Storytelling wie vor 50 000 Jahren

Maryanne Redpath © Berlinale (Foto: Ali Ghandtschi)

Die Berlinale ist seit jeher ein Ort der Vielfalt, auch durch das Engagement von Maryanne Redpath, Leiterin der Sektion Generation und Initiatorin der Sonderreihe „NATIVe – A Journey into Indigenous Cinema“. Letztes Jahr feierte diese Sonderreihe, die sich Filmen von und über indigene Völker widmet, ihre Berlinale-Premiere. In diesem Jahr wird ein besonderes Augenmerk auf Storytelling gerichtet. Maryanne Redpath lässt globe-M zum Start der Berlinale hinter die Kulissen blicken.

globe-M: Was bedeutet die Berlinale für Sie?

Maryanne Redpath: Oh... Die Berlinale ist eine Riesenmaschinerie, die wie jedes Jahr immer in den letzten paar Monaten vor dem Festival so richtig in Gang gesetzt wird. Jetzt kümmere ich mich hauptsächlich darum, dass die Teams vor Ort in den Kinos alle bereit sind, die aus der ganzen Welt anreisenden Gäste empfangen und betreut werden… Das Resultat unserer Arbeit in den Herbst- und Wintermonaten ist, dass wir bei Generation ungefähr 1600 eingereichte Filme gesichtet und davon insgesamt 60 Filme ausgewählt haben. Ich freue mich total auf alles, was nun auf mich zukommt in den nächsten zehn, elf Tagen. Das ist echt spannend.

globe-M: Das sieht man Ihnen an. Sie strahlen richtig. Auf welche Filme freuen Sie sich denn am meisten?

Maryanne Redpath: Auf jeden einzelnen dieser Filme. Und besonders auch auf die zwei Spielfilme im Rahmen von NATIVe sowie die zwei „NATIVe Storytelling Slams“ mit indigenen Gästen aus verschiedenen Regionen der Welt. Bei den Stories haben wir kein Thema vorgegeben. Die Gäste erzählen einfach, was sie erzählen wollen. Manche bereiten sich vor, manche sind eher spontan und im Anschluss dürfen auch die Zuhörer aus dem Publikum zu Erzählern werden. Man kann sich auf eine Liste eintragen und wird dann auf die Bühne eingeladen.

globe-M: Wie kamen Sie auf die Idee für eine Storytelling-Veranstaltung?

Maryanne Redpath:
Es ist das zweite Jahr für NATIVe, aber es ist ein Brückenjahr. 2015 wird die Sonderreihe wieder mit einem größeren Programm vertreten sein. Dann wird die Reise nach Latein- und Südamerika gehen und der Fokus auf Filmen indigener Kulturen aus diesen Ländern liegen. Wir wollen, dass NATIVe gesehen und gehört wird als Teil der Berlinale. Ich hatte ein Treffen mit Dieter Kosslick, er kam gerade vom Telluride Film Festival (USA) und erzählte begeistert von einem Storytelling-Abend. Uns gefiel die Idee, das auch auf der Berlinale zu versuchen.

globe-M: Werden Sie auch eine Geschichte erzählen?

Maryanne Redpath: Vielleicht. Ich habe ein paar Ideen, aber es wird ein sehr spontaner Abend. Wir wollen das wie in den alten Tagen machen. Diese Art des Storytelling, das zum Beispiel die australischen Ureinwohner schon seit 50 000 Jahren betreiben, war und ist bis heute ein sehr wichtiger Teil der Gesellschaft und der Politik. Sie haben so Dinge in Gang gesetzt. Die Geschichten, die über die Jahrhunderte übertragen wurden, haben eine tiefe Bedeutung. 

globe-M: Welche Unterschiede sehen Sie zur westlichen Kultur?

Maryanne Redpath:
Indigene Geschichten besitzen keine klassische Struktur: keinen Anfang, keine Mitte, kein Ende, also meist auch kein klassisches Happy End. Es gibt ganz viele Arten und Weisen, wie man eine Geschichte erzählen kann. Das können schamanistische Erzählungen sein, aber auch ganz moderne. Es ist Teil ihrer Kultur und auch eine Art, gegen Kolonialisierung zu kämpfen, dagegen, dass sie ihrer Länder und Sprachen beraubt wurden. Das ist manchmal wahnsinnig subversiv und mich beeindruckt immer wieder das Kämpferische.

globe-M: Stecken versteckte Botschaften in den Geschichten?

Maryanne Redpath: Nicht immer, manchmal sind sie auch ganz offensichtlich. Leute mit dem Rücken zur Wand, die in Reservaten leben müssen, die als Kind von ihren Eltern und Familien weggenommen wurden, die haben eigentlich nichts mehr zu verlieren. Nicht alle Botschaften sind versteckt, wir haben nur den Schlüssel nicht. Man muss als Zuschauer über den eigenen Schatten springen und für diese Art der Erzählung offen sein. Ich glaube, obwohl unsere Veranstaltung auf Englisch ist, erkennt man dahinter die fremden Sprachen am Rhythmus sowie auch die Art der Erzählung, das Indigene ist untrennbarer Teil des Gesamten. 

globe-M: Sie haben viel zu tun als Leiterin der Sektion Generation und als Kuratorin der NATIVe-Reihe. Wo sind Sie während der Berlinale zu finden?

Maryanne Redpath: Überall. Ich flitze zwischen verschiedenen Kinos hin und her, treffe Gäste, mache die Anmoderationen und Publikumsgespräche zu den Filmen und bin natürlich bei den Storytellingevents von NATIVe in der Audi Berlinale Lounge.  Es gibt viel zu tun, aber ich habe ein tolles Team, das mich technisch und organisatorisch unterstützt. Ansonsten wäre das nicht möglich.

globe-M: Und irgendwann ist der Wirbelsturm vorbei ...

Maryanne Redpath: Irgendwann ist er vorbei und ich falle nicht, wie viele andere in ein tiefes Loch. Ich mag die Zeit nach der Berlinale. Man kann reflektieren, was passiert ist. Während des Festivals gibt es so tolle Begegnungen und es ist gar nicht so leicht, in dem Moment alles wahrzunehmen. Das mache ich nach dem Festival. Ich träume von Begegnungen mit Leuten auf der Straße, im Gästebüro, in den Kinos oder auf den Empfängen und Parties. Es dauert bei mir bis zu vier Wochen, bis das alles abklingt und danach tritt langsam wieder die Normalität ein.

 

Weitere Informationen

Im Rahmen von „NATIVe – A Journey into Indigenous Cinema“ findet am 11. und 13. Februar der Storytelling-Slam in der Audi Berlinale Lounge am Marlene-Dietrich-Platz statt. Über die Finanzierung des indigenen Kinos berichtet das Event „Industry Talk“ am 11. Februar. Danach ist die Bühne offen  für das Publikum. Die „NATIVe – A Journey into Indigenous Cinema“ lädt außerdem zu folgenden Screenings ein. Die Filme „BirdWatchers – La terra degli uomini rossi“ und „UTU Redux“ sind die einzigen zwei Spielfilme der Reihe. 2015 ist wieder mehr Raum geplant.

Informationen zum Berlinaleprogramm

Bereits 2013 führte globe-M mit Maryanne Redpath ein Berlinale-Interview.

 

 

 

Expertenstimmen Archiv

DatumSortiericonTitel
29.Sep.2014Selbstauswertung bis hin zum Ernstfall
25.Sep.2014Positionen zur Positions
25.Sep.2014"Der Berliner Mythos allein zieht nicht mehr"
24.Sep.2014Neue Positionen beziehen
21.Sep.2014Tanzskulpturen
09.Sep.2014Erst Marathon, dann Freakshow
06.Sep.2014Choreographie der Schwerelosigkeit
06.Sep.2014Das Dunkle in uns
06.Sep.2014„Manchmal ist das Narrativ fast tyrannisch“
04.Sep.2014„Wir schulden den Bayaka unseren Film“
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16.Aug.2014Nicht nur in Stein gemeißelt
14.Aug.2014Keine Kategorien bitte
11.Aug.2014Von Moskau nach Berlin und zurück
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06.Aug.2014Phönix aus der Asche
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30.Jul.2014„Als würde man in ein fremdes Land reisen“
28.Jul.2014Cindy Sherman im MoMA
28.Jul.2014Courage heißt schon, als Künstler zu leben
22.Jul.2014Angela Merkels „Hoffotograf“
19.Jul.2014Schlüsselmomente mit Mitmachfaktor
10.Jul.2014Nächtliche Youtube-Fantasien
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05.Jul.2014„Die Wirklichkeit ist noch wesentlich heftiger“
30.Jun.2014„Universelle Erfahrung ohne Sprachbarrieren“
30.Jun.2014„Erich Kästner war damals schon altmodisch“
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16.Jun.2014Das Gedicht bestimmt die Farbe des Konzerts
13.Jun.2014Von der Bedeutung der Kunst
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08.Jun.2014Ganz groß mit Hut
07.Jun.2014Du bist überall auf der Erde
06.Jun.2014Mikroben als Kunststars
30.Mai.2014„Ich nehme elektromagnetische Wellen wahr“
27.Mai.2014Von der Eisprinzessin zur Stilkönigin
21.Mai.2014Gestalten und Beobachten
21.Mai.2014Nordisches Speed-Dating in Berlin
19.Mai.2014Im Ravekostüm mit 50?
18.Mai.2014„Wir lieben das Risiko, zu scheitern“
13.Mai.2014Farben des Nordens
12.Mai.2014„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“
12.Mai.2014 David Hasselhoff singt für globe-M
11.Mai.2014Von Hackern und Hippies lernen
11.Mai.2014TV-Million durch Cannabiskampagne
29.Apr.2014 Sorgen um ein zerrüttetes Land
23.Apr.2014 Lust auf Neues
21.Apr.2014„Ich kann auch gerne mal läpsch sein“
20.Apr.2014 Der richtige Ton
17.Apr.2014 Auf der Suche nach Herausforderungen
13.Apr.2014Ich kann mir den Film in Farbe nicht vorstellen
12.Apr.2014Mich interessiert mehr der Blick daneben
06.Apr.2014Klavierspiel mit Freude
05.Apr.2014„Die Fragen werden bleiben“
02.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
01.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
24.Mär.2014„Hat man Eier, oder hat man keine?“
20.Mär.2014„Wir sind alle aus Spirit gemacht“
17.Mär.2014Beim Jazz muss man sich entblößen
07.Mär.2014Berlin hat die Kunst in mir hervorgebracht
06.Mär.2014„Für mich ist die Wahl eines Films persönlich“
04.Mär.2014Den französischen Schubladen entkommen
02.Mär.2014Close Up! als Kontakt zur Bodenstation
25.Feb.2014Beethoven plus Hindemith
14.Feb.2014Monatliche Wundertüte
10.Feb.2014Storytelling wie vor 50 000 Jahren
10.Feb.2014„Ich sehe über 600 Filme im Jahr“
03.Feb.2014Neue Räume schaffen
02.Feb.2014MY MISERY IS FOR YOUR ENTERTAINMENT
29.Jan.2014Berlin jazzt
20.Jan.2014„Inspiration ist wie Bauchschmerzen“
19.Jan.2014„Verbrechen sind keine Frage der Intelligenz“
16.Jan.2014„Ein lustiges Land mit einer seltsamen Kultur“
13.Jan.2014Die Farbe des Chansons
10.Jan.2014Leben als Kunstform
09.Jan.2014Die künstlerische Internationale
30.Dez.2013Musik für Erfahrene
22.Dez.2013Man ist so jung...
17.Dez.2013Das Zielgerichtete überwinden
11.Dez.2013Ökonomie des Schenkens
08.Dez.2013Die schöpferische Welt verstehen
07.Dez.2013 Faszination Kunstmarkt
06.Dez.2013Was ist Humor?
25.Nov.2013Streichquartett des Nonplusultra
24.Nov.2013Im Dunkel – da findest du was
21.Nov.2013 Symphonie einer großen Welt
21.Nov.2013„Es war filmmäßig“
11.Nov.2013 Splitter einer Ära
08.Nov.2013 Ein Geschenk aus Liebe
07.Nov.2013„Die Mentalität muss sich ändern“
04.Nov.2013 Uns interessiert, was wir nicht kennen
31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
22.Okt.2013Schöne Wetteraussichten
20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
18.Okt.2013Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive
11.Okt.2013Intellektueller Pop
10.Okt.2013Ein Tausendsassa lernt nie aus
08.Okt.2013 Die Grenzgängerin
05.Okt.2013Nackte Seele
23.Sep.2013Städteplanung nach Darwin
16.Sep.2013Malen ist meine Meditation
15.Sep.2013Talentfinder
14.Sep.2013Hauptstadt des Tangos
14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
03.Sep.2013 Herausfordernde Lebendigkeit
27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
26.Aug.2013Autobiographische Metaebene
24.Aug.2013Die Welt will, dass man erwachsen wird
20.Aug.2013Neue Töne aus der Uckermark
15.Aug.2013 Ein Traum fürs Leben
15.Aug.2013Der Blick zurück nach vorne
11.Aug.2013Kunst ohne Imagepflege
05.Aug.2013 Lalys Lalylalas
02.Aug.2013 Illusion im Dienste der Wahrheit
30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
26.Jul.2013Nobelpenner mit Plattenvertrag
25.Jul.2013Jedermann - Ein Modezar im Zelt
19.Jul.2013Lodernde Leidenschaften
18.Jul.2013Mörderische Nische
05.Jul.2013Soziale Kreativität
04.Jul.2013Prada trifft auf Wes Anderson
01.Jul.2013„Der echte Heimatfilm ist tot“
27.Jun.2013Wir wollen mehr als nur Events
27.Jun.2013Für Chile arbeiten
21.Jun.20132500 Quadratmeter Glitzerwelt
11.Jun.2013„Im Alter möchte ich Udo Jürgens sein“
07.Jun.2013„Fresse halten, Bass spielen“
29.Mai.2013Erfrischend mutig - Rosalie Thomass
23.Mai.2013Imogen Kusch ‑ ein "24-Hour-Artist"
20.Mai.2013Visuelle Themenwelten
18.Mai.2013Himmel und Wasser
18.Mai.2013Bösewicht mit großem Herz
16.Mai.2013Musterhaft
10.Mai.2013Berlin Transit
10.Mai.2013„Theater ist für mich der Ur-Moment“
09.Mai.2013Für Recht und Gerechtigkeit
09.Mai.2013Kunst und Kommunikation
08.Mai.2013Mehr als kleine Strichmännchen
08.Mai.2013Schauen und Staunen
08.Mai.2013Designzauber aus dem Norden
08.Mai.2013Näkemiin Suomi!
08.Mai.2013Lebendige Folien - Media Art von Saana Inari
08.Mai.2013Szenetreff versus Beschaulichkeit
08.Mai.2013Jung und echt unter deutscher Flagge
08.Mai.2013Der Malteser Schatz
08.Mai.201340 Jahre „Schwarzer September“
08.Mai.2013Glamour auf rotem Teppich
08.Mai.2013Produktion und Verwertung
08.Mai.2013Bilderkrieg
08.Mai.2013Das menschliche Maß
08.Mai.2013Ein scheinbar unmögliches Projekt
08.Mai.2013Blindes Verständnis
08.Mai.2013Tanz, Musik, Film und Text

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