Musterhaft

Daniela von Nayhauß. Lieb Vaterland magst ruhig sein – Wir sind brave Konsumenten, 2012 (Ausschnitt), © Daniela von Nayhauß

Die Berliner Malerin Daniela von Nayhauß setzt sich in ihren Werken mit der deutschen Geschichte und Gegenwart auseinander. globe-M sprach mit der Pop-Art Künstlerin in ihrem Atelier in Charlottenburg.

globe-M: Frau von Nayhauß, der Titel Ihres Zyklus lautet 'Lieb Vaterland magst ruhig sein'. Eine ungewöhnliche Wahl.

Daniela von Nayhauß: Max Schneckenburger dichtete 'Die Wacht am Rhein', aus der diese Zeile stammt, im November 1840 unter dem Eindruck eines nahenden Krieges mit Frankreich. Sein patriotisches Gedicht wurde mehrfach vertont und erfreute sich unter Kaiser Wilhelm I. und auch in der Folgezeit großer Beliebtheit. Ich benutze diese Liedzeile in meinen Titeln als das, was Deutschland darstellen, wie es gesehen werden will. Dies konfrontiere ich im zweiten Teil meiner Titel mit Aussagen zur deutscher Gegenwart.

globe-M: Ein typischer Titel für Ihre Arbeiten ist 'Lieb Vaterland magst ruhig sein – auch in Afghanistan kann man prima Geburtstag feiern'. Die Zeichnung zeigt ein strahlendes Mädchen mit einer großen Geburtstagstorte vor einem gemusterten Hintergrund in Pastellfarben. Muster und Zeichnung sind ineinander verwoben. Warum die Kinderzeichnungen? Woher kommen die graphischen Muster?

Daniela von Nayhauß: Auch visuell mische ich die Zeiten. Die Zeichnungen von Kindern, Tieren, Männern und Frauen wurden von Kinderbuchillustrationen zwischen 1930 und 1960 inspiriert. Innerhalb von nur dreißig Jahren fanden die Wirtschaftskrise, der Nationalsozialismus, der Krieg, die Nachkriegszeit und die Wirtschaftswunderjahre statt. Schaut man sich die damaligen Kinderbücher an – passiert nichts. Stark idealisierte, unschuldige, niedliche Wesen bevölkern ihre Seiten. Ich vergrößere diese Wesen auf Formate bis zu 1,40 x 1,60 Meter und kontrastiere sie mit Mustern, wie man sie auf alltäglichen Gebrauchsgegenständen der Gegenwart – etwa Tischdecken, Tapeten und Bettbezügen – finden kann.

globe-M: Dabei treten die Muster im Hintergrund oft auch in den Vordergrund, die Bildebenen vermischen sich.

Daniela von Nayhauß: Ja genau. Ich hebe die Gesetze von Vorder- und Hintergrund ganz bewusst auf und bewege mich spielerisch zwischen Linie und Fläche, Zeichnung und Muster, Vergangenheit und Gegenwart.

globe-M: Geschichte ist also lebendig, wird heute geschrieben und wiederholt sich täglich?

Daniela von Nayhauß: Ja, das ist meine Auffassung und meine Intention. Ich bin Pop-Art Künstlerin und als solche verwende ich vorgefundenes Material, sowohl inhaltlich als auch visuell, und setze es in einen anderen Kontext.

globe-M: Ihre Bilder sehen aus wie gedruckt, sind aber gemalt. Ein weiteres Verwirrspiel mit dem Betrachter?

Daniela von Nayhauß: Nichts in meinen Bildern ist so, wie es auf den ersten Blick wirkt. Sie sind in jeder Hinsicht mehrdeutig. Humor und Ironie sind ein weiteres Merkmal meiner Arbeiten.


Daniela von Nayhauß. Lieb Vaterland magst ruhig sein – Wir haben fähige Politiker, 2008 (Ausschnitt), © Daniela von Nayhauß

globe-M: Sie haben lange in Griechenland gelebt, dort ausgestellt. Eines ihrer Werke ist im Besitz der Pinakothek von Thessaloniki. Nach Ihrer Rückkehr hatten Sie möglicherweise einen anderen, frischen und aufmerksamen Blick auf die deutsche Realität?

Daniela von Nayhauß: Ich habe über zwölf Jahre in Thessaloniki gelebt und gearbeitet. Mittlerweile bin ich aber auch schon wieder fast 13 Jahre in Berlin. Die Jahre im Ausland haben mich mit Sicherheit geprägt, aber auch die Geburt meines Sohnes. Wenn man Kinder hat, stellen sich andere Fragen nach der Vergangenheit und der Gegenwart. Was ist heute von Bedeutung? Außerdem habe ich auch durch mein Studium der neueren deutschen Literatur, der Theaterwissenschaften und Philosophie einen starken Bezug zum Wort. Mein gesamtes künstlerisches Schaffen bewegt sich zwischen Bild und Wort.

globe-M: Knüpfen Sie an frühere Arbeiten an?

Daniela von Nayhauß: In den Neunzigern habe ich hauptsächlich 'Schriftbilder' gemacht. Dabei wurden Worte durch Überlagerungen zu Mustern und Bildern. Nach ein paar Jahren in Berlin begann ich mit dem Zyklus 'Deutsche Idylle', der sozusagen der Vorreiter der 'Vaterland-Bilder' ist.


Daniela von Nayhauß. Lieb Vaterland magst ruhig sein – Wir denken global, 2006 (Ausschnitt), © Daniela von Nayhauß

globe-M: Sie arbeiten bereits seit sechs Jahren an diesem Zyklus. Ist er für Sie mittlerweile beendet?

Daniela von Nayhauß: Nein, vorläufig nicht. Die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Probleme beunruhigen nicht nur mich. Es gibt mehr Inspiration, als mir lieb ist.

globe-M: Frau von Nayhauß, wir sind gespannt auf Ihre neuen Arbeiten und danken Ihnen für das Gespräch.

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