„Manchmal ist das Narrativ fast tyrannisch“

© Eric Roman

Normalerweise ist ein Regisseur stolz auf sein Stück. Nicht aber Alan Smithee. Das Pseudonym, das amerikanische Filmproduzenten nutzen, wenn der Regisseur freiwillig oder unfreiwillig abhanden gekommen ist, ist namensgebend für das Tanztheater „Alan Smithee directed this play“. Ihr Stück führten Annie-B Parson und Paul Lazard im Rahmen von „Tanz im August“ mit ihrer „The Big Dance Theatre“-Company auf. Warum sie ein „niemand hat es getan“-Stück inszenierten, erklären die beiden globe-M im Interview.

globe-M: Sie begannen mit sechzehn Ballett zu tanzen, studierten Tanz und gründeten gemeinsam mit Paul Lazard das „Big Dance Theatre.“ Trotzdem heißt es, dass Sie keinen Modern Dance mögen.

Annie-B Parson: Wenn ich sage, dass ich Modern Dance nicht mag und daran nicht interessiert bin, das auch nicht sehen will, dann weil es nicht die Art körperlicher Poesie ist, die mich interessiert. Für mich ist Tanz die essenziellste Kunstform. Tanz ist ursprünglich, körperlich und wesentlich. Es gibt nichts, was näher am Menschen ist.

globe-M: Stimmt es, dass die meisten Ihrer Tänzer Yoga machen?

Annie-B Parson: Zwei unserer Tänzer machen Ballet, die anderen Yoga, ja das stimmt. 

globe-M: „Alan Smithee directed this play“ ist eine Collage aus drei Filmen: „Doktor Schiwago”, „Zeit der Zärtlichkeit” und der französische Kriminalfilm „Vier im roten Kreis”. Warum gerade diese drei? 

Annie-B Parson: Spaßeshalber meinte ich einmal, warum nicht den größten Film aller Zeiten, „Doktor Schiwago“ nehmen? Der ist gigantisch, die Geschichte ist groß angelegt und hat eine große emotionale Bandbreite. „Doktor Schiwago“ kontrastiert gut zu „Le Circle Rouge“, der ein stylischer, sehr kleiner Film ist. Der dritte Film sollte amerikanisch sein, sehr intim und psychologisch. 

globe-M: In Alan Smithee arbeiten Sie mit einer sich bewegenden Bühne. Nichts bleibt auf der Bühne, außer einer Jalousie, die mal als Leinwand, mal als Wand oder Dekoration verwendet wird. Alles passiert sehr schnell. Was, wenn das Publikum dadurch viel zu sehr von der Handlung abgelenkt wird?

Paul Lazar: Wenn das Publikum das Stück aufgrund der Geschwindigkeit nicht versteht, dann verstehen sie die narrativen Sequenzen nicht und geben es auf, dem Plot zu folgen. Wir hoffen, dass sie das schnell tun, weil wir genügend Wendungen eingebaut haben, um klar zu zeigen, dass man dem Stück nicht in Form einer großen Geschichte folgen kann.

Was verfolgst du, wenn es nicht die Geschichte ist? Was bleibt, wenn das Narrativ wegfällt? Beziehungen gibt es noch, das Psychologische ist präsent und thematische Motive, die durch die Sprache ausgedrückt werden. Die Beziehungen werden auf ihre Essenzen heruntergebrochen, weil das Narrativ entfällt. Manchmal ist das Narrativ fast tyrannisch und fesselt einen so an den Plot, dass essentiellere Dinge verloren gehen. Wenn man etwas aufgibt, bekommt man etwas zurück. 

globe-M: Also ist es nicht so wichtig, dass das Publikum dem roten Faden folgt? 

Annie-B Parson: Oft bekommen wir eine Geschichte im Theater erzählt, aber so erlebe ich das Leben nicht: Wir kommen gerade vom Flohmarkt, wir hatten eine Begegnung mit einem Taxifahrer, der uns erzählte, dass er, als er in Syrien lebte, für fünf Tage ins Gefängnis musste, dann kam er nach Berlin. Im Hotel lag eine Nachricht für einen Filmjob. All diese Dinge addieren sich. So ist das wahre Leben.

globe-M: Das Stück ist sehr visuell, Tänzer übertreiben es gerne mit dem Schauspiel, außerdem hilft ihnen der Tanz sich auszudrücken. Warum geben Sie wahren Emotionen nicht mehr Raum, vielleicht auch mehr Zeit? 

Paul Lazar: Ich würde sagen, es gibt schon wahre Emotion, aber eben nicht nur. In vielen Theaterstücken ist Emotion die Hauptwährung. Auch bei uns gibt es Momente, die emotional authentisch sind, aber sie bestimmen die Geschichte nicht. In einem Teil verabschiedet sich beispielsweise ein Schiwago-Charakter von Laura. Kurz vor dem Kidnapping sagt sie als Doktor Schiwago: „Unsere Tage sind gezählt. Adieu. Wir werden uns im nächsten Leben wiedersehen. Ich verschiede mich von unseren Träumen (…) von dem, was wir uns vom Leben erträumten, was uns unser Verstand lehrte.“ Das ist wahre Emotion. 

Annie-B Parson: Um ein anderes Beispiel zu nennen: Im Stück gibt es einen Moment, in dem die Schauspielerin einfach nur sie selbst ist. Sie steht vom Tisch auf und sagt „Ich weiß nicht, über was Sie reden.“ Das ist der realste Moment. Während den Proben war sie frustriert und sprach diesen Satz. Wir nahmen das auf und genau diesen Moment spielt sie auf der Bühne nach. 

Paul Lazar: Vielleicht ist „Alan Smithee directed this play“ ein Stück, das nach mehr als einmal sehen eindringt, weil die Emotion zwar präsent ist, nicht aber den gewöhnlichen Weg nimmt. 

globe-M: Warum haben Sie einen „niemand hat es getan“-Namen gewählt?

Paul Lazar: Die Idee impliziert, dass wir verschiedene Strategien erproben, bei denen sich die Struktur selbst finden kann, ohne notwendigerweise eine Person zu haben, die das Ganze leitet oder als Autor fungiert. Das Autoren-Modell ersetzen wir durch die Idee eines kollektiven Intuitivs. Den Produktionsprozess kann man keinem bestimmten Individuum zuordnen, deshalb gebe ich mich als Co-Regisseur an. 

globe-M: Sie sind miteinander verheiratet.Können Sie einfach genießen, wenn Sie einen Film ansehen oder Musik anhören oder denken Sie immer über das nächste Stück nach?

Paul Lazar: Beides. Es gibt einen fortlaufenden Dialog. Manchmal sprechen wir über den Film, den wir gerade gesehen haben. Unter Umständen ist das aber schon Teil einer größeren Betrachtung. Gewissermaßen ist dieser gemeinsame Diskurs konstant, aber uns nicht immer bewusst. 

Annie-B Parson: Letztens betrachteten wir ein Tagebuch von Samuel Pepys aus dem 17. Jahrhundert. Im Hinterkopf hatte ich die Idee, mal etwas daraus zu machen, aber das war nicht der Grund, weshalb ich's gelesen habe. Stücke schreiben ist ein immerwährender Prozess in einer fortlaufenden Konversation. Bewusst und unterbewusst. 

 

Weitere Informationen

„Alan Smithee directed this play“ feierte auf dem „Tanz im August“-Festival seine Deutschlandpremiere. 

Weitere Tanz im August-Artikel und Interviews: Jefta van Dinther, Marcelo Evelin, Toco Nikaido (Miss Revolutionary Idol Berseker)

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