Uns interessiert, was wir nicht kennen

Alain Brayer© privat

Welche deutschen Kino-Filme schauen sich eigentlich die Franzosen an? Welche Themen interessieren sie im deutschen Kino und können sie über dieselben Dinge lachen? globe-M sprach mit Alain Brayer, Mitglied des Vereins „Collectif Eldo“ vom Kino Eldorado in Dijon unter anderem über den Film „Die neue Heimat“ von Edgar Reitz, der auch in Frankreich gerade angelaufen ist.

globe-M: Du bist engagiertes Mitglied eures Kino-Vereins und selbst auch fleißiger Kinogänger. Welche deutschen Filme liefen bei euch in der letzten Zeit?

Alain Brayer: Am 11. Oktober hatten wir hier die Vor-Premiere der zwei Teile der "neuen Heimat“ von Edgar Reitz. Der Abend wurde eingeführt vom Direktor des Rheinland-Pfalz-Zentrums in Dijon. Er erklärte unter anderem, wie schwierig es schon mal sei, das Wort „Heimat“ zu übersetzen, dass es nicht mit „Patrie“ (dem Vaterland) gleichzusetzen sei, sondern eher mit einem Gefühl des sich zu Hause fühlens, einer Zugehörigkeit zur Familie, etwas Intimem. Das war interessant als Einführung für diesen Film, der mich persönlich sehr begeistert hat. Im Publikum waren viele Deutsche, die in Dijon leben, und Deutschlehrer. Aber das ist ja erst mal normal. Seit dem 23. Oktober läuft er ganz offiziell bei uns, und nach einer Woche der relativen Flaute hat es sich dann rumgesprochen, wie gut der Film ist, und jetzt läuft er sehr gut.

globe-M: Dabei ist es ja ein sehr langer Film, fast nur in Schwarz-Weiß, kein lustiges Thema.

Alain Brayer: Ja, aber es zeigt uns einen völlig unbekannten Aspekt der deutschen Geschichte – die Auswanderung von Deutschen im 19. Jahrhundert, die von Armut bedroht waren und deshalb nach Brasilien gingen. Und Edgar Reitz hat viel Gewicht auf die Auswahl der Schauspieler, der Dialoge und auf die Bildqualität gelegt. Die Kameraführung ist beeindruckend. Und der Film wurde sehr viel beworben, unter anderem auf dem Radiosender "France Inter" und hat sehr gute Kritiken bekommen.

globe-M: An welche anderen Filme aus Deutschland kannst du dich erinnern?

Alain Brayer: Von allen deutschen Filmen, die hier gezeigt wurden, kann ich mich natürlich an die Filme der Siebziger undAchtziger erinnern, an Regisseure wie Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff oder Werner Herzog. Die wurden in Frankreich immer hoch gelobt, aber auch vom Publikum geschätzt.

globe-M: Und danach?

Alain Brayer: Danach gibt es erstmal so etwas wie ein schwarzes Loch. Da kann ich mich an nichts Besonderes erinnern. Erst Ende der Neunziger ging es dann wieder los. Mit „Lola rennt“ 1998, „Good bye Lenin“ 2003, „Der Untergang“ 2005, „Das Leben der Anderen“ 2006 oder „Auf der anderen Seite“ 2007.

globe-M:  Gibt es ein besonderes Interesse an Filmen über die ehemalige DDR? „Barbara“ mit Nina Hoss, der letztes Jahr rauskam, ist ja in Frankreich auch gut angekommen.

Alain Brayer: Ja, ich glaube, es gibt ein Interesse an dem, was wir nicht kennen. Dinge, die wir nicht über Deutschland wissen. So wie jetzt im Film „Heimat“. Die Frage, wie das Leben in der DDR eigentlich war oder wie das Zusammenwachsen der beiden Teile Deutschlands nach der Wende funktioniert hat. „Good Bye, Lenin!“ war deshalb ein viel geguckter Film. Und er hat noch etwas Anderes gezeigt: Dass die Deutschen Humor haben und witzige Filme machen können. Das war etwas Neues für uns.

globe-M: Womit verbindet man eher deutschsprachige Filme in Frankreich?

Alain Brayer: Na ja, ganz am Anfang stehen da dramatische Filme wie „M – eine Stadt sucht einen Mörder“, „Metropolis“, „Nosferatu“ oder vor einigen Jahren der Film „Das weiße Band“ von Michael Haneke, einem österreichischen Regisseur, also keine wirklichen Komödien. Der ist übrigens auch sehr gut angekommen bei der Kritik und beim Publikum.

globe-M: Welche Schauspieler sieht man gern in Frankreich?

Alain Brayer: Also für mich und uns hier im Kino ist natürlich immer noch Bruno Ganz ein Begriff, dann auch Ulrich Mühe, Christoph Walz aus den Tarantino-Filmen, und Nina Hoss, die in „Barbara“ und „Gold“ gespielt hat, der auch bei uns gelaufen ist.

globe-M: Welche der Filme der letzten Jahre ist dein ganz persönlicher Lieblingsfilm?

Alain Brayer: Ich glaube „Das Leben der Anderen“, weil es da nicht Gut und Böse gab. Das war ein sehr menschlicher Film. Und einfach gut gemacht.

globe-M: Monsieur Brayer, wir danken für das Gespräch.

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