Nackte Seele

Liza Morozova. Foto: Pavel Smertin

Promovierte Psychologin, Kunsttherapeutin und Dozentin an der Rodtschenko-Schule für Multimedia: Keiner ihrer Tätigkeiten verrät , dass es sich bei Liza Morozova um eine herausragende Performance-Künstlerin handelt, die zu den besten in Russland gehört. Zu Beginn der Moskauer Biennale verbrachte sie 28 Stunden in einem Käfig – unbekleidet und barfuss auf dem Boden voller Glasscherben. Im Gespräch mit globe-M ließ sie keinen Zweifel an der politischen Dimension ihrer Aktion.

 

globe-M: Genau zu der Zeit, als sich die Kunstszene Moskaus neben Promis und anderen VIPs bei zahlreichen Eröffnungsevents der 5. Biennale amüsierte, saßen Sie in einem Käfig. Sie gehörten zu den sieben Performancekünstlern, den wichtigsten in Russland, die die Staatliche Galerie Solyanka VPA eingeladen hat, jeweils in einem eigenen Käfig an der Ausstellung „Künstlerzoo“ teilzunehmen. War es für Sie nicht befremdlich, auf einmal zu einem „Zooexponat“ erklärt zu werden?

Liza Morozova: Wenn ich ehrlich bin, musste ich überhaupt nicht an die im Zoo gehaltenen Tiere denken. Diese Parallele wurde von mehreren Künstlern bereits vor 30-40 Jahren in ihren Aktionen und Performances gezogen. Der Käfig ist ja ein sehr vielschichtiges Symbol. Gleich nachdem ich die Einladung bekommen hatte, dachte ich vielmehr an den aktuellen politischen Kontext und eine Möglichkeit für eine systemkritische Aussage. Das Sitzen in einem Käfig empfinde ich als eine Metapher für das Leben im heutigen Russland. In diesem Sinne kann so ein Käfig dem Künstler die nötige Freiheit geben, so paradox das klingen mag, um etwas wirklich Wichtiges zu sagen.

globe-M: Das Schild neben Ihrem Käfig weist Sie als „Homo libero“ aus. „Der freie Mensch“ hinter Gittern ist eine bittere und durchaus provokative Aussage.

Liza Morozova: Zunächst einmal ist „Homo libero“ eine Reminiszenz an die Performance „Homo sapiens“ von Rimma and Valeriy Gerlovin, die sich 1977 nackt in einem Käfig aufhielten, die ich aber in die heutige Realität überführt habe. Meine Performance dauerte insgesamt 28 Stunden, täglich vier Stunden vom 18. bis 24. September, genau wie Sie richtig bemerkt haben, in den Tagen der Biennale-Eröffnung. Die Hauptausstellung der Biennale hat aktuelle politische Prozesse und vor allem die gesamte Situation um Pussy Riot komplett ignoriert. Ich hoffe, dass meine Performance einen kleinen Beitrag dazu geleistet hat, um dieses Totschweigen zu brechen. Es traf sich daher gut, dass ich die Petition zur Unterstützung der inhaftierten Nadeschda Tolokonnikowa direkt aus dem Käfig heraus unterzeichnete.

globe-M: Kann man also sagen, dass die thematische Vorgabe der Galerie Sie politisch werden ließ?

Liza Morozova: Ich würde es lieber so formulieren, dass das Thema „Gefangenschaft“ mich zum ersten Mal dazu veranlasste, meiner Ästhetik eine politische Komponente hinzuzufügen, die ihren visuellen Ausdruck in der roten Sturmmütze fand. In allen übrigen Aspekten bin ich meiner autobiographischen Herangehensweise treu geblieben.

globe-M: Ging es Ihnen dabei um ganz bestimmte Gefühle?

Liza Morozova: Ich habe lyrische Lieder gesungen, die ich wirklich mag und die ich singe, wenn ich traurig bin. Aus meinen Tagebüchern habe ich Stellen ausgesucht und vorgelesen, die mit Einsamkeit, Schmerz und Erniedrigung zu tun haben, also mit Gefühlen, die ein Mensch im Gefängnis vielleicht empfindet. Es gab auch Passagen, die mein gesellschaftliches Engagement und seine Folgen schilderten oder meine Nachtträume von Freiheit beschrieben.

globe-M: Wie wichtig ist Ihnen dabei die Reaktion des Publikums?

Liza Morozova: Außerordentlich wichtig! Ich danke allen Besuchern, die mich unterstützt haben: Manche sangen mit, es gab Geschenke, freundliche Gesten und Lächeln. Als ich ein Lied ohne Begleitung sang, schaukelte ich im Takt, um nicht aus dem Rhythmus zu kommen, und eine junge Frau fing an, sich mit mir synchron zu schaukeln. Am meisten hat mich die Reaktion eines jungen Mannes überrascht: Er ging in die Hocke und machte eine Rolle rückwärts.

globe-M: Was mag das bedeuten?

Liza Morozova: Wenn ich’s nur wüsste. Vielleicht war das eine Kritik, mit der er sagen wollte, dass ich regressive Kunst mache. Vielleicht war es aber einfach eine spontane kindliche Reaktion, denn er sah, wie es mir schien, ziemlich froh und beseelt aus. Ein paar Besucher zeigten mir beim Gehen den erhobenen Daumen als Zeichen ihrer positiven Bewertung.

globe-M: Welche dieser Gesten und Reaktionen waren Ihnen am wichtigsten?

Liza Morozova: Keine der Reaktionen ist für den zeitgenössischen Künstler so kostbar wie Tränen. Während meiner letzten beiden Performances gab es viele Menschen, die geweint haben oder den Tränen nahe waren. Und ich bin darüber sehr glücklich. Wo findet man schon zeitgenössische Kunst, die Menschen zu Tränen rührt? Vielleicht bei der letzten Ausstellung von Marina Abramović im MOMA…

globe-M: Das sind Tränen, die ganz im Sinne der alten Griechen eine Läuterung der Seele bringen.

Liza Morozova: Dafür ist die Kunst doch da, oder?

globe-M: Sie sprechen mir aus dem Herzen. Vielen Dank.

 

Weitere Informationen
Video von der Performance ca. 52 sec  
Video von der Performance ca. 5 min 
Liza Morozovas Blog (in russischer Sprache, aber mit zahlreichen Abbildungen)
Künstlerzoo in der Galerie Solyanka VPA bis 17. November 2013 
globe-M Bericht über die Hauptausstellung der Biennale 

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