Neue Räume schaffen

Brigitte Athéa© promo

Die französische Theaterautorin und Regisseurin Brigitte Athéa verließ vor zehn Jahren mit Mann und Tochter Paris, um in Berlin zu leben. Ihre Stücke wurden damals schon ins Deutsche übersetzt. Was sie sich in Berlin für ihre Kunst erhoffte, wie der urbane Raum der Hauptstadt ihr künstlerisches Schaffen antreibt und begleitet, darüber sprach sie mit globe-M.

globe-M: Wie bist Du nach Berlin gekommen?

Brigitte Athéa: Ich habe 2003 ein Stipendium der Stiftung Genshagen bekommen, war zwei Monate hier und habe mit Schülern und Studenten gearbeitet. Danach habe ich mich entschlossen, mit meinem Mann und meiner damals noch kleinen Tochter hierherzuziehen. Wir lebten damals in Paris.

globe-M: Warum Berlin?

Brigitte Athéa: Ich hatte Lust, etwas Anderes zu entdecken. Und ich hatte schon einen natürlichen Bezug zu Deutschland: Einige Stücke von mir waren ja schon ins Deutsche übersetzt und wurden hier gespielt, ich hatte einen Agenten in Berlin. In meiner Arbeit ging es seit langem schon um die europäische Landschaft heute. Und Berlin ist nun mal eine zentrale Stadt in Europa, nicht nur geografisch, sondern auch historisch, es ist eine Hauptstadt die historisch geprägt ist, ein gewichtiger Teil des 20. Jahrhunderts spiegelt sich hier wider.

globe-M: Was hofftest Du in Berlin zu finden?

Brigitte Athéa: Ich suchte vor allem nach einem anderen, direkteren Bezug zur Kunst und dem künstlerischen Schaffen. Berlin ist eben nicht so bourgeois wie Paris, auch wenn sich das momentan ändert. Es war immer eine offene Stadt, auch als sie zweigeteilt war. Sie war immer offen für Angebote, es gab immer diesen kreativen Atem. Berlin ist auf Ruinen, im Chaos wieder aufgebaut worden, ein weites Feld voller Möglichkeiten. Hier gab es auch vor zehn Jahren etwas, was du in Paris nicht mehr finden konntest. Berlin ist ein urbaner Raum im ständigen Umbruch.

globe-M: Und das übte einen großen Reiz aus?

Brigitte Athéa: Ja, es war eine tolle Gelegenheit, als Künstlerin und sozusagen parallel zur Stadt mental neue Räume zu schaffen.

globe-M: Und jetzt, wo sich Berlin so verändert?

Brigitte Athéa: Trotz der Gentrifizierung, die nun eingesetzt hat, bleibt Berlin eine offene und interessante Stadt. Es ist immer noch ein Künstlerschmelztiegel, viele junge Künstler aus allen Ländern, auch aus dem Osten, kommen hierher, das gibt Berlin eine besondere Identität.

globe-M: Ihr wohnt in Moabit, ist die Gentrifizierung hier auch schon angekommen?

Brigitte Athéa: Zum Glück noch nicht, wir sind bis jetzt verschont geblieben.

globe-M: Haben sich Deine Hoffnungen hier als Künstlerin erfüllt?

Brigitte Athéa: Ja, ich hab so einiges geschafft. Vor zehn Jahren habe ich ein Stück geschrieben, das „Lied ou le mur de papier“ (Lied oder die Mauer aus Papier) heißt, seitdem mehrere Texte für Jugendliche geschrieben, über Tiere, die vom Aussterben bedroht sind und einen neuen Text über Prekarität. Mit meinem Mann, dem Theaterautor Philippe Braz und einem deutschen Musiker, Markus Lang, machen wir regelmäßig Performances mit Lesungen, Musik und Videoeinspielungen, zum Beispiel „Global Eden“, „Berlin loin de la mer“ (Berlin weit weg vom Meer) und zuletzt und im Moment „Usedom Oratorio“.  Wir sind damit auf vielen Festivals in Frankreich getourt und hoffen, dass wir es bald auch in Berlin vorstellen können.

globe-M: Hast Du viele Kontakte zu deutschen Künstlern hier? Oder zu französischen?

Brigitte Athéa: Zu Markus Lang, mit dem wir intensiv zusammen arbeiten, ansonsten zu anderen Künstlern aus aller Welt, da gibt es Franzosen, aber auch eine Australierin, das ist bunt gemischt.

globe-M: Hat sich durch die vielen Jahre hier Dein Französisch verändert?

Brigitte Athéa: Nein, ich lebe ja in einer Art französischer Diaspora. Wir gehen oft ins Institut Français am Kudamm, ich war gerade für eine zweimonatige Künstlerresidenz in Tours und habe immer noch viele Kontakte in Frankreich.

globe-M: Also keine Lust mal etwas auf Deutsch zu schreiben?

Brigitte Athéa: Nein, eigentlich nicht. Ich bin Französin und mag den Gedanken, eine Französin in Berlin zu sein, so etwas wie eine Art Botschafterin von Frankreich.

globe-M: Willst Du irgendwann zurück nach Frankreich gehen?

Brigitte Athéa: Ja, ich denke schon, irgendwann werde ich Lust haben, wieder woanders hinzugehen. Frankreich, dort sind eben meine Wurzeln, dort ist meine Sprache. Es ist ein schönes Land, die Wärme, das Essen, wir haben immer noch viele Freunde dort. Berlin ist ja auch dann nicht so weit weg, heute ist es einfach, sich hin- und herzubewegen.

globe-M: Brigitte Athéa, vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen

Brigitte Athéa beim Felix-Bloch-Erben-Verlag

 

Expertenstimmen Archiv

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31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
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20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
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14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
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27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
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11.Aug.2013Kunst ohne Imagepflege
05.Aug.2013 Lalys Lalylalas
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30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
26.Jul.2013Nobelpenner mit Plattenvertrag
25.Jul.2013Jedermann - Ein Modezar im Zelt
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