Sorgen um ein zerrüttetes Land

Anton Kowaljow. Foto: privat

Nichts liegt dem gutmütigen und zurückhaltenden Anton Kowaljow ferner als Gewalt. Und doch hat er in diesem Winter auf dem Kiewer Maidan Steine auf Polizisten geworfen – im Notwehr während einer Demonstration, die für ihn mit einer schweren Augenverletzung endete. Im Gespräch mit globe-M erzählt der 39-jährige Maler und Computergraphiker über seine Erfahrungen und Hoffnungen. 

 

globe-M: An jenem tragischen Tag im Februar dieses Jahres, als bei Protesten in Ihrer Heimatstadt Kiew über 80 Tote zu beklagen waren, waren Sie mittendrin.    

Anton Kowaljow: Ich war mit Freunden praktisch täglich auf dem Maidan-Platz, um dort – wie schon einmal während der Orangenen Revolution – friedlich zu demonstrieren.  

globe-M: Die Proteste von 2004 verliefen im Gegensatz zum Euromaidan unblutig.

Anton Kowaljow: Die Schuld an der Eskalation in diesem Winter hatten eindeutig die Machthaber, die das brutale Vorgehen der Polizei anordneten.

globe-M: Wie haben Sie den 18. Februar erlebt?

Anton Kowaljow: Die Kundgebung auf dem Maidan verlief zunächst friedlich, aber auf dem Weg zur U-Bahn gingen wir an einer Barrikade vorbei, die von der Polizei gestürmt wurde. Die Leute wollten fliehen, wir auch, aber dafür war diese Stelle zu eng. Polizisten schlugen auf alle mit ihren Gummiknüppeln ein, auch ich bekam einen starken Schlag auf den Kopf. Wir wurden ohne jeglichen Grund zusammengeprügelt und hielten das schließlich nicht mehr aus: Steine flogen. Daraufhin begannen die Polizisten, auf uns zu schießen – zuerst mit Gummigeschossen.

globe-M: Hatten Sie Schutzkleidung an?

Anton Kowaljow: Nein, wieso auch. Schließlich war ich zu einer friedlichen Demonstration gegangen. Alles, was ich hatte, war eine Holzplatte, die ich von der Straße aufhob und als Schild benutzte. Aber es war Winter, man war durch dicke Kleidung und Mützen etwas geschützt. Und so schoss die Polizei gezielt auf Gesicht und Augen. Ein Gummigeschoss traf mich am linken Auge. Nach Hause bin ich erst nach über zwei Monaten gekommen.

globe-M: Wurden Sie während dieser Zeit behandelt?

Anton Kowaljow: Ja, zunächst im städtischen Krankenhaus in Kiew, wo ich zwischen unzähligen Verwundeten, die zum Teil auf dem Boden lagen, verstanden habe, dass meine Verletzung im Vergleich zu vielen nicht so schlimm war. Der Augenapfel blieb unverletzt, also bestand die Hoffnung, dass ich wieder sehen könnte. Danach wurde ich in eine Spezialklinik nach Lwiw transportiert, dort hat man das Auge behandelt, aber aus Mangel an Erfahrung sich nicht getraut, die Kugel, die immer noch im Auge steckte, zu entfernen. Und dann hatte ich noch einmal Glück: Zusammen mit einem anderen Verwundeten brachte man mich nach Wien, wo ich im Augenklinikum Rudolfstiftung erfolgreich operiert wurde. Dafür bin ich der Stadt Wien, dem Roten Kreuz und dem Klinikum, die das ermöglichten, außerordentlich dankbar.

globe-M: Wurde Ihre Sehkraft wiederhergestellt?

Anton Kowaljow: Noch nicht ganz, aber es ist schon eine Besserung zu beobachten.

globe-M: In diesen zwei Monaten haben sich die Ereignisse in der Ukraine überschlagen. Kurze Zeit nach dem Sieg demokratischer Kräfte und der Flucht von Viktor Janukowitsch eskalierte die Lage auf eine sehr beunruhigenden Art und Weise.

Anton Kowaljow: Es ist eine sehr bedrückende Situation. Ich muss gestehen, dass ich mir sehr große Sorgen mache. Das Problem ist, dass noch niemand da ist, der das Land auf eine neue Art führen könnte. Eine neue Politiker-Generation muss erst heranwachsen, aber es wird zunehmend fraglich, ob man uns die dazu notwendige Zeit lässt.

globe-M: Können Sie als Künstler die aktuelle Lage reflektieren? Oder sind die Ereignisse noch zu nah?

Anton Kowaljow: Im Moment fehlt mir der nötige Impuls, die Grundstimmung ist niedergeschlagen.

globe-M: Aber Sie malen nach wie vor?

Anton Kowaljow: Ja, zurzeit arbeite ich an einem Bild für das Wiener Klinikum, in dem ich operiert wurde. Das habe ich den Ärzten vor meiner Entlassung versprochen.

globe-M: Werden Sie auf dem Bild etwa Augen darstellen?

Anton Kowaljow: Da bin ich mir noch nicht sicher, mal sehen, wohin mich der Pinsel führt.

globe-M: Viel Erfolg damit und gute Besserung für Ihr Auge! Vielen Dank für das Gespräch.

 

Weitere Informationen
Anton Kowaljow, geboren 1974, absolvierte die Kiewer Universität im Fach Höhere Mathematik. Er gehörte zu den erfolgreichsten Softwareentwicklern der Ukraine, bis er seiner wahren Berufung folgte und sich ausschließlich der Malerei und Computergraphik widmete. Inzwischen nahm er an mehreren Ausstellungen teil, unter anderem im renommierten Mystetskyi Arsenal sowie im Zentrum für zeitgenössische Kunst M17. Zu seinen Arbeiten zählen auch Videoprojektionen, die er für Konzerte elektronischer Musik gestaltet. 

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