Von der Bedeutung der Kunst

Julia Sinkevych. Foto: privat

Seit mehreren Monaten beherrschen beunruhigende Nachrichten aus der Ukraine die Medien. Der großen Bedeutung der Kultur gerade in den schwierigen Zeiten bewusst, kämpfen die Macher der Internationalen Filmfestspiele Odessa (OIFF) um das Bestehen ihres einmaligen Publikumsfestivals und setzen dabei auf Crowdfounding. globe-M fragte die Festivaldirektorin Julia Sinkevych nach der Resonanz der internationalen Filmszene, auch der aus Russland.

 

globe-M: Vor kurzem baten Sie die Öffentlichkeit, die Internationalen Filmfestspiele Odessa mittels Crowdfounding zu unterstützen. Was war der Grund für diesen Aufruf?

Julia Sinkevych: Die ukrainische Wirtschaft steckt in einer tiefen Krise, die neue Regierung veranlasste daher eine Kürzung der Staatsausgaben. Die harten Maßnahmen trafen auch das OIFF, das in diesem Jahr nicht mehr aus öffentlichen Mitteln unterstützt wird. Wegen der aktuellen schwierigen Lage mussten auch die meisten privaten Sponsoren ihre Beteiligung reduzieren. Aus diesem Grund beschloss unser Team, das Crowdfounding auszuprobieren und die notwendigen Mitteln selbständig zu beschaffen.

globe-M: Ich war etwas überrascht, keine Meldung darüber in russischer Sprache zu finden.

Julia Sinkevych: Das stimmt nicht ganz, es gibt nicht viele Meldungen, aber es gibt welche. Als wir unser Crowdfounding-Projekt starteten, richteten wir uns vor allem an die internationalen Filmschaffenden. Unser Ziel bestand darin, die richtigen Informationen an die Filmindustrie und Cineasten außerhalb der Ukraine heranzutragen, sie um Unterstützung zu bitten und ihnen zu erklären, wie genau ihre Hilfe aussehen kann. Logischerweise findet die gesamte Kommunikation auf Englisch statt. Ukrainer und alle, die in das Geschehen involviert waren, wissen ohnehin Bescheid und unterstützen uns auf jede erdenkliche Art und Weise.

globe-M: Wie würden Sie die aktuelle Lage für die Kultur angesichts politischer Umwälzungen der jüngsten Zeit einschätzen?

Julia Sinkevych: Kultur ist der sensibelste Bereich des öffentlichen Lebens, wie ein Lackmuspapier reagiert sie sofort auf alle sozialen Veränderungen. Nach einem sehr harten Winter ist der ukrainische Frühling durch zahlreiche neu entstandene Kulturprojekte – von kostenlosen Vortragsreihen zu verschiedenen Themen bis hin zu den neuen Festivals – geprägt. Es gibt zweifelsohne einen großen Bedarf an solchen Projekten: Die Menschen brauchen sie, um das Geschehene durch das Prisma der Kunst zu überdenken. Das Land erlebt eine Renaissance, da ist die geistige Nahrung nötiger denn je.

Gleichzeitig ist die Kultur in der Ukraine der am meisten gefährdete Bereich, der den Beschneidungen des Staatsetats zuerst zum Opfer fiel. Aus diesem Grund ist die Durchführung internationaler Großprojekte wie etwa der Filmfestspiele Odessa gefährdet. Wir sind nicht die Einzigen, die an Crowdfounding dachten, viele unserer Kollegen sind den gleichen Weg gegangen.

globe-M: Durch Crowdfounding hoffen Sie, 25 Tausend US Dollar zu sammeln. Im Kontext eines internationalen Festivals klingt diese Summe eher als bescheiden. Warum ist die Summe so klein, was genau fehlt Ihnen?

Julia Sinkevych: Das war das erste Mal, dass wir das Crowdfounding anwenden wollten. Deswegen beschlossen wir, klein anzufangen und realistische Ziele zu setzen. Ein Vorteil der Plattform Indiegogo besteht unter anderem darin, dass wir in der Lage sein werden, das Geld zu nutzen, unabhängig davon, wie hoch der gesammelte Betrag letztendlich ausfällt. Das Geld benötigen wir vor allem dafür, um das Programmniveau zu halten und den nationalen Wettbewerb durchführen zu können. Es geht um technische Ausstattung, Unterkunft für die Teilnehmer, Spielstätten und viele Kleinigkeiten, die für die Besucher unsichtbar sind, aber trotzdem nicht umsonst zu haben sind.

globe-M: Was passiert, wenn es Ihnen nicht gelingt, die notwendigen Mittel zu beschaffen?

Julia Sinkevych: Die Kampagne wurde vor einer Woche gestartet, innerhalb dieser kurzen Zeit kamen bereits 3355 Dollar zusammen. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, können wir auf ein gutes Resultat hoffen. Wir glauben an unser Projekt und an die Menschen, denen nicht alles egal ist.

globe-M: Bekommt das Festival auch internationale Unterstützung? Wie sieht es mit der Solidarität russischer Kollegen aus?

Julia Sinkevych: Anfang März begannen wir, unsere Festivalgäste um Videobotschaften gegen den Krieg zu bitten. Es kamen viele positive Reaktionen und zahlreiche Videos, einschließlich von unseren russischen Kollegen. Schon Mitte März veröffentlichte das Internationale Filmfestival Warschau einen offenen Brief zur Unterstützung der Festivalbewegung in der Ukraine, der von mehr als 120 internationalen Filmfestivals, darunter Cannes, Berlin und Venedig, unterzeichnet wurde.

Mit russischen Filmemachern sieht es unterschiedlich aus. Wir sind all denen sehr dankbar, die nicht zögerten, uns zu unterstützen. Wir bewundern den Mut solcher Menschen wie des russischen Produzenten Evgeniy Gindilis, der seine Teilnahme an einer Anti-Kriegs-Kundgebung am Manege-Platz in Moskau mit einer Verhaftung bezahlen musste.

globe-M: Das Odessa Filmfestival ist eines der größten Publikumsfestivals in Osteuropa. Befürchten Sie nicht, dass die politische Situation im Lande sich negativ auf die Zahl der Zuschauer und Teilnehmer auswirken wird?

Julia Sinkevych: Natürlich ist es schwierig, eine Vorhersage zu machen, aber wir glauben fest an einen guten Ausgang. Wir können aber jetzt schon sagen, dass man wirklich keine Angst vor einer Reise nach Odessa haben muss. In den vier Jahren seit der Festivalgründung hat sich um uns herum ein großer Kreis treuer Zuschauer gebildet, die sich stets für die Festivalbelange interessieren und es für den Sommer bereits eingeplant haben. OIFF ist ein Publikumsfestival, und wir rechnen fest mit unserem Publikum, das das Festival jetzt ganz besonders dringend braucht.

globe-M: Viel Erfolg für das Crowdfounding und das Festival. Vielen Dank für das Gespräch.

 

Weitere Informationen
Internationale Filmfestspiele Odessa finden vom 11.–19. Juli 2014 statt.
Man kann das Festival auf der Crowdfounding-Plattform Indiegogo unterstützen. Alle Unterstützer bekommen charmante Souvenirs und einen großen Dank von ukrainischen Filmemachern. 

 

Expertenstimmen Archiv

DatumSortiericonTitel
29.Sep.2014Selbstauswertung bis hin zum Ernstfall
25.Sep.2014Positionen zur Positions
25.Sep.2014"Der Berliner Mythos allein zieht nicht mehr"
24.Sep.2014Neue Positionen beziehen
21.Sep.2014Tanzskulpturen
09.Sep.2014Erst Marathon, dann Freakshow
06.Sep.2014Choreographie der Schwerelosigkeit
06.Sep.2014Das Dunkle in uns
06.Sep.2014„Manchmal ist das Narrativ fast tyrannisch“
04.Sep.2014„Wir schulden den Bayaka unseren Film“
31.Aug.2014Katharsis durch Reizüberflutung
20.Aug.2014„Georgien ist näher am Leben.“
16.Aug.2014Nicht nur in Stein gemeißelt
14.Aug.2014Keine Kategorien bitte
11.Aug.2014Von Moskau nach Berlin und zurück
10.Aug.2014Virtuelle Bilderwelten
06.Aug.2014Phönix aus der Asche
06.Aug.2014Landschaftsfantasien
30.Jul.2014„Als würde man in ein fremdes Land reisen“
28.Jul.2014Cindy Sherman im MoMA
28.Jul.2014Courage heißt schon, als Künstler zu leben
22.Jul.2014Angela Merkels „Hoffotograf“
19.Jul.2014Schlüsselmomente mit Mitmachfaktor
10.Jul.2014Nächtliche Youtube-Fantasien
05.Jul.2014Zwischen Technik und Poesie
05.Jul.2014„Die Wirklichkeit ist noch wesentlich heftiger“
30.Jun.2014„Universelle Erfahrung ohne Sprachbarrieren“
30.Jun.2014„Erich Kästner war damals schon altmodisch“
22.Jun.2014„Man müsste aus dem modernen Leben aussteigen“
16.Jun.2014Das Gedicht bestimmt die Farbe des Konzerts
13.Jun.2014Von der Bedeutung der Kunst
09.Jun.2014„RLF ist reflexiv und nicht positivistisch“
08.Jun.2014Ganz groß mit Hut
07.Jun.2014Du bist überall auf der Erde
06.Jun.2014Mikroben als Kunststars
30.Mai.2014„Ich nehme elektromagnetische Wellen wahr“
27.Mai.2014Von der Eisprinzessin zur Stilkönigin
21.Mai.2014Gestalten und Beobachten
21.Mai.2014Nordisches Speed-Dating in Berlin
19.Mai.2014Im Ravekostüm mit 50?
18.Mai.2014„Wir lieben das Risiko, zu scheitern“
13.Mai.2014Farben des Nordens
12.Mai.2014„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“
12.Mai.2014 David Hasselhoff singt für globe-M
11.Mai.2014Von Hackern und Hippies lernen
11.Mai.2014TV-Million durch Cannabiskampagne
29.Apr.2014 Sorgen um ein zerrüttetes Land
23.Apr.2014 Lust auf Neues
21.Apr.2014„Ich kann auch gerne mal läpsch sein“
20.Apr.2014 Der richtige Ton
17.Apr.2014 Auf der Suche nach Herausforderungen
13.Apr.2014Ich kann mir den Film in Farbe nicht vorstellen
12.Apr.2014Mich interessiert mehr der Blick daneben
06.Apr.2014Klavierspiel mit Freude
05.Apr.2014„Die Fragen werden bleiben“
02.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
01.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
24.Mär.2014„Hat man Eier, oder hat man keine?“
20.Mär.2014„Wir sind alle aus Spirit gemacht“
17.Mär.2014Beim Jazz muss man sich entblößen
07.Mär.2014Berlin hat die Kunst in mir hervorgebracht
06.Mär.2014„Für mich ist die Wahl eines Films persönlich“
04.Mär.2014Den französischen Schubladen entkommen
02.Mär.2014Close Up! als Kontakt zur Bodenstation
25.Feb.2014Beethoven plus Hindemith
14.Feb.2014Monatliche Wundertüte
10.Feb.2014Storytelling wie vor 50 000 Jahren
10.Feb.2014„Ich sehe über 600 Filme im Jahr“
03.Feb.2014Neue Räume schaffen
02.Feb.2014MY MISERY IS FOR YOUR ENTERTAINMENT
29.Jan.2014Berlin jazzt
20.Jan.2014„Inspiration ist wie Bauchschmerzen“
19.Jan.2014„Verbrechen sind keine Frage der Intelligenz“
16.Jan.2014„Ein lustiges Land mit einer seltsamen Kultur“
13.Jan.2014Die Farbe des Chansons
10.Jan.2014Leben als Kunstform
09.Jan.2014Die künstlerische Internationale
30.Dez.2013Musik für Erfahrene
22.Dez.2013Man ist so jung...
17.Dez.2013Das Zielgerichtete überwinden
11.Dez.2013Ökonomie des Schenkens
08.Dez.2013Die schöpferische Welt verstehen
07.Dez.2013 Faszination Kunstmarkt
06.Dez.2013Was ist Humor?
25.Nov.2013Streichquartett des Nonplusultra
24.Nov.2013Im Dunkel – da findest du was
21.Nov.2013 Symphonie einer großen Welt
21.Nov.2013„Es war filmmäßig“
11.Nov.2013 Splitter einer Ära
08.Nov.2013 Ein Geschenk aus Liebe
07.Nov.2013„Die Mentalität muss sich ändern“
04.Nov.2013 Uns interessiert, was wir nicht kennen
31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
22.Okt.2013Schöne Wetteraussichten
20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
18.Okt.2013Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive
11.Okt.2013Intellektueller Pop
10.Okt.2013Ein Tausendsassa lernt nie aus
08.Okt.2013 Die Grenzgängerin
05.Okt.2013Nackte Seele
23.Sep.2013Städteplanung nach Darwin
16.Sep.2013Malen ist meine Meditation
15.Sep.2013Talentfinder
14.Sep.2013Hauptstadt des Tangos
14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
03.Sep.2013 Herausfordernde Lebendigkeit
27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
26.Aug.2013Autobiographische Metaebene
24.Aug.2013Die Welt will, dass man erwachsen wird
20.Aug.2013Neue Töne aus der Uckermark
15.Aug.2013 Ein Traum fürs Leben
15.Aug.2013Der Blick zurück nach vorne
11.Aug.2013Kunst ohne Imagepflege
05.Aug.2013 Lalys Lalylalas
02.Aug.2013 Illusion im Dienste der Wahrheit
30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
26.Jul.2013Nobelpenner mit Plattenvertrag
25.Jul.2013Jedermann - Ein Modezar im Zelt
19.Jul.2013Lodernde Leidenschaften
18.Jul.2013Mörderische Nische
05.Jul.2013Soziale Kreativität
04.Jul.2013Prada trifft auf Wes Anderson
01.Jul.2013„Der echte Heimatfilm ist tot“
27.Jun.2013Wir wollen mehr als nur Events
27.Jun.2013Für Chile arbeiten
21.Jun.20132500 Quadratmeter Glitzerwelt
11.Jun.2013„Im Alter möchte ich Udo Jürgens sein“
07.Jun.2013„Fresse halten, Bass spielen“
29.Mai.2013Erfrischend mutig - Rosalie Thomass
23.Mai.2013Imogen Kusch ‑ ein "24-Hour-Artist"
20.Mai.2013Visuelle Themenwelten
18.Mai.2013Himmel und Wasser
18.Mai.2013Bösewicht mit großem Herz
16.Mai.2013Musterhaft
10.Mai.2013Berlin Transit
10.Mai.2013„Theater ist für mich der Ur-Moment“
09.Mai.2013Für Recht und Gerechtigkeit
09.Mai.2013Kunst und Kommunikation
08.Mai.2013Mehr als kleine Strichmännchen
08.Mai.2013Schauen und Staunen
08.Mai.2013Designzauber aus dem Norden
08.Mai.2013Näkemiin Suomi!
08.Mai.2013Lebendige Folien - Media Art von Saana Inari
08.Mai.2013Szenetreff versus Beschaulichkeit
08.Mai.2013Jung und echt unter deutscher Flagge
08.Mai.2013Der Malteser Schatz
08.Mai.201340 Jahre „Schwarzer September“
08.Mai.2013Glamour auf rotem Teppich
08.Mai.2013Produktion und Verwertung
08.Mai.2013Bilderkrieg
08.Mai.2013Das menschliche Maß
08.Mai.2013Ein scheinbar unmögliches Projekt
08.Mai.2013Blindes Verständnis
08.Mai.2013Tanz, Musik, Film und Text

Warning: Duplicate entry '58254862' for key 'PRIMARY' query: INSERT INTO globem_watchdog (uid, type, message, severity, link, location, referer, hostname, timestamp) VALUES (0, 'php', '<em>Duplicate entry &amp;#039;15519857&amp;#039; for key &amp;#039;PRIMARY&amp;#039;\nquery: INSERT INTO globem_accesslog (title, path, url, hostname, uid, sid, timer, timestamp) values(&amp;#039;Von der Bedeutung der Kunst&amp;#039;, &amp;#039;node/17858&amp;#039;, &amp;#039;&amp;#039;, &amp;#039;54.158.21.160&amp;#039;, 0, &amp;#039;a82edc39c5719ee35583abb46cc0a777&amp;#039;, 732, 1506254344)</em> in <em>/kunden/210808_12165/webseiten/globem/includes/database.mysql.inc</em> in Zeile <em>174</em>.', 2, '', 'http://alt.globe-m.de/de/experts/von-der-bedeutung-der-kunst', '', '54.158.21.160', 1506254344) in /kunden/210808_12165/webseiten/globem/includes/database.mysql.inc on line 174