsberg im Gespräch mit globe-M.

globe-M: Herr Elsberg, Sie beschreiben „ZERO“ auf Ihrer Website mit dem Satz: „Sie wissen, wer du bist, wo du bist ‑ und was du als nächstes tun wirst“. Was meinen Sie damit?

Marc Elsberg: Big Data heißt das Modewort. Viele sammeln und verwerten Riesenmengen von Daten über uns: Mobilfunkanbieter, Kreditkartenfirmen, Kaufhaus- und Drogeriemarktketten, Sicherheitsunternehmen, Polizei und Geheimdienste … In diesen Datenmassen erkennen sie Muster, die Rückschlüsse auf künftiges Verhalten zulassen, zum Beispiel: „Was werden wir wo einkaufen?“ Es können dadurch auch Geburtstermine ausgerechnet werden.

globe-M: Liegt das Problem bei den Datenriesen?

Marc Elsberg: Jein. Wie auch die Hauptfigur in „ZERO“ lernt, liegt das Problem in der Machtkonzentration bei den Datenriesen durch den Besitz der Daten. Dank der Daten wissen sie sehr viel über jeden Einzelnen von uns. Und Wissen ist Macht. Unser Wissen über sie ist dagegen wesentlich geringer. Es herrscht ein vielfaches Wissens- und damit Machtungleichgewicht, das auch immer weiter zunimmt.

globe-M: Immerhin hat man nun die Möglichkeit, bei Google Einträge zur eigenen Person löschen zu lassen.

Marc Elsberg: Das ist ein winziger Fortschritt, aber ein Anfang. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs hat gezeigt, dass wir eigentlich bereits Gesetze haben, die uns bis zu einem gewissen Grad schützen und nur genutzt werden müssen. Allerdings müssen belastende Daten nur aus dem Verzeichnis von Google gelöscht werden, aber nicht von dem eigentlichen Veröffentlicher der Daten. Sie sind also weiterhin im Netz vorhanden, wenn auch schwerer auffindbar. Es geht bei der ganzen Thematik nicht nur um Google.

globe-M: Sondern?

Marc Elsberg: Die Daten landen nicht unbedingt „im Internet“, sondern oft bei einzelnen Unternehmen und Organisationen. Momentan ist es für technisch nichtversierte relativ schwierig, keine Datenspuren zu hinterlassen. Man müsste komplett aus dem modernen Leben aussteigen. Wir werden hoffentlich in absehbarer Zeit einfachere technische Anwendungen zum Schutz der Privatsphäre sehen. Außerdem müssen wir vor allem auf die Einhaltung bestehender Gesetze und die Formulierung neuer pochen. Eine selbstbewusste europäische Datenschutzverordnung wäre sicher hilfreich.

globe-M: Auf Ihrer Website verlosen Sie aktuell eine Smartwatch und eine Kamerasonnenbrille. Widersprechen Sie damit nicht dem Gedanken Ihres Buches?

Marc Elsberg: (lacht) Das habe ich meinen Verlag auch gefragt. Aber nein, nicht unbedingt.

globe-M: Wie stehen Sie selbst zu den vorgestellten Technologien?

Marc Elsberg: Ich kritisiere die Technologien nicht. Man kann sie zum Schaden oder Nutzen von Menschen einsetzen. Es gibt zahlreiche Beispiele, wie diese Technologien hilfreich eingesetzt werden können und sogar Menschenleben retten. „ZERO“ zeigt auf, dass es nicht um die Technologien per se geht, sondern um den gesellschaftlichen Umgang damit. Die Frage ist immer: Wer profitiert davon? Momentan sind es sehr wenige und die bestimmen, wer wie profitiert. Unternehmen könnten schon anhand meiner Handynutzung feststellen, ob ich etwa morgen eine Grippe bekomme. Wäre doch toll, wenn ich das selber auch wüsste und nicht nur Google oder mein Arbeitgeber.

globe-M: Datenschutzrechtlich ist das bedenklich, aber letztlich wird damit keiner in Gefahr gebracht, oder doch?

Marc Elsberg: Schön ist das Beispiel des selbstfahrenden Autos: Wen überfährt dein Auto in der Unfallsituation, in der es die Wahl zwischen Fußgänger oder SUV hat? Nach welchen Regeln entscheidet der Algorithmus, beziehungsweise der Programmierer, der ihn schreibt? Wer haftet? Der Autobesitzer? Der Softwarehersteller? Wird es tragbare „Hacking Devices“ geben, mit denen der Fußgänger den Autosensoren vortäuscht er sei ein Haus, damit ihn das Auto keinesfalls rammt? Fragen über Fragen. Und keine Lösungen, sprich Regeln und Gesetze. Wenn wir sie nicht beantworten, werden die NSA, Google & Co diese Gesetze schreiben.


Weitere Informationen

Der 1967 in Wien geborene Autor war Strategieberater und Kreativdirektor in der Werbebranche sowie Kolumnist für die Zeitung „Der Standard“. Sein Roman „Blackout“ findet sich seit einem Jahr in der SPIEGEL-Bestsellerliste, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und machte Elsberg zum gefragten Gesprächspartner von Unternehmen und Politik. Sein neuer Roman „ZERO“ erschien am 26. Mai 2014 und eroberte auf Anhieb die Bestsellerlisten.

 

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