Schlüsselmomente mit Mitmachfaktor

 © Bruno Vincent / Ausschnitt aus dem Original mit Boom Bip

Alles begann mit dem Gang in die Apotheke. Als Gruff Rhys, Kopf der Band Neon Neon, Giangiacomo Feltrinellis Biographie von seinem Apotheker in die Hand gedrückt bekam, stand das Thema des nächsten Albums von Neon Neon fest. Gemeinsam mit Bandkollege Boom Bip und dem National Theatre Wales entwarf er eine Bühnenshow mit Mitmachfaktor. globe-M fragte Gruff Rhys, ob die Zeit der Zuschauerkonzerte vorbei sei und warum der italienische Verleger Feltrinelli heute aktueller denn je ist. 

globe-M: Das vorherige Neon Neon-Album handelte vom amerikanischen Autohersteller John DeLorean, der sich vom Tellerwäscher zum Millionär hocharbeitete. Diesmal ist es andersrum. Ist es das, was Dich an Giangiacomo Feltrinelli so faszinierte?

Gruff Rhys: Giangiacomo Feltrinelli lebte ein extremes Leben. Während der Zeit des kalten Krieges war der Millionär Feltrinelli Sozialist und interessanterweise auch Kommunist. Er unterstützte kommunistisches und sozialistisches Gedankengut. Auch veröffentlichte er Texte, welche die Homosexuellenbewegung förderten. Sein literarischer und kultureller Beitrag überlebte all seine persönlichen Krisen, seine Widersprüchlichkeiten und seine merkwürdige Reise. Politisch gesehen hätte Feltrinelli besser ins 21. Jahrhundert gepasst.

globe-M: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem National Theatre Wales?

Gruff Rhys: In Berlin machte ich ein paar Wochen lang Musik für eine Phil Collins-Theaterproduktion über einen experimentellen utopischen Teleshopping-Kanal namens „This unfortunate thing between us“. Das National Theatre Wales hörte davon und lud mich ein, mit ihnen zu arbeiten. Ich erzählte ihnen, dass ich gerade an einem Album über Giangiacomo Feltrinelli arbeite und sie waren begeistert. Die Bühnenproduktion planten wir von Anfang an. Die Songs sind inspiriert von Schlüsselmomenten in Feltrinellis Leben.

globe-M: Die Leute stehen wie bei einem Rockkonzert im Raum, dazu gibt es Theaterepisoden, die zum Stück führen. Eigentlich könnte man von einem klassischen Musical sprechen, gäbe es das Konzept der mobilen Bühnen nicht, die durch das Publikum rollen. Außerdem trägt das Publikum etwas Rotes und sollte ein Buch mitbringen.

Gruff Rhys: Wir möchten, dass die Leute eine bleibende Erinnerung haben. Der Buchaustausch ist eine süße Idee. In einem bestimmten Moment fordern wir die Leute auf, das Buch mit einem Fremden zu tauschen. Oft sieht man ein Konzert von einer Band und spricht nie mit demjenigen, der nah bei einem steht. Es ist schön, dass die Leute hier miteinander interagieren und etwas mit nach Hause nehmen, das sie auf neue Ideen bringen könnte.

globe-M: Die Show ist recht aufwändig. Wollt Ihr das Album immer so präsentieren?

Gruff Rhys: Boom Bip lebt in Los Angeles und ich lebe in Wales. Wir treffen uns nicht oft, also performten wir das Album auf diese Art und Weise. 

globe-M: Möchtest Du dem Publikum mehr als nur Musik bieten?

Gruff Rhys: Für mein Solokonzert bereite ich eine Slideshow vor. Das ist auch kein normales Konzert. Mit Grenzen zu experimentieren und Neues auszuprobieren ist immer wichtig. Ich glaube, bei Theater ist es das Gleiche, man sollte nicht immer nach der einen Formel gehen. Es ist wie ein Kaleidoskop: Es gibt Millionen Wege, einen Song zu singen. 

globe-M: Wirst Du das biographische Prinzip beibehalten? 

Gruff Rhys: Mein Soloalbum heißt “American Interior” und beruht auf dem Entdecker John Evans. Ich befürchte, ich habe schon wieder ein biographisches Album gemacht. 

globe-M: Warum erzählst, über andere und nicht über Dich?

Gruff Rhys: Ich habe nun 20 Alben gemacht, davon drei biographische. Meistens habe ich über mich gesungen. Manchmal ist es einfach schön, Urlaub zu haben und über andere zu singen.  

 

Weitere Informationen 

Am 9. und 10. Juli 2014 performten Neon Neon und das National Theatre Wales ihre Show „Picture Makes Perfect“ beim „Foreign Affairs“-Festival im Berliner Berghain. Gruff Rhys, auch Kopf der Super Fury Animals tritt am 6. Oktober 2014 in der Berliner Fahimi Bar auf, am 8. Oktober im Die Wohngemeinschaft-Theater in Köln und am 9. Oktober im Münchner Atomic Café. 

 

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