Symphonie einer großen Welt

Clara Gervais. Foto: privat

Gleich nach ihrem Studienabschluss an der Hochschule für Musik in Basel hat sich Clara Gervais in der Stadt als Kontrabassistin bestens etabliert. Und doch beschloss die gebürtige Marseillerin, die Schweiz zu verlassen und zu neuen Ufern aufzubrechen. globe-M wollte von der 28-jährigen  Musikerin erfahren, was sie dazu bewogen hat, ausgerechnet nach Berlin zu ziehen.

 

globe-M: Wie lange leben Sie jetzt schon in Berlin?

Clara Gervais: Seit drei Jahren.

globe-M: Das ist keine so lange Zeit.

Clara Gervais: Aber wenig ist es auch nicht.

globe-M: Auf jeden Fall sprechen Sie inzwischen ganz gut Deutsch. Oder haben Sie die Sprache etwa während Ihres Studiums in Basel gelernt?

Clara Gervais: Da spricht man doch Schweizerdeutsch, ich glaube nicht, dass ein Ausländer das je erlernen könnte. Zum Glück geht es unter Musikern generell sehr international zu – mit Englisch, Französisch und Italienisch kam ich dort wunderbar zurecht.

globe-M: Ihr Weg nach Berlin begann, wenn man so sagen darf,  aber viel früher: eigentlich in dem Moment, als Sie begonnen haben, Kontrabass zu spielen. Es ist kein sehr populäres Instrument, wie sind Sie darauf gekommen?

Clara Gervais: Per Zufall. Ich war acht Jahre alt, als ich den Wunsch äußerte, Musikunterricht zu nehmen. Die Eltern brachten mich zu Beginn des Schuljahres in die Musikschule am Marseiller Konservatorium, aber etwas später als dies andere Eltern taten. Alle Klassen waren schon voll, übrig blieben nur der Kontrabass und die Posaune. Ich kannte weder das eine, noch das andere Instrument, fand aber das Wort „Posaune“ hässlich. Mein Kontrabasslehrer war sehr freundlich und, wie mir schien, auch sehr schön. Ich hatte ihn sofort ausgesprochen gern und mit ihm das Instrument. Je länger ich spielte, desto mehr liebte ich es, bis ich mir schließlich mein Leben ohne Kontrabass nicht mehr vorstellen wollte. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mich dabei immer unterstützt haben.   

globe-M: Kann es sein, dass sie einfach sehr glücklich waren, dass Sie sich gegen die Posaune entschieden hast? 

Clara Gervais: Das glaube ich auch.  Aber ich bin mir trotzdem sicher, dass sie mich auch mit einer Posaune unterstützt hätten. 

globe-M: Das hört sich so an, als würden Sie das nicht für selbstverständlich halten.

Clara Gervais: Von vielen meinen Freunden weiß ich, dass es leider nicht selbstverständlich ist. Ich stamme ja nicht aus einer Musikerfamilie.

globe-M: Was machen Ihre Eltern?

Clara Gervais: Der Vater ist Seemann, die Mutter ist Inhaberin einer winzigen Importfirma – wie es sich für eine große Hafenstadt gehört.

globe-M: Große Hafenstädte bringen anscheinend größere Offenheit mit sich.

Clara Gervais: Wahrscheinlich. Sie haben mich zum Beispiel in eine armenische Schule eingeschult. Sie war nicht weit von unserem Haus entfernt und sah nett aus, also beschlossen sie, dass ein Schulweg zu Fuß viel besser als einer mit dem Bus sei, und dass eine andere Sprache und Kultur kennenzulernen, mir auf jeden Fall nicht schaden würde.   

globe-M: Die Eltern selbst sind nicht armenisch?

Clara Gervais: Ganz und gar nicht.

globe-M: Eine ungewöhnliche, aber sehr sympathische Entscheidung.

Clara Gervais: Finde ich auch.

globe-M: Sie hatten also auch nichts dagegen, als Sie beschlossen haben, professionelle Musikerin zu werden.

Clara Gervais: Ganz im Gegenteil, sie waren immer für mich da, auch als ich zum Studium zuerst nach Paris, später nach Prag, nach San Sebastian und schließlich nach Basel gegangen bin.

globe-M: Wollten Sie Ihren musikalischen Horizont erweitern, oder warum sonst haben Sie in so weit voneinander gelegene Hochschulen gewechselt?

Clara Gervais: Der Grund war leider, dass ich die Hochschulen verließ, weil es mir dort nicht gefallen hat. Ich war so sehr von der klassischen Musikwelt enttäuscht, dass ich schon daran dachte, sie aufzugeben. Das gesamte System, die Schulen und die Leute dort waren so langweilig, so wenig inspirativ. Ich bin schließlich kaum zum Unterricht gegangen, sondern habe viel gelesen, viel geübt, manchmal private Stunden genommen, mir also fast autodidaktisch alles erarbeitet.

Zum Glück traf ich in San Sebastian auf einen wunderbaren Pädagogen, fantastischen Musiker und großen Künstler: Professor Wolfgang Güttler. Ich bin ihm gefolgt, als er nach Basel an die Musikakademie berufen wurde. Vier Jahre durfte ich bei ihm studieren, was ich als großes Glück betrachte. In Basel habe ich dann auch meinen Abschluss gemacht. Ich bin noch eine Weile dort geblieben, weil man während des Studiums viele Kontakte knüpfen konnte, aus denen sich dann spannende Projekte entwickelten.

globe-M: Wurde Ihnen die Stadt irgendwann zu klein?

Clara Gervais: Das will ich so nicht sagen. Basel ist natürlich nicht sehr groß, aber es hat eine überraschend große und interessante Musikszene. Es gibt sehr viele gute Musiker dort und sehr viele Gelegenheiten aufzutreten. 

globe-M: Warum haben Sie dann Basel verlassen?

Clara Gervais: Ich habe gesehen, dass mein Leben schon sehr gut geregelt ist, dass ich ausreichend zu tun habe, um von der Musik zu leben, dass alles im Prinzip so ist, wie es bleiben kann und wahrscheinlich bleiben wird. Mir wurde klar, dass ich das alles noch nicht möchte. Es kann doch nicht sein, dass mich nichts mehr Neues erwartet, keine Herausforderung, kein Abenteuer. An meinem 25. Geburtstag beschloss ich, aus Basel wegzugehen.

globe-M: Und warum nach Berlin?

Clara Gervais: Deutschland übte schon immer große Faszination auf mich aus, vor allem wegen der Einmaligkeit deutscher Musikkultur. Berlin kannte ich überhaupt nicht und gerade das gefiel mir. Es war sehr besonders: eine kleine französische Musikerin aus dem sonnigen, warmen, gemächlichen Süden in einer grauen, lauten, unbekannten Großstadt.

globe-M: Das mit der „kleinen Musikerin“ nehme ich Ihnen nicht ab.

Clara Gervais: Das finde ich gut.  Danke!

globe-M: Danke für das schöne Gespräch.

 

Weitere Informationen
Die musikalischen Interessen von Clara Gervais reichen von der historischen Aufführungspraxis Alter Musik über klassische und zeitgenossische Musik bis hin zu freier Improvisation, Jazz und Folk. Als Kontrabassistin wirkt sie in verschiedenen Ensembles mit, darunter in La Banda Ki, La Cetra baroque orchester Basel, Phoenix Ensemble Basel, Les Vésicules Moroses sowie Solistenensemble Kaleidoskop Berlin.

Clara Gervais ist bald live im Radial System zu erleben:
Verzückung. Stücke von Monteverdi, Strozzi, Scelsi u. a.
für zwei Soprane, Theorbe und Kontrabass 
am 30. November 2013
Mit Solistenensemble Kaleidoskop Berlin
am 11. Januar 2014 

Video von Trio La Banda Ki  

globe-M Bericht über das
Konzert von Les Vésicules Moroses 

 

Expertenstimmen Archiv

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09.Sep.2014Erst Marathon, dann Freakshow
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11.Mai.2014TV-Million durch Cannabiskampagne
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17.Apr.2014 Auf der Suche nach Herausforderungen
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10.Jan.2014Leben als Kunstform
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07.Dez.2013 Faszination Kunstmarkt
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25.Nov.2013Streichquartett des Nonplusultra
24.Nov.2013Im Dunkel – da findest du was
21.Nov.2013 Symphonie einer großen Welt
21.Nov.2013„Es war filmmäßig“
11.Nov.2013 Splitter einer Ära
08.Nov.2013 Ein Geschenk aus Liebe
07.Nov.2013„Die Mentalität muss sich ändern“
04.Nov.2013 Uns interessiert, was wir nicht kennen
31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
22.Okt.2013Schöne Wetteraussichten
20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
18.Okt.2013Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive
11.Okt.2013Intellektueller Pop
10.Okt.2013Ein Tausendsassa lernt nie aus
08.Okt.2013 Die Grenzgängerin
05.Okt.2013Nackte Seele
23.Sep.2013Städteplanung nach Darwin
16.Sep.2013Malen ist meine Meditation
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14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
03.Sep.2013 Herausfordernde Lebendigkeit
27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
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30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
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