Soziale Kreativität

Sabine Steinhof. Foto: privat

Die Vielseitigkeit von Sabine Steinhof überrascht schon beim Durchschauen ihres Portfolios: Neben Websites, Plakaten, Logos oder Illustrationen, also für eine Grafikdesignerin üblichen Arbeiten, bekommt man einen spannenden Einblick hinter die Filmkulissen, entdeckt witzige, ja hintersinnige Produkte und Projekte sowie von ihr gemalte „Stubenhüter“. globe-M wollte wissen, warum ihre Bilder unter Produkten zu finden sind, obwohl sie gar nicht zum Verkauf stehen.


globe-M: Sie sind Grafikdesignerin…

Sabine Steinhof: Ich bin Grafikerin.

globe-M: Warum können Sie sich mit der  Bezeichnung „Designerin“ nicht identifizieren?

Sabine Steinhof: Es gibt immer mehr Designer, aber die Welt ist genauso hässlich wie gehabt.

globe-M: Dem ist schwer zu widersprechen. Ist es für Sie vielleicht auch wichtig, dass ein Grafiker sowohl der angewandten, als auch der bildenden Kunst zugerechnet werden kann?

Sabine Steinhof: Daran mag etwas Wahres sein, auch wenn ich mir darüber nie wirklich Gedanken gemacht habe.

globe-M: Wenn man sich Ihr Spektrum anschaut, haben Sie allerdings nicht nur Grafik vorzuweisen.

Sabine Steinhof: Ich definiere mich gern als „multifunktionale Kreativkraft“. Das heißt, dass Grafik natürlich ein Bestandteil meiner Arbeit ist, aber sie erschöpft sich darin nur in den seltensten Fällen. Zu Erstellung einer Webseite zum Beispiel gehört selbstverständlich auch die Entwicklung eines visuellen Gesamtkonzeptes, das das Besondere des jeweiligen Auftraggebers hervorhebt.

globe-M: Unter Ihren Auftraggebern gibt es auffällig viele Kreative: Filmemacher, Architekten, bildende Künstler, Musiker, Journalisten. Alle anderen scheinen aus dem alternativen und sozialen Bereich zu kommen.

Sabine Steinhof: Alle natürlich nicht, aber die meisten, da haben Sie recht. Auf keinen Fall werden Sie dort jemals ein Pharmakonzern oder einen Textil-Discounter antreffen, es sei denn, diese denken um und lassen sich von solchen Begriffen wie Fairtrade, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit leiten. Vielleicht wird der Druck der Bürgergesellschaft eines Tages doch so groß, dass die Politik Unternehmen in diesem Sinne verpflichtet. Aber da bin ich, ehrlich gesagt, nicht sonderlich optimistisch.

globe-M: Ein großer Teil Ihrer Arbeit findet am Filmset statt. Sie stellten Grafiken und Requisite für zahlreiche Filme her, unter anderem für große internationale Produktionen wie „Der Vorleser“ oder „Carlos – der Schakal“, für Fantasyfilme mit historischem Hintergrund und Dramen, die auf dokumentarisches Material zurückgreifen. Sie arbeiteten an dem äußerst detailreichen Film von Andres Veiel „Wer, wenn nicht wir“ mit, der über die Anfänge der RAF erzählt, und an der Komödie „Russendisko“, die im Berlin nach dem Mauerfall spielt. Zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wie finden Sie da den richtigen Zugang?

Sabine Steinhof: Sie haben sich zwei wirklich gegensätzliche Beispiele ausgesucht. Der Unterschied zwischen diesen beiden Filmen ist immens – im künstlerischen Anspruch, in der ganzen Machart und letztendlich in gesellschaftlicher Relevanz. Aber so oder so, jede Arbeit an einem Film beginnt mit der Recherche: Man findet Beispiele, die den jeweiligen Zeitgeist am besten widerspiegeln, sammelt Eindrücke,  lässt sich von der gesamten Atmosphäre einer Ära und des Handlungsortes inspirieren. Und sie wird dann wahrheitsgetreu, aber in fiktionalisierter Form wiedergegeben.

globe-M: Das klingt etwas paradox.

Sabine Steinhof: Es geht darum, dass die Szenerie authentisch wirken soll, wobei die historischen Vorlagen nachempfunden und nicht einfach kopiert werden. Nicht so sehr wegen des „Markenschutzes“, auch wenn das manchmal von Bedeutung ist, sondern damit der Regisseur bestimmte Akzente setzen kann. Im Film von Andres Veiel spielt die Handlung in den frühen sechziger Jahren. Dort kommen Familienrelikte aus der Hitlerzeit vor, Zeugnisse spießigen bürgerlichen Alltags sowie Referenzpunkte intellektueller Linken. Sie sind wichtig für die künstlerische Aussage des Films. Aus dieser Zeit gibt es viele Bilder: in Büchern und Filmen, vieles hat man selbst gesehen, etwa auf dem elterlichen Dachboden oder auf dem Flohmarkt.

globe-M: Mit dem Film „Russendisko“ verhielt es sich wahrscheinlich etwas anders.

Sabine Steinhof: Ganz genau. Zwar geht es im Film um das Berlin der frühen Neunziger, was an sich kein Problem wäre, aber alle Hauptprotagonisten sind Russen, die natürlich „echt russische“ Requisiten brauchen. Zum Glück habe ich eine gute Freundin, die ebenfalls aus Russland stammt, die ich alles fragen durfte. So entstanden mehrere Wodka- und Biersorten, Handcreme und Duftwasser, Wandkalender und Poster. Und obwohl das eine rein deutsche Produktion für deutsches Publikum war, würden diese „gefakten“ Etiketten alle Russen schmunzeln lassen, weil dort oft kleine Wortspiele oder grafische Anspielungen verborgen sind. 

globe-M: Subversiver Humor liegt Ihnen offensichtlich am Herzen. Auch die von Ihnen gemalten Tierportraits sind trotz vordergründiger Niedlichkeit der dargestellten „Stubenhüter“ alles anderes als niedlich. Sie bezeichnen sie als „dekorativer Psycho-Wandschmuck“.

Sabine Steinhof: In ihrer Überzüchtung halten sie uns Menschen eigentlich den Spiegel vor.

globe-M: Sie schauen ziemlich streng drein.

Sabine Steinhof: Streng und etwas von Oben herab.

globe-M: Stellen Sie die Arbeiten auch aus?

Sabine Steinhof: Außerhalb der wohnlichen Umgebung sind diese Bilder sinnlos. Wenn ich sie doch ausstellen würde, dann nur mit dem dazugehörigen Foto des privaten Bereiches, in dem sie sich befinden.

globe-M: Wie kommen denn ihre „psychotischen Stubenhüter“ dorthin? Sie sind auf Ihrer Homepage in der Kategorie „Produkte“ zu sehen, allerdings ohne Preisangabe.

Sabine Steinhof: Sie müssen halt ein richtiges Herrchen finden. Im Grunde genommen suche ich aus, wem ich so ein Bild anvertraue. 

globe-M: Das nenne ich verantwortungsvollen Umgang mit der Kunst. Vielen Dank für das Gespräch!
 

 

Weitere Informationen:
Künstlerprofil von Sabine Steinhof bei globe-M
Homepage von Sabine Steinhof





 

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