Tanzskulpturen

© Walter Bickmann

Für „Simplicity“ kuschelt er mit aufgeblasenen Gummihandschuhen, in „Icon“ kombiniert er Hände, Köpfe und Körper in Großaufnahme mit ganz eigenen Bewegungen vor der Leinwand, in „Continuity“ macht er Zeit durch skulpturale Prozesse erlebbar. Walter Bickmann, der an der Münchner Heinz-Bosl-Stiftung klassischen Tanz studierte, arbeitet gerne mit Bildern und Körpern. Nicht nur als Choreograph und Videodesigner, sondern auch als Tanzdokumentarist für TanzForumBerlin.

globe-M: Drei Jahre lang dokumentierten Sie den zeitgenössischen Tanz auf ehrenamtlicher Basis. Warum all die Arbeit?  

Walter Bickmann: Anfang der 2000er Jahre begannen die Zeitungen damit, die Kulturredaktionen zusammenzulegen, um Personalkosten einzusparen. Tanzkritiken in den Feuilletons wurden seltener. Da überlegten wir: Was können wir tun, um den Tanz in der Öffentlichkeit wieder sichtbarer zu machen? Das bewegte Bild eignet sich sehr gut, um Tanz zu präsentieren. Also fingen wir damit an, eine Online-Videoplattform aufzubauen, um diese Lücke zu füllen – zunächst ehrenamtlich, weil wir keine Finanzierungspartner finden konnten. 

globe-M: Was sprechen die aktuellen Zahlen? 

Walter Bickmann: TanzForumBerlin hat monatlich um die 30 000 Besucher aus der ganzen Welt. Ich glaube, dass das Projekt ein gutes Informationstool für das Berliner und internationale Publikum, Tanzschaffende und Kuratoren ist. Es ist ein Herzblutprojekt. Die Resonanz, die wir für unsere Arbeit bekommen, ist super.

globe-M: …und hat erste Nachahmer.

Walter Bickmann: Sie sprechen das tanZwebkoeln an? Ja, Klaus Dilger hat sich von uns für das Tanzweb Projekt in Köln beraten lassen. Er verwies bei seiner Suche nach Finanzierung auf TanzForumBerlin und war damit erfolgreich. tanZwebkoeln wurde in Nordrhein-Westfalen von Anfang unterstützt. Das hat uns sehr gefreut.

globe-M: Auch Sie haben eine Lösung gefunden. Mittlerweile ist die TanzForumBerlin-Seite Eigentum des Regierenden Bürgermeisters von Berlin ‑ Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten. Wie kam es dazu?  

Walter Bickmann: Um das Projekt langfristig zu sichern, haben wir TanzForumBerlin dem Senat übertragen und haben nun den Auftrag der Videodokumentation Tanz, der auch die Betreuung der Website für 2014 und 2015 beinhaltet. Wir dokumentieren in erster Linie die von der Stadt Berlin geförderten Projekte, und das sind viele!

globe-M: Also sind Sie zufrieden? 

Walter Bickmann: Ich würde mir wünschen, dass für die Produktion von Kunst mehr Mittel zur Verfügung stehen, also Gelder die auch tatsächlich bei den Künstlern ankommen. Auf TanzForumBerlin versuchen wir, das große künstlerische Potential – das, was die Künstler im Bereich des zeitgenössischen Tanzes in Berlin schaffen – in den Vordergrund zu stellen. 

globe-M: Wie ist es derzeit um den zeitgenössischen Tanz bestellt? 

Walter Bickmann: Dadurch, dass die Förderungen in anderen Ländern stark gekürzt wurden, produzieren sehr viele internationale Künstler in Berlin und die Bandbreite ist enorm. Ich glaube, in Berlin gibt es alles, was der zeitgenössische Tanz zu bieten hat. Auf TanzForumBerlin sieht man einen guten Querschnitt.

globe-M: Sie sind ausgebildeter Tänzer und Choreograph. Auch Ihre eigenen Produktionen  –  sehr unterschiedliche Werke – sind auf TanzForumBerlin vertreten. Gibt es trotzdem einen roten Faden, den Sie persönlich sehen?  

Walter Bickmann: Seit vielen Jahren beschäftigte ich mich mit Video und Fotografie. Das hat meine choreographische Arbeit stark beeinflusst. Der bildnerische Ansatz und seine Übertragung in Bewegung interessieren mich sehr.

globe-M: Die Fortsetzung Ihrer skulpturalen Studie, die mit „in between“ begann, wird im Oktober erneut aufgeführt. Sie machen in „Continuity“ Zeit performativ wahrnehmbar. Wie funktioniert das? 

Walter Bickmann: Meine Fragestellung ist, ob man eine Skulptur choreographisch denken kann, sie ins Flüchtige erweitern – ohne Festschreibung. Dabei gibt es verschiedene Aspekte; Zeit ist einer davon. Unter anderem arbeiten wir in „Continuity“ mit verschiedenen Dimensionen und Geschwindigkeiten. Es gibt extrem langsame und sehr dynamische Sequenzen, sehr raumgreifende und minimalistische Strukturen.

globe-M: Wollen Sie den Zuschauer durch die extrem langsamen Sequenzen schulen?

Walter Bickmann: Der Anfang der Performance ist sehr langsam. Wenn man genau hinschaut, passiert in dieser Langsamkeit sehr viel, aber man muss sich darauf einlassen. Ich denke nicht, dass ich jemanden schulen möchte, ich mache nur ein Angebot. 

 

Weitere Informationen

Walter Bickmann studierte Bühnentanz an der Musikhochschule München, Heinz-Bosl-Stiftung, tanzte im Ballett der Wiener Staatsoper und arbeitete unter anderem in Johann Kresniks Choreographischem Theater an der Berliner Volksbühne. Später absolvierte er eine Ausbildung zum Videodesigner. Gemeinsam mit seiner Frau Doris Kolde betreibt er die Plattform TanzForumBerlin im Auftrag der Kulturprojekte Berlin GmbH für den Berliner Senat. 

Am 10., 11. und 12. Oktober 2014 wird Walter Bickmanns „Continuity“ im Dock 11 aufgeführt. Zur Rezension von „Continuity“

 

Expertenstimmen Archiv

DatumSortiericonTitel
29.Sep.2014Selbstauswertung bis hin zum Ernstfall
25.Sep.2014Positionen zur Positions
25.Sep.2014"Der Berliner Mythos allein zieht nicht mehr"
24.Sep.2014Neue Positionen beziehen
21.Sep.2014Tanzskulpturen
09.Sep.2014Erst Marathon, dann Freakshow
06.Sep.2014Choreographie der Schwerelosigkeit
06.Sep.2014Das Dunkle in uns
06.Sep.2014„Manchmal ist das Narrativ fast tyrannisch“
04.Sep.2014„Wir schulden den Bayaka unseren Film“
31.Aug.2014Katharsis durch Reizüberflutung
20.Aug.2014„Georgien ist näher am Leben.“
16.Aug.2014Nicht nur in Stein gemeißelt
14.Aug.2014Keine Kategorien bitte
11.Aug.2014Von Moskau nach Berlin und zurück
10.Aug.2014Virtuelle Bilderwelten
06.Aug.2014Phönix aus der Asche
06.Aug.2014Landschaftsfantasien
30.Jul.2014„Als würde man in ein fremdes Land reisen“
28.Jul.2014Cindy Sherman im MoMA
28.Jul.2014Courage heißt schon, als Künstler zu leben
22.Jul.2014Angela Merkels „Hoffotograf“
19.Jul.2014Schlüsselmomente mit Mitmachfaktor
10.Jul.2014Nächtliche Youtube-Fantasien
05.Jul.2014Zwischen Technik und Poesie
05.Jul.2014„Die Wirklichkeit ist noch wesentlich heftiger“
30.Jun.2014„Universelle Erfahrung ohne Sprachbarrieren“
30.Jun.2014„Erich Kästner war damals schon altmodisch“
22.Jun.2014„Man müsste aus dem modernen Leben aussteigen“
16.Jun.2014Das Gedicht bestimmt die Farbe des Konzerts
13.Jun.2014Von der Bedeutung der Kunst
09.Jun.2014„RLF ist reflexiv und nicht positivistisch“
08.Jun.2014Ganz groß mit Hut
07.Jun.2014Du bist überall auf der Erde
06.Jun.2014Mikroben als Kunststars
30.Mai.2014„Ich nehme elektromagnetische Wellen wahr“
27.Mai.2014Von der Eisprinzessin zur Stilkönigin
21.Mai.2014Gestalten und Beobachten
21.Mai.2014Nordisches Speed-Dating in Berlin
19.Mai.2014Im Ravekostüm mit 50?
18.Mai.2014„Wir lieben das Risiko, zu scheitern“
13.Mai.2014Farben des Nordens
12.Mai.2014„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“
12.Mai.2014 David Hasselhoff singt für globe-M
11.Mai.2014Von Hackern und Hippies lernen
11.Mai.2014TV-Million durch Cannabiskampagne
29.Apr.2014 Sorgen um ein zerrüttetes Land
23.Apr.2014 Lust auf Neues
21.Apr.2014„Ich kann auch gerne mal läpsch sein“
20.Apr.2014 Der richtige Ton
17.Apr.2014 Auf der Suche nach Herausforderungen
13.Apr.2014Ich kann mir den Film in Farbe nicht vorstellen
12.Apr.2014Mich interessiert mehr der Blick daneben
06.Apr.2014Klavierspiel mit Freude
05.Apr.2014„Die Fragen werden bleiben“
02.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
01.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
24.Mär.2014„Hat man Eier, oder hat man keine?“
20.Mär.2014„Wir sind alle aus Spirit gemacht“
17.Mär.2014Beim Jazz muss man sich entblößen
07.Mär.2014Berlin hat die Kunst in mir hervorgebracht
06.Mär.2014„Für mich ist die Wahl eines Films persönlich“
04.Mär.2014Den französischen Schubladen entkommen
02.Mär.2014Close Up! als Kontakt zur Bodenstation
25.Feb.2014Beethoven plus Hindemith
14.Feb.2014Monatliche Wundertüte
10.Feb.2014Storytelling wie vor 50 000 Jahren
10.Feb.2014„Ich sehe über 600 Filme im Jahr“
03.Feb.2014Neue Räume schaffen
02.Feb.2014MY MISERY IS FOR YOUR ENTERTAINMENT
29.Jan.2014Berlin jazzt
20.Jan.2014„Inspiration ist wie Bauchschmerzen“
19.Jan.2014„Verbrechen sind keine Frage der Intelligenz“
16.Jan.2014„Ein lustiges Land mit einer seltsamen Kultur“
13.Jan.2014Die Farbe des Chansons
10.Jan.2014Leben als Kunstform
09.Jan.2014Die künstlerische Internationale
30.Dez.2013Musik für Erfahrene
22.Dez.2013Man ist so jung...
17.Dez.2013Das Zielgerichtete überwinden
11.Dez.2013Ökonomie des Schenkens
08.Dez.2013Die schöpferische Welt verstehen
07.Dez.2013 Faszination Kunstmarkt
06.Dez.2013Was ist Humor?
25.Nov.2013Streichquartett des Nonplusultra
24.Nov.2013Im Dunkel – da findest du was
21.Nov.2013 Symphonie einer großen Welt
21.Nov.2013„Es war filmmäßig“
11.Nov.2013 Splitter einer Ära
08.Nov.2013 Ein Geschenk aus Liebe
07.Nov.2013„Die Mentalität muss sich ändern“
04.Nov.2013 Uns interessiert, was wir nicht kennen
31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
22.Okt.2013Schöne Wetteraussichten
20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
18.Okt.2013Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive
11.Okt.2013Intellektueller Pop
10.Okt.2013Ein Tausendsassa lernt nie aus
08.Okt.2013 Die Grenzgängerin
05.Okt.2013Nackte Seele
23.Sep.2013Städteplanung nach Darwin
16.Sep.2013Malen ist meine Meditation
15.Sep.2013Talentfinder
14.Sep.2013Hauptstadt des Tangos
14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
03.Sep.2013 Herausfordernde Lebendigkeit
27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
26.Aug.2013Autobiographische Metaebene
24.Aug.2013Die Welt will, dass man erwachsen wird
20.Aug.2013Neue Töne aus der Uckermark
15.Aug.2013 Ein Traum fürs Leben
15.Aug.2013Der Blick zurück nach vorne
11.Aug.2013Kunst ohne Imagepflege
05.Aug.2013 Lalys Lalylalas
02.Aug.2013 Illusion im Dienste der Wahrheit
30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
26.Jul.2013Nobelpenner mit Plattenvertrag
25.Jul.2013Jedermann - Ein Modezar im Zelt
19.Jul.2013Lodernde Leidenschaften
18.Jul.2013Mörderische Nische
05.Jul.2013Soziale Kreativität
04.Jul.2013Prada trifft auf Wes Anderson
01.Jul.2013„Der echte Heimatfilm ist tot“
27.Jun.2013Wir wollen mehr als nur Events
27.Jun.2013Für Chile arbeiten
21.Jun.20132500 Quadratmeter Glitzerwelt
11.Jun.2013„Im Alter möchte ich Udo Jürgens sein“
07.Jun.2013„Fresse halten, Bass spielen“
29.Mai.2013Erfrischend mutig - Rosalie Thomass
23.Mai.2013Imogen Kusch ‑ ein "24-Hour-Artist"
20.Mai.2013Visuelle Themenwelten
18.Mai.2013Himmel und Wasser
18.Mai.2013Bösewicht mit großem Herz
16.Mai.2013Musterhaft
10.Mai.2013Berlin Transit
10.Mai.2013„Theater ist für mich der Ur-Moment“
09.Mai.2013Für Recht und Gerechtigkeit
09.Mai.2013Kunst und Kommunikation
08.Mai.2013Mehr als kleine Strichmännchen
08.Mai.2013Schauen und Staunen
08.Mai.2013Designzauber aus dem Norden
08.Mai.2013Näkemiin Suomi!
08.Mai.2013Lebendige Folien - Media Art von Saana Inari
08.Mai.2013Szenetreff versus Beschaulichkeit
08.Mai.2013Jung und echt unter deutscher Flagge
08.Mai.2013Der Malteser Schatz
08.Mai.201340 Jahre „Schwarzer September“
08.Mai.2013Glamour auf rotem Teppich
08.Mai.2013Produktion und Verwertung
08.Mai.2013Bilderkrieg
08.Mai.2013Das menschliche Maß
08.Mai.2013Ein scheinbar unmögliches Projekt
08.Mai.2013Blindes Verständnis
08.Mai.2013Tanz, Musik, Film und Text

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