Selbstauswertung bis hin zum Ernstfall

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Den Wert von Tim Steiners Rücken kennt Peter Scharf schon. Wie einst der Buchautor Jörn Klare stellt der Journalist und Regisseur die Rechenfrage: „Was bin ich wert?“ Er trifft unter anderem auf Tim Steiner, der mittels Sondervertrag seinen tätowierten Rücken für 150 000 Euro an einen Kunstsammler veräußerte. Vor allem aber fragt Scharf nach dem Wert seiner einzelnen Körperteile und ermittelt auch den Wert nach seinem Tod. 

globe-M: In Euro gesprochen: Wie viel sind Sie wert, Herr Scharf? 

Peter Scharf: 2,42 Millionen Euro.

globe-M: Wie haben Sie diese Zahl ermittelt?

Peter Scharf: Komplett unseriös. Ich habe verschiedene Werte ermittelt, diese am Ende addiert und durch die Zahl der Methoden beziehungsweiseVerfahren geteilt. Dieses Gesamtergebnis ist aber letztlich ziemlich egal.

globe-M: Ihr Dokumentarfilm geht auf Jörn Klares gleichnamiges Buch zurück. Was dachten Sie, als Sie das Buch das erste Mal lasen?

Peter Scharf: Ich war vor allem überrascht, dass tatsächlich in so vielen Bereichen unseres Lebens der menschliche Wert berechnet wird. Und dass das so konkret, so formelbasiert passiert. 

globe-M: Sind Sie Punkt für Punkt der Buchvorlage durchgegangen oder wie haben Sie Ihre Recherche gestaltet?

Peter Scharf: Nein, gar nicht. Das Buch arbeitet sehr systematisch all die Bereiche durch, in denen das Berechnen des menschlichen Wertes eine Rolle spielt. Ich wollte und konnte gar nicht die Gesamtbreite darstellen, stattdessen habe ich versucht, das Thema – wie soll ich sagen – emotional erfahrbar zu machen. Zum Beispiel dadurch, dass ich Menschen getroffen habe, deren Wert oder der Wert ihrer Angehörigen tatsächlich berechnet worden ist. 

globe-M: Sie sprechen auch mit dem Anwalt der Opfer der Schiffskatastrophe „Costa Concordia“ sowie mit dem Entschädigungsspezialisten Ken Feinberg, der nach dem 11. September in Amerika allein entscheiden durfte, wer wie viel Geld ausbezahlt bekam. Wie berechnet man den Wert eines Menschen nach seinem Tod?

Peter Scharf: Der US-Amerikaner Ken Feinberg bedient sich dabei vor allem eines „humankapitalistischen Ansatzes“. Die alles entscheidende Frage lautet: Wie viel hätte diese Person noch in seinem Leben verdienen können? Es geht also um den sozialen Status beziehungsweise den Verdienst und um das Alter. Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Familienstand. Ein Ehepartner oder Kinder, die man zurücklässt, erhöhen den „Wert“. Aber auch der Faktor „Schmerz und Leid“ spielt eine Rolle – also die Frage, wie und unter welchen Umständen ist jemand gestorben.

globe-M: Wann ist es sinnvoll, den Wert eines Menschen zu berechnen? 

Peter Scharf: Ich persönlich finde, eigentlich nie. Aber natürlich gibt es Situationen, wie die erwähnten Fälle, in denen es um Entschädigungen geht, in denen man geteilter Meinung sein kann: ob zum Beispiel alle Opfer beziehungsweise deren Angehörige dasselbe bekommen sollen oder ob es gerechtfertigt ist, Unterschiede zu machen. Eine Entschädigungssumme für alle zu definieren ist das eine, zu errechnen, dass das Leben eines Bankers sieben Millionen, das eines Tellerwäschers aber beispielsweise nur 250 000 Dollar wert ist, ist das andere. 

globe-M: Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten schockiert? 

Peter Scharf: Schockieren ist vielleicht das falsche Wort – am meisten berührt hat mich die Begegnung mit drei Moldawiern, die mit dem Versprechen, Arbeit zu bekommen in die Türkei gelockt wurden. Dort hat man sie dann festgesetzt und quasi gezwungen, eine Niere zu verkaufen. 

globe-M: Beruhigenderweise sind Sie in Moldawien, in der Ukraine, in den USA, aber relativ wenig in Deutschland unterwegs. Kalkulieren andere Länder mehr?

Peter Scharf: Es scheint im angelsächsischen Raum deutlich ausgeprägter zu sein, den Wert eines Menschen in verschiedenen Kontexten zu berechnen. Vor allem wird damit aber auch viel offener umgegangen.

globe-M: Glauben Sie, der Blick in andere Länder ist der Blick in die Zukunft Deutschlands?

Peter Scharf: Nun tendenziell ist es ja nichts Neues, dass wir aus dem US-amerikanischen Raum Strukturen und Verfahren importieren, die – so meine ich zumindest – nicht unbedingt hier Einzug halten müssten. Muss man Strom, Wasser, die Eisenbahn privatisieren? Ich bin überzeugt, dass eine Art neo-liberales Denken, das den Menschen vor allem unter Kosten-Nutzen-Aspekten betrachtet, auch in Deutschland immer größeren Raum gewinnt. Sei es im Gesundheitswesen oder im Arbeitsmarkt. 

 

 

Weitere Informationen

Peter Scharf  war als freier Publizist für renommierte Zeitungen und Zeitschriften tätig und begann 1999 mit ersten Regiearbeiten für das Fernsehen. Sein preisgekrönter Dokumentarfilm „Bilderwut – Oliviero Toscani“ über den Erfinder der „United Colors“-Benetton-Kampagne wurde auf zahlreiche internationale Festivals eingeladen. „Was bin ich wert?“ ist Scharfs erster abendfüllender Dokumentarfilm und läuft ab dem 9. Oktober 2014 im Kino. Zuvor finden in ausgewählten Kinos Vorpremieren in Anwesenheit des Regisseurs statt. 

 

Expertenstimmen Archiv

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03.Mai.2009Lev Khesin - atmospheres
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24.Jun.2009Das Neue ist das Alte
13.Jul.2009Verleihung des Günter-Bruno-Fuchs-Preises
20.Jul.2009Glatte Oberflächen sind tief
21.Jul.2009…weiter als unter die Oberfläche
21.Jul.2009„Gerufen“ – und damit entschuldigt
25.Aug.2009Im Garten eines großen Künstlers
07.Sep.2009PHOTONEWS September 2009
07.Sep.2009Theater der Zeit 09/2009
16.Sep.2009Die Kunstagenten
18.Sep.2009Literaturfestival: David Wroblewski
18.Sep.2009Literaturfestival: Hanif Kureishi
18.Sep.2009Literaturfestival: Wolf Biermann
22.Sep.2009Premiere: Rigoletto
22.Sep.2009Literaturfestival: Veit Heinichen
22.Sep.2009Vernissage: Philipp Hennevogl
15.Nov.2009Die Vampire und das Teenie-Blut
17.Nov.2009Geheimnisvolle Tierwelt
20.Nov.2009Museumsrundgang: Paris, Wien, NY, London
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21.Nov.2009Egon Schiele
25.Nov.2009Edvard Munch: Das Unheimliche in der Stadt
25.Nov.2009Geschundene Helden von Baselitz
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30.Nov.2009Yafang Qi und das Weiße Gold
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12.Dez.2009Emiliano Greizerstein: Gelungenes Debüt
18.Dez.2009In der patagonischen Pampa
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15.Jan.2010Das Prinzip Hotlist
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19.Mai.2010TUBUK Nicht jedes Buch.
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26.Sep.2010Winter Fünfundvierzig

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