„RLF ist reflexiv und nicht positivistisch“

© RLF

Im August erschien Friedrich von Borries` Roman „RLF – Das richtige Leben im falschen“, seit Mitte Oktober kann man RLF-Produkte zu Luxuspreisen erwerben. Will der gelernte Architekt und Hochschuldozent, wie im Buch angekündigt, den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln schlagen oder handelt es sich nur um Konzeptkunst? Ein Versuch, Friedrich von Borries wahre Worte zu entlocken.

globe-M: In „RLF  – Das richtige Leben im falschen“ regen Sie zu politischen Utopien an und gestalten als Architekt Ihre Umwelt. Sehen Sie sich als Wegweiser?

Friedrich von Borries: In den Stadt-Planungsprojekten, die ich verantworte, entwerfen wir natürlich Positivszenarien, allerdings ist das gebrochen durch Planungsrealitäten. Ich bin strukturell jetzt nicht der Typ, der prophetenmäßig mit den Positivideen voranschreitet und sagt: „Ich habe die Lösung. Folgt mir!“ Da, wo RLF das tut, tut es das stark gebrochen und wie ich finde reflexiv und nicht positivistisch. Ich bin jemand, der sich in der Kritik zu Hause fühlt.

globe-M:
Im „RLF“-Roman schreiben Sie über die Politaktivistin Slavia und Jan, dem „Über-Werber“, dem alles gelingt, der jeden überzeugt. Warum arbeiten Sie mit übersteigerten Stereotypen?

Friedrich von Borries:
Das hängt unter anderem mit der Vermittlungsstrategie zusammen. Wir leben in einer Zeit, in der – gerade auch von den Medien – versucht wird, alles auf einfach verständliche Bilder herunterzubrechen. Vielschichtigkeit ist gar nicht gewünscht. Wir wollen einfache und klare Bilder, ob das jetzt Politiker sind oder auch Künstler, Gestalterpersönlichkeiten oder Sachbearbeiter. Alles wird reduziert. Insofern ist es zeitgemäß, diese Figuren, wenn wir sie jetzt als Figuren betrachten, oder diese realen Personen, zu stereotypisieren – damit sie den Rezeptionsgewohnheiten unserer Gesellschaft entsprechen und überhaupt verstanden werden.

globe-M: Die Ideen aus dem Roman haben Sie in die Wirklichkeit übertragen; Fiktion und Realität verschmelzen. Gibt es einen Unterschied zwischen der RLF-Realität und der RLF-Roman-Realität?

Friedrich von Borries:
Nein.

globe-M: Im Roman wird Jan übel mitgespielt. Wer ist in der Realität das Opfer?

Friedrich von Borries: Ich hoffe, es gibt keine weiteren Toten. Ich glaube, in sehr vielen Menschen steckt sehr viel von „Jan“, dem Werber. Wir sind nicht nur Teil des Kapitalismus, sondern der Kapitalismus ist auch ein Teil von uns geworden. Man kann sich nach dieser Aussage unheimlich über das Projekt und vielleicht noch mehr über Friedrich von Borries aufregen und sagen, dass sei alles Marketing und Branding. Wahrscheinlich muss man sich eher fragen, wie viel man selbst schon Marketing und Branding ist oder wie die Kunstwelt heute funktioniert.

globe-M:
Die RLF-Agentur besteht aus Ihnen, Mikael Mikael und Slavia, die auch eine große Rolle im Roman spielen. Dann gibt es noch Jan, der wie Sie das Projekt vermarktet. Die Parallelen zu Ihnen sind durchaus vorhanden...

Friedrich von Borries: Manche halten ja Jan für mein Alter Ego, auch wenn das natürlich Quatsch ist. Wobei ich teilweise in einer mit Jan vergleichbaren Situation bin, da es auch bei mir innere Konflikte gibt: Welche Handlungen führe ich aus, welche nicht? Außerdem spielt Friedrich von Borries eine Rolle innerhalb eines fiktionalen Projektes, deren Autor und Darsteller er gleichzeitig ist. Zeitgleich gibt es noch Friedrich von Borries außerhalb der Fiktion. Bei der medialen Rezeption geht das manchmal durcheinander, was für mich keine angenehme Situation darstellt. Ich glaube, Slavia, die auch im Roman eine große Rolle spielt, fühlt sich auch nicht wohl, wenn sie als Teil von RLF dieses PR- und Marketingspiel mitmachen muss. Da kommt es zuweilen bei uns zu Konflikten.

globe-M: Wie ist das RLF-Projekt, das Zusammenspiel von Roman und Produktserie, zu verstehen?

Friedrich von Borries:
Die Produktserie ist die Ausweitung des Romans in die Realität, wenn Sie in dem Bild bleiben wollen, dass das Buch ein Roman ist. Es ist eine experimentelle Überprüfung.

globe-M: Sie sprechen von „Menschen, die viel wissen, viel nachdenken und nicht handeln“ und dass es ihnen „an Gestaltungswillen fehlt“. Passend dazu steht „RLF“, wie das in einer Rezension im art-magazin behauptet wird, zwischen den Lebensratgebern. Wie fühlt sich das an?

Friedrich von Borries: (lacht) Also ich glaube, dem Buchhändler, der es bei den Lebensratgebern einsortiert hat, würde ich empfehlen, auf den Klappentext zu kucken, im Buch zu blättern und sich vielleicht zu entscheiden, ob es nicht woanders hingehört. Ich glaube, es ist eher die Polemik einer Journalistin, als ein wirklicher Befund, aber es würde mich auch nicht stören, wenn es bei den Lebensberatern steht.

globe-M: Ist das eine Möglichkeit den Blick Ihrer Leser zu verändern?

Friedrich von Borries: Es gibt ein wunderbares Projekt aus den späten Neunzigern von Jane McGonigal, die 1984 in Buchhandlungen umsortiert hat von „Fiction“ zu „Social Science“, und das finde ich zum Beispiel ganz gut. Insofern kann eine Rekontextualisierung auch produktiv sein und wenn „RLF“  bei den Lebensberatern steht und sich die Leute davon anregen lassen. Warum nicht?


Weitere Informationen

Friedrich von Borries wurde 1974 in Berlin geboren. Er lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und betreibt ein Architekturbüro in Berlin. „RLF – Das richtige Leben im falschen“ ist sein zweiter Roman und knüpft an sein Romandebüt „1WTC“ (One World Trade Center) an. Von Borries selbst spricht in Bezug auf seine Romane von Tatsachenberichten rund um den Künstler Mikael Mikael, der die RLF-Produkte designte. Drittes Gründungsmitglied ist die Politaktivistin Slavia.

 

 

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