Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 

Patrick Suel© K. Schielke

Zehn Jahre schon sortiert der Franzose Patrick Suel in bester Manier Bücher und Kultur in seiner Berliner Buchhandlung "Zadig". Er kämpft gegen Klischees über Frankreich und Berlin, öffnet Türen zur französischsprachigen Literatur und beobachtet aufmerksam die Verwandlung seines Viertels "Mitte". Am 14. September wird Jubiläum gefeiert. Mit globe-M unternahm er eine Reise in die Vergangenheit.

globe-M: Zehn Jahre schon! Herzlichen Glückwunsch! Wie wird gefeiert?

Patrick Suel: Wir geben Berlin mit der Anthologie „Rue des lignes“ (auf deutsch: Linienstraße, dort befindet sich „Zadig“, Anm. d. R.) zurück, was es uns geschenkt hat. Viele Autoren haben uns Texte geschickt, es gibt Fotos und Zeichnungen, zum Beispiel von Kent oder dem Streetart-Künstler SP 38. Das Buch ist hier erhältlich. Wir freuen uns auf die Feier, auch wenn ich denke, dass da auch die ganzen Kultur-Neurotiker kommen werden, die niemand sehen will. Die französische Sängerin Mélinée singt um 17 Uhr, dann gibt es eine Performance von SP38 und dann wird einfach angestoßen.

globe-M: Braucht Berlin eine französische Buchhandlung?

Patrick Suel:  Absolut. Wir haben hier eine starke internationale Prägung und bringen den french touch nach Berlin. Ich sag das jetzt absichtlich auf Englisch, mein' ich ironisch, hier wird zu viel Englisch gesprochen, neu zugereiste Franzosen sagen mir immer, hier muss man ja gar nicht Deutsch sprechen können, nur Englisch. Alle Scheinwerfer sind jetzt auf diese Stadt gerichtet, und wir vertreten die Frankophonie. Leben in der Spannung zwischen Hoch- und Sub-Kultur. Wir sehen uns als alternativen Ort, obwohl das Wort ein bisschen einfach ist, aber alle Buchhandlungen, auch die unserer deutschen Kollegen hier, sind alternative Orte: Wir sortieren das, was der kulturelle Wasserhahn so ausschüttet. Wir wollen keine elitäre Buchhandlung sein, auch wenn wir auf Niveau setzen, aber ich wollte nicht die Subkultur-Suppe servieren, sondern auch zeigen, was es in Frankreich im Mainstream-Bereich gibt, Autoren wie Nothomb oder Schmitt.

globe-M: Was würde Berlin fehlen, wenn ihr nicht mehr da wärt?

Patrick Suel:  Also erstmal würden all die Frauen – die 60 Prozent der Kundschaft ausmachen – nicht mehr vor mir erröten, wenn sie hier versuchen, mir etwas auf Französisch zu sagen. Ich als Buchhändler, als Person, würde fehlen. Jeder sucht sich die Person aus, die ihm liegt. Ich für meinen Teil habe versucht wegzugehen von den Vorurteilen, die zu meiner franko-zentrierten Kultur gehören und hin zu den Frankophonien, ich sage das jetzt absichtlich im Plural. Ich habe meine ganz persönliche Art zu sortieren.

globe-M: Wie seid ihr vor zehn Jahren nach Berlin gekommen?

Patrick Suel: Meine Frau Myriam kannte Berlin schon aus den Neunzigerjahren, sie war hier gut vernetzt. Ich war für das Interkulturelle zuständig. Damals haben wir die Anzeige für dieses Geschäft hier in der Linienstraße in der Berliner Zeitung gesehen, die war jede Woche wieder neu drin, niemand wollte damals hierher kommen. Wir aber wollten das und sind heute froh, hier zu sein und optimistisch, wie sich alles entwickeln wird. Als Buchhändler mache ich sowas wie eine „Inventur der Zukunft“.

globe-M: In den letzten zehn Jahren hat sich Berlin sehr verändert – wie nehmt ihr das wahr?

Patrick Suel:  Wir haben uns ja hier niedergelassen, bevor es die Mode war und die Franzosen hierher strömten. Ich hab mich immer gefragt, warum es seit Voltaires Zeiten hier nie eine unabhängige französische Buchhandlung in Berlin gegeben hat. Es gab mal eine am Kudamm, aber das war im Maison de France, ich wollte aus diesem Rahmen raus. Ich bin gut vernetzt, auch mit der offiziellen französischen Kultur hier, aber bleibe unabhängig.
Früher war Berlin am Rand, bevölkert von Außenseitern, jetzt ist es Zentrum der Aufmerksamkeit. Wir haben eine Lesungsreihe organisiert mit dem Titel „Wohin geht Berlin?“, da hat unter anderem Francesco Masci, ein italienischer Philosoph, der auf Französisch schreibt, über die Berlin-Klischees gesprochen. Er sagt, alle beziehen sich auf die Epoche „Christiane F“, aber die gibt es nicht mehr. Es ist alles ein bisschen erschöpft, vor allem das Engagement, Berlin ist die Endstation der Modernität, es bleibt nur noch das Entertainment.
Ich kämpfe hier in Mitte nicht nur gegen die Klischees über Frankreich, sondern auch gegen die über Berlin. Manche junge Leute, die hierher kommen, sind so naiv.

globe-M: Ist Mitte schon tot?

Patrick Suel:  Vor einem Jahr hatten wir einen kleinen Zusammenstoß mit einem Architekten, der gleich nebenan eine große Eröffnung feierte, Arte war auch da, es gab Champagner und viel Krach und wir hatten gerade eine Lesung mit Alban Lefranc, der ein Buch über Fassbinder geschrieben hat. Der Architekt kam hier rein, sagte, hey man, natürlich auf Englisch, der wollte ja cool sein, und fragte mich, ob das Okay sei, dass sie jetzt etwas laut wären. Ich sagte, nein, das ist nicht Okay. Ich bin nicht gegen die Zukunft, aber man sollte sich respektieren.

Und auch die Kohärenz wahren in dem Viertel, in dem man lebt. Alle Viertel haben eine Geschichte. In diesem hier gab es mal das Künstlerhaus Tacheles gleich um die Ecke, das wurde am 4. September 2012 geschlossen. Am gleichen Tag haben sie auch die Bäume nebenan im Garten abgesägt. Dort hatten wir einmal einen Buchgarten organisiert mit dem Künstlerkolletiv „Le Balto“. Da kommen jetzt auch Luxuswohnungen hin. Irgendwann kam auch jemand von einer Bürgerinitiative gegen diese Wohnungen und fragte, ob wir mitmachen wollen. Ich wollte das aber nicht. Da waren die auf einmal auch gegen uns, wir waren auf einmal auch zu Gentrifizierern geworden. Aber so ist es vielleicht ‑ wir sind immer Gentrifizierer in den Augen von irgendjemandem.

globe-M: Aber was bleibt lebendig in Mitte?

Patrick Suel:  Es gibt hier ein paar Orte, das Zosch, das Alte Europa, Clärchens Ballhaus, alles naturgewachsene Orte. "Zadig" wird nie eine elitäre Buchhandlung sein, weil unser Modell Berlin ist, das ist auch keine elitäre Stadt, nicht mal die Bourgeoisie ist wirklich arrogant und die einfachen Leute sehr nett, jedenfalls zu uns.

globe-M: Hast du ein paar Buchtipps für uns?

Patrick Suel:  Ich empfehle "La vérité sur l'affaire Harry Québert" von Joel Dicker, "Zerbrochenes Glas" von Alain Mabanckou und "L'ordre règne à Berlin" von Francesco Masci. Kann man alle bei uns kaufen.

globe-M: Patrick Suel, vielen Dank für das Gespräch.

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Buchhandlung Zadig

 

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