Von Hackern und Hippies lernen

© Nir Arieli

Alexa Clay plädiert auf der Webkonferenz re:publica für digitale Selbstrefexion. In einer Welt, in der die Maschine wichtiger als der Mensch zu sein scheint, tritt sie einen Schritt zurück. Die New Yorkerin verkleidete sich als Amish-Futuristin und beleuchtete technologische Beziehungen neu. Außerdem schrieb sie mit „The Misfit Economy“ ein Buch über Außenseiter und erklärt darin, was die Mafia und McDonalds gemeinsam haben. 

globe-M: Warum starteten Sie das Amish-Futuristenprojekt und was ist das genau?

Alexa Clay: Ich startete das Amish-Futuristen-Projekt in Berlin. Ich ging zu vielen Start-Up-Konferenzen, aber ich fühlte, dass Gesprächsbedarf besteht, um über Moral und den Einfluss von Technik zu sprechen. Währenddessen ging ich viel auf Parties, verkleidete mich und spielte mit meiner eigenen Vorstellung von Identität. So wurde die Figur geboren. Die Performance als Amish-Futuristin erlaubt mir, in eine andere Identität zu schlüpfen – es erlaubt mir, eine moralische Konversation in die Technik-Szene einzubringen, ohne mich rechtfertigen zu müssen. Und es macht viel Spaß. Grundsätzlich tue ich so, als ob ich eine Amish wäre und interviewe Menschen über ihre Erfahrungen mit Technologie. Ich trage eine Haube und ein Amish-Baumwollkleid, agiere ein bisschen orientierungslos und gehe mit der modernen Welt ins Gericht. Es ist grundsätzlich ein Performance-Projekt, das eine stärkere Selbstdarstellung und einen Dialog rund um Technik erlaubt. 

globe-M: Was ist der Vorteil daran, eine Amish-Futuristin zu sein?

Alexa Clay: Als Amish-Futuristin kann ich kritischere Fragen über Technologien stellen – über die Wirkung, die diese auf unser Leben haben. Es verleiht Dir die Freiheit, in eine Rolle zu schlüpfen, die moralisch, ehrlich und naiv ist. Ich stelle all diesen Technikunternehmen bohrende Fragen und stelle das, was sie machen, in einen größeren Zusammenhang. Das gibt Menschen die Chance, über ihre Techik- und Existenzängste zu reden.

globe-M: Was ist die Kraft der Buttermilch?

Alexa Clay: Die Kraft der Tradition. Buttermilch ist gut, so wie sie ist. Man muss sie nicht weiterentwickeln – eine Metapher dafür, dass einige Dinge gut sind und nicht weiterentwickelt werden müssen, dass einige Traditionen es wert sind, sie zu bewahren. 

globe-M: Ist es einfacher, sich den Menschen zu nähern, wenn man Außenseiter ist?

Alexa Clay: Klar. Wenn Du ein Kostüm trägst oder eine Rolle spielst, dann bist Du nicht auf die gleiche Art und Weise verantwortlich. Du machst Dir weniger Gedanken darüber, ob Dich Menschen mögen und sagst einfach, was Du fühlst und fragst, was Du willst. Es ist direkter. 

globe-M: Letztlich handelt Dein Buch davon, was wir von Piraten, Gangs, Hackern und Hippies lernen können. Was könnte das sein? 

Alexa Clay: Es gibt viele verschiedene Fähigkeiten, die wir von Außenseitern lernen können. Zu oft verurteilen wir Gangster als „böse“ oder „schwere Jungs“, aber sie haben enorme Führungsqualitäten, Unternehmergeist und Erfahrung, welche Geschäftsmodelle funktionieren. Piraten entwickelten Verhaltenskodexe an Bord ihrer Schiffe und demokratische Regierungsformen. Mein Buch „The Misfit Economy“ zeigt, wie Underground-Innovatoren  und Menschen am Rande der Gesellschaft Innovationen den Weg bereiten. Dieses Buch zeigt einen Einfallsreichtum, wo wir ihn normalerweise nicht vermuten würden. Zum Beispiel wurde das Video-Streaming in der Pornoindustrie perfektioniert, bevor es andere Branchen übernahmen und die Mafia verwendete Franchise-Modelle lange vor McDonalds. 

globe-M: Sind Außenseiter die besseren Unternehmer? 

Alexa Clay: Ihre Unternehmen sind nicht besser – mexikanische Drogenkartelle und somalische Piraten richten natürlich viel Schaden an. Aber es geht darum, dass Außenseiter als Innovatoren interessante Taktiken anwenden, von denen wir lernen können. Unsere alten Institutionen sterben, aber die Improvisation, Betriebsamkeit und Experimentierfreudigkeit von Außenseitern zeigen neue Möglichkeiten, um neue Wirtschaftsformen zu etablieren. 

globe-M: Was haben sie gemeinsam? 

Alexa Clay: Sie alle sind Außenstehende. Außenseiter verändern unser System – einige von Außen, einige von Innen. Sie vertreten das „cultural hacking“, das heißt sie brechen etablierte  Verhaltensmuster auf. Sie hinterfragen Mythen, die die Mehrheitsgesellschaft für wahr erachtet, und suchen nach Alternativen. 

globe-M: Wir können nicht vor dem technologischen Fortschritt fliehen. Wie können wir damit umgehen? 

Alexa Clay: Wir können besser mit unserem Technik-Konsum umgehen. Genauso wie Menschen ihre Ernährung und Gesundheit regeln, können wir Möglichkeiten finden, Technologien so zu verwenden, dass sie unser Leben nicht dominieren. 

globe-M: Wie sieht Ihre technologische Zukunft aus? 

Alexa Clay: Ich denke an eine technologische Landschaft, in der die Tools, die wir schaffen, unsere Menschlichkeit stärken. Im Moment ist viel Technologie realitätsfern – wir verschwenden Zeit auf Facebook oder damit, Videospiele zu spielen – das entfremdet uns der Welt. Ich will ein größeres Gleichwicht bei der Verwendung von Technologie, und Tools kreieren, die uns Freude, glückliche Zufälle und die Magie des Lebens erfahren lassen. Technologie, die unsere Menschlichkeit an- und nicht ausschaltet. 

 

Weitere Informationen

Alexa Clay spricht am 8. Mai 2014 von 17:30-18:30 Uhr auf der Berliner Webkonferenz re:publica 14 zum Thema „The Amish Futurist and the power of buttermilk“


Über die re:publica (siehe Veranstalterwebsite):

Seit ihrer Gründung 2007 hat sich die re:publica von einem Treffen deutscher Bloggerinnen und Blogger zu einem der weltweit wichtigsten Festivals der digitalen Gesellschaft entwickelt, zu dessen achter Ausgabe 2014 mehr als 5000 Gäste erwartet werden.

Weitere Interviews zur re:publica:

David Hasselhoff - singt für globe-M, Jean Peters - Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen, Georg Wurth - TV-Million durch Cannabiskampagne

Nachbericht re:publica
 

Expertenstimmen Archiv

DatumSortiericonTitel
29.Sep.2014Selbstauswertung bis hin zum Ernstfall
25.Sep.2014Positionen zur Positions
25.Sep.2014"Der Berliner Mythos allein zieht nicht mehr"
24.Sep.2014Neue Positionen beziehen
21.Sep.2014Tanzskulpturen
09.Sep.2014Erst Marathon, dann Freakshow
06.Sep.2014Choreographie der Schwerelosigkeit
06.Sep.2014Das Dunkle in uns
06.Sep.2014„Manchmal ist das Narrativ fast tyrannisch“
04.Sep.2014„Wir schulden den Bayaka unseren Film“
31.Aug.2014Katharsis durch Reizüberflutung
20.Aug.2014„Georgien ist näher am Leben.“
16.Aug.2014Nicht nur in Stein gemeißelt
14.Aug.2014Keine Kategorien bitte
11.Aug.2014Von Moskau nach Berlin und zurück
10.Aug.2014Virtuelle Bilderwelten
06.Aug.2014Phönix aus der Asche
06.Aug.2014Landschaftsfantasien
30.Jul.2014„Als würde man in ein fremdes Land reisen“
28.Jul.2014Cindy Sherman im MoMA
28.Jul.2014Courage heißt schon, als Künstler zu leben
22.Jul.2014Angela Merkels „Hoffotograf“
19.Jul.2014Schlüsselmomente mit Mitmachfaktor
10.Jul.2014Nächtliche Youtube-Fantasien
05.Jul.2014Zwischen Technik und Poesie
05.Jul.2014„Die Wirklichkeit ist noch wesentlich heftiger“
30.Jun.2014„Universelle Erfahrung ohne Sprachbarrieren“
30.Jun.2014„Erich Kästner war damals schon altmodisch“
22.Jun.2014„Man müsste aus dem modernen Leben aussteigen“
16.Jun.2014Das Gedicht bestimmt die Farbe des Konzerts
13.Jun.2014Von der Bedeutung der Kunst
09.Jun.2014„RLF ist reflexiv und nicht positivistisch“
08.Jun.2014Ganz groß mit Hut
07.Jun.2014Du bist überall auf der Erde
06.Jun.2014Mikroben als Kunststars
30.Mai.2014„Ich nehme elektromagnetische Wellen wahr“
27.Mai.2014Von der Eisprinzessin zur Stilkönigin
21.Mai.2014Gestalten und Beobachten
21.Mai.2014Nordisches Speed-Dating in Berlin
19.Mai.2014Im Ravekostüm mit 50?
18.Mai.2014„Wir lieben das Risiko, zu scheitern“
13.Mai.2014Farben des Nordens
12.Mai.2014„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“
12.Mai.2014 David Hasselhoff singt für globe-M
11.Mai.2014Von Hackern und Hippies lernen
11.Mai.2014TV-Million durch Cannabiskampagne
29.Apr.2014 Sorgen um ein zerrüttetes Land
23.Apr.2014 Lust auf Neues
21.Apr.2014„Ich kann auch gerne mal läpsch sein“
20.Apr.2014 Der richtige Ton
17.Apr.2014 Auf der Suche nach Herausforderungen
13.Apr.2014Ich kann mir den Film in Farbe nicht vorstellen
12.Apr.2014Mich interessiert mehr der Blick daneben
06.Apr.2014Klavierspiel mit Freude
05.Apr.2014„Die Fragen werden bleiben“
02.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
01.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
24.Mär.2014„Hat man Eier, oder hat man keine?“
20.Mär.2014„Wir sind alle aus Spirit gemacht“
17.Mär.2014Beim Jazz muss man sich entblößen
07.Mär.2014Berlin hat die Kunst in mir hervorgebracht
06.Mär.2014„Für mich ist die Wahl eines Films persönlich“
04.Mär.2014Den französischen Schubladen entkommen
02.Mär.2014Close Up! als Kontakt zur Bodenstation
25.Feb.2014Beethoven plus Hindemith
14.Feb.2014Monatliche Wundertüte
10.Feb.2014Storytelling wie vor 50 000 Jahren
10.Feb.2014„Ich sehe über 600 Filme im Jahr“
03.Feb.2014Neue Räume schaffen
02.Feb.2014MY MISERY IS FOR YOUR ENTERTAINMENT
29.Jan.2014Berlin jazzt
20.Jan.2014„Inspiration ist wie Bauchschmerzen“
19.Jan.2014„Verbrechen sind keine Frage der Intelligenz“
16.Jan.2014„Ein lustiges Land mit einer seltsamen Kultur“
13.Jan.2014Die Farbe des Chansons
10.Jan.2014Leben als Kunstform
09.Jan.2014Die künstlerische Internationale
30.Dez.2013Musik für Erfahrene
22.Dez.2013Man ist so jung...
17.Dez.2013Das Zielgerichtete überwinden
11.Dez.2013Ökonomie des Schenkens
08.Dez.2013Die schöpferische Welt verstehen
07.Dez.2013 Faszination Kunstmarkt
06.Dez.2013Was ist Humor?
25.Nov.2013Streichquartett des Nonplusultra
24.Nov.2013Im Dunkel – da findest du was
21.Nov.2013 Symphonie einer großen Welt
21.Nov.2013„Es war filmmäßig“
11.Nov.2013 Splitter einer Ära
08.Nov.2013 Ein Geschenk aus Liebe
07.Nov.2013„Die Mentalität muss sich ändern“
04.Nov.2013 Uns interessiert, was wir nicht kennen
31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
22.Okt.2013Schöne Wetteraussichten
20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
18.Okt.2013Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive
11.Okt.2013Intellektueller Pop
10.Okt.2013Ein Tausendsassa lernt nie aus
08.Okt.2013 Die Grenzgängerin
05.Okt.2013Nackte Seele
23.Sep.2013Städteplanung nach Darwin
16.Sep.2013Malen ist meine Meditation
15.Sep.2013Talentfinder
14.Sep.2013Hauptstadt des Tangos
14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
03.Sep.2013 Herausfordernde Lebendigkeit
27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
26.Aug.2013Autobiographische Metaebene
24.Aug.2013Die Welt will, dass man erwachsen wird
20.Aug.2013Neue Töne aus der Uckermark
15.Aug.2013 Ein Traum fürs Leben
15.Aug.2013Der Blick zurück nach vorne
11.Aug.2013Kunst ohne Imagepflege
05.Aug.2013 Lalys Lalylalas
02.Aug.2013 Illusion im Dienste der Wahrheit
30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
26.Jul.2013Nobelpenner mit Plattenvertrag
25.Jul.2013Jedermann - Ein Modezar im Zelt
19.Jul.2013Lodernde Leidenschaften
18.Jul.2013Mörderische Nische
05.Jul.2013Soziale Kreativität
04.Jul.2013Prada trifft auf Wes Anderson
01.Jul.2013„Der echte Heimatfilm ist tot“
27.Jun.2013Wir wollen mehr als nur Events
27.Jun.2013Für Chile arbeiten
21.Jun.20132500 Quadratmeter Glitzerwelt
11.Jun.2013„Im Alter möchte ich Udo Jürgens sein“
07.Jun.2013„Fresse halten, Bass spielen“
29.Mai.2013Erfrischend mutig - Rosalie Thomass
23.Mai.2013Imogen Kusch ‑ ein "24-Hour-Artist"
20.Mai.2013Visuelle Themenwelten
18.Mai.2013Himmel und Wasser
18.Mai.2013Bösewicht mit großem Herz
16.Mai.2013Musterhaft
10.Mai.2013Berlin Transit
10.Mai.2013„Theater ist für mich der Ur-Moment“
09.Mai.2013Für Recht und Gerechtigkeit
09.Mai.2013Kunst und Kommunikation
08.Mai.2013Mehr als kleine Strichmännchen
08.Mai.2013Schauen und Staunen
08.Mai.2013Designzauber aus dem Norden
08.Mai.2013Näkemiin Suomi!
08.Mai.2013Lebendige Folien - Media Art von Saana Inari
08.Mai.2013Szenetreff versus Beschaulichkeit
08.Mai.2013Jung und echt unter deutscher Flagge
08.Mai.2013Der Malteser Schatz
08.Mai.201340 Jahre „Schwarzer September“
08.Mai.2013Glamour auf rotem Teppich
08.Mai.2013Produktion und Verwertung
08.Mai.2013Bilderkrieg
08.Mai.2013Das menschliche Maß
08.Mai.2013Ein scheinbar unmögliches Projekt
08.Mai.2013Blindes Verständnis
08.Mai.2013Tanz, Musik, Film und Text

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