Ökonomie des Schenkens

Maxim Karakulov. Foto: privat

Um die Jahrtausendwende gehörte Maxim Karakulov zu den einflussreichsten und gefeiersten Künstlern seiner Generation. Vor einigen Jahren kehrte er dem Kunstbetrieb den Rücken zu und wurde Unternehmer. Dabei ging es ihm nicht um Profit: Zusammen mit seinem Bruder gründete er eine Internetplattform, die einzig dem uneigennützigen Schenken dient. Inzwischen ist seine Seite Kult und zählt fast 210 000 registrierte Nutzer. globe-M fragte den 36-Jährigen über seine Beweggründe und Ziele. 

 

globe-M: Diesen Herbst feierte die Community „Daru-Dar“ ihr fünfjähriges Bestehen. Hat Sie dieses Jubiläum überrascht?

Maxim Karakulov: Es ist ein absolut unglaublicher, fantastischer Jahrestag!  Irgendwie wusste ich von Anfang an, dass diese Idee bestehen kann und wird. Und trotzdem ist es natürlich überraschend und überwältigend, was für Reaktionen das Projekt hervorgerufen hat und wie lange es schon anhält.

globe-M: Meinen Sie damit die Zahl der Nutzer?

Maxim Karakulov: Das auch. Zuerst waren wir nur fünf, nach wenigen Monaten sind es schon ein paar Hundert gewesen, und heute zählen wir über 208 000 Gleichgesinnte. Und es wurden über zwei Millionen Geschenke gemacht!

globe-M: Vielleicht könnten Sie uns kurz erklären, wie Ihre Seite funktioniert.

Maxim Karakulov: „Daru-Dar“ ist ein Online-Service und eine Community: Hier können sich Menschen, die sich nicht kennen, einander etwas schenken – ganz uneigennützig, ohne mit einer Gegenleistung zu rechnen. Wenn man was schenken will, macht man ein Foto und eine Kurzbeschreibung davon. In den Kommentaren melden sich alle, die es haben wollen. Anhand dieser Kommentare sucht der Schenkende die Person aus, die die angebotene Sache oder manchmal auch eine Dienstleistung bekommen wird. Sie verabreden sich, das Geschenk wird überreicht und der Beschenkte schreibt ein kleines Dankeswort.

globe-M: Das Wort „Dar“ im Nahmen Ihres Portals bedeutet übersetzt „die Gabe“. Machen Sie einen Unterschied zwischen einem Geschenk und einer Gabe?

Maxim Karakulov: Das sehen Sie ganz richtig. Geschenke sind längst ein Bestandteil unserer Kultur, sie sind oft einfach Pflicht. Geburtstage, Weihnachten, Kommunion usw. – es wäre unhöflich, zu solchen Anlässen ohne ein Geschenk zu erscheinen. Eine Gabe dagegen ist nicht zweckgebunden und setzt immer voraus, dass man nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus freien Stücken jemanden beschenkt. Eine Gabe ist etwas Einmaliges, Zufälliges, vielleicht Ungewöhnliches, und niemals auf eine Gegenleistung ausgerichtet.

globe-M: Was wird bei „Daru-Dar“ besonders gern verschenkt?

Maxim Karakulov: Rein statistisch stehen Kleidung und Accessoires, Kindersachen, Souvenirs und Sammelstücke an erster Stelle. Die Nutzer unserer Site gründen Gruppen nach Interessen wie „Retro“, „Elektronikfans“, „Back in USSR“ usw. Die größte Gruppe macht übrigens das Antiquariat aus, dort geben die Menschen einfach ihre Bücher weiter. Oder etwa die Bastler: Profis und Laien auf diesem Gebiet stehen im regen Kontakt miteinander, beschenken sich gegenseitig und finden immer wieder neue Materialien für ihre Arbeit, die sie auf die skurrile Weise verwenden.

globe-M: Sind Sie persönlich auch als Nutzer aktiv?

Maxim Karakulov: Klar doch. Früher habe ich geglaubt, dass das Schenken etwas mit Opferbereitschaft und Überwindung zu tun hat. Jetzt aber weiß ich, dass es nicht stimmt. Die meisten tun es aus purer Freude und Spaß an der Sache. Hier kommt es mehr darauf an, dass man bei der Übergabe neue Bekanntschaften schließt, auf tolle, interessante Menschen trifft. Ich hatte sogar das Glück, so meine Ehefrau kennen zu lernen.  

globe-M: Bei „Daru-Dar“ handelt sich ja um ein Nonprofit–Projekt, keiner muss irgendwelche Beiträge zahlen. Wie finanziert es sich?

Maxim Karakulov: Hauptsächlich kommen die Mittel aus Adwords von Google und Yandex, der größten russischen Suchmaschine. Und für größere Vorhaben haben wir ein paar Mal Crowdfunding ausprobiert.

globe-M: Wie kam es, dass Sie als renommierter Künstler auf einmal ein Startup-Unternehmen gegründet haben?

Maxim Karakulov: Es kommt ja nicht von ungefähr. Soziale Zusammenspiele haben mich schon als Künstler interessiert. Mit der Verbreitung des Internets entstanden neue Formen der sozialen Interaktionen wie etwa Flashmobs. Das hat mich fasziniert, und ich habe oft darüber nachgedacht, wie mit Hilfe neuer Medien neue soziale Gefüge geschaffen werden können. „Daru-Dar“ bietet eine Plattform für eine grundsätzlich neue soziale Ökonomie, die die Menschen verbindet und ohne Geld auskommt.

globe-M: Meinen Sie, das wäre die Zukunft unserer kapitalistischen Gesellschaft?

Maxim Karakulov: Das wäre zumindest eine vernünftige Alternative.

globe-M: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Weitere Informationen
Das Schenkportal Daru-Dar 

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