Von Moskau nach Berlin und zurück

Nina Rogozina© Alexander Kamochkin

Nina Rogozina erfindet sich immer wieder neu. Ständig erkundet sie künstlerisches Neuland. Angefangen hat sie mit Architektur. Da ihr die Konstruktion von Plattenbauten schnell zu langweilig wurde, hat sie sich auch als bildende Künstlerin etabliert. Wie sie von Moskau nach Berlin kam, warum sie wieder nach Moskau zurückging und welche Projekte sie nun verfolgt, erzählt sie globe-M.

globe-M: Mit welchen Themen setzen Sie sich künstlerisch auseinander?

Nina Rogozina: Es ist zum einen die Analyse sämtlicher Phänomene meiner Umwelt, zum anderen mein Interesse an der Natur. Es geht um meine Eindrücke. Das Hauptthema meiner Kunst bin immer ich selbst. Ich male und zeichne seit meiner Kindheit.

globe-M: Sie machen viele Collagen. Wie ist es dazu gekommen?

Nina Rogozina: Die Collagen sind vor allem eine Arbeit mit vielen verschiedenen Materialien. Man kann sie als Skizzen verstehen, oft entstehen aus ihnen die ersten Ideen für ein größeres Werk.

globe-M: Sie haben am Moskauer Architektur-Institut studiert. Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Nina Rogozina: Ja, ich bin auch Architektin. Ich bin in der Zeit der Perestroika nach Berlin gekommen, als ich vom Museum am Checkpoint Charlie eingeladen wurde. Ich habe dort regelmäßig an der Weihnachtsversteigerung teilgenommen, die von Reiner Hildebrandt organisiert wurde. Auf Anfrage des Galeristen Natan Fedorovski habe ich auch eine Textilcollage entworfen. Es war eine sehr interessante Zeit, in der wir Künstler aus dem revolutionären Moskau in das „bourgeoise“ Berlin gekommen sind. Ich habe in Berlin und Deutschland viele meiner Arbeiten verkauft. So habe ich für ein Hotel auf der Insel Rügen und ein renommiertes Altersheim mehrere Textilcollagen angefertigt und auch für viele private Kunden gearbeitet. Ich war auch in der Ausstellung „Moskau - New York“ in Berlin vertreten, auf der ein Bild von mir von Rosenthal Berlin gekauft wurde.

globe-M: Warum sind Sie nach Moskau zurückgekehrt?

Nina Rogozina: Ich habe einige für mich interessante Aufträge bekommen. Zum Beispiel sollte ich ein dreistöckiges Privathaus von 700 Quadratmetern mit Swimmingpool, Sauna, einem Hamam und einer Dachterrasse entwerfen.

globe-M: Und wie sind Sie von der Architektur zur Malerei gekommen?

Nina Rogozina: Die Frage hört sich wie ein Widerspruch an. Das ist aber gar nicht so ungewöhnlich. Im Gegenteil, viele Architekten haben auch gemalt oder gezeichnet, wie Le Corbusier, Gaudì, Liebeskind oder Hundertwasser. Ich finde, es ist auch ein Muss für einen Architekten, zu zeichnen und zu malen. Nur dadurch erreicht man in der Architektur Individualität und Emotionalität, und wir kreieren durch die Beschäftigung mit der Zeichnung und der Malerei nicht die gesichtslosеn Plattenbauten, sondern Lebensräume, wo die Persönlichkeit einen Wert darstellt.

globe-M: Sie haben in einem früheren Interview mit globe-M geäußert, dass Sie keine Plattenbauten konstruieren wollten. In Deutschland wird zur Zeit darüber nachgedacht, ob man Plattenbauten nicht unter Denkmalschutz stellen sollte. Was halten Sie davon?

Nina Rogozina: Die Idee selbst wurde ja schon von Le Corbusier und dem Bauhaus entwickelt. Stahlbetonbauten ergeben moderne Möglichkeiten in der Architektur: freie Raumplanung, viel Licht, mehr Grünflächen und grüne Dächer. Aber in der ehemaligen UdSSR und der DDR wurde diese Bauweise zur Massenproduktion. Dadurch entstanden geradezu hässliche Städte, und die Architekten, die sie „produzierten“, bekamen auch noch in der Breschnew- und in der Chruschtschow-Ära den Leninpreis. Architektur spiegelt immer die Zeit wieder, in der sie entsteht. Wenn man ein Museum des Totalitarismus errichten möchte, mag das vielleicht eine ganz gute Idee sein, an den Plattenbauten festzuhalten.

globe-M: Wie ist die Moskauer Kunstszene? Wie sind die Unterschiede zu Deutschland?

Nina Rogozina: Ich würde sagen, dass die Kunstszene in Deutschland viel interessanter ist als in Moskau. Es gibt hier so viele Ausstellungen und Museen, die einen Besuch Wert sind. In Moskau gibt es fast keinen Kunsthandel. Es gibt aber auch dort Leute, die sich entwickeln und die Geld in Kunst und Architektur investieren.

globe-M: Wo findet Ihre nächste Ausstellung statt?

Nina Rogozina: Ich plane eine Serie von Darstellungen verschwundener Synagogen Europas. Es war sogar schon im Gespräch, ob diese Serie dann als Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin gezeigt werden könnte.

globe-M: Sie realisieren auch Wandbilder für Inneneinrichtungen. Können Sie darüber etwas erzählen? Das ist ja noch einmal etwas ganz anderes…

Nina Rogozina: Das letzte Projekt war für ein japanisches Restaurant im renommierten Bezirk Schuwalowski in Moskau. Ich habe acht Bilder mit Porträts von Geishas entworfen. Es ist immer interessant, sich neuen Aufgaben zu stellen und sich professionell weiter zu entwickeln.

globe-M: Sie haben kürzlich auch ein Wandrelief basierend auf der Malerei von Gustav Klimt entwickelt. Was hat es damit auf sich?

Nina Rogozina: Vor ein paar Monaten habe ich dieses große Projekt in einem Stadthaus in Moskau, insgesamt über 25 Quadratmeter groß, beendet – ein Wandrelief aus Mosaiken und Malerei. Außerdem ist der Fussboden mit flüssigem Glas gefüllt. Das war eine neue Technik für mich. Es ist ein ganz bekanntes Motiv von Gustav Klimt. Es war wirklich eine sehr aufwendige Arbeit, aber diese Art der Kunst gefällt mir sehr. Die Arbeit daran hat fast ein Jahr gedauert, es war ein ganz neues Erlebnis.

globe-M: Welche Künstler sind Ihre Vorbilder?

Nina Rogozina: Für mich waren die Künstlerinnen Niki de Saint Phalle und Cindy Sherman große Vorbilder. Die jeweilige Auseinandersetzung mit ihrer Weiblichkeit und ihre innere Notwendigkeit, sich mit Kunst zu beschäftigen, fasziniert mich. Sonst bin ich ständig auf der Suche nach neuen Inspirationen, auch in der Literatur und im Kino.

globe-M: Welche Künstler mögen Sie persönlich in Berlin?

Nina Rogozina: Da wäre der Künstler Ólafur Elíasson zu nennen, dessen Tradition bis auf Werke der Renaissance zurückgeht, wie auf Leonardo da Vinci. Bei den Architekten würde ich Daniel Liebeskind oder Frank Gehry nennen, die auch in Berlin vertreten sind. Ich mag es sehr, dass in Berlin überall Kunst ist, ob im Café oder auf der Straße.

globe-M: Und welche Künstler begeistern Sie in Moskau?

Nina Rogozina: Natürlich Kandinsky, Malewitsch und die Kunst der Zwanzigerjahre in Moskau. Die Kunst ist noch sehr politisiert. Sie stellt oft immer noch eine Provokation dar. Und natürlich meine Freunde: Künstler und Architekten.

globe-M: Gibt es einen Ort, an dem Sie gerne ausstellen möchten?

Nina Rogozina: Es gibt sehr viele Orte und Pläne, wir werden sehen. New York und Dubai sind Orte, an denen ich gerne noch ausstellen würde.

globe-M: Vielen Dank für das Interview!

 

Weitere Informationen:

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Nina Rogozina lebt und arbeitet in Moskau. Sie ist studierte Architektin und hat auch an der Multimedia-Akademie in Berlin studiert. Künstlerisch arbeitet sie vor allem mit der Collagetechnik, kreiert aber auch Wandmalereien und –reliefs.

 

globe-M-Profil der Künstlerin

Homepage Nina Rogozina

globe-M-Interview "Die Erschaffung der Welt"

 

 

Expertenstimmen Archiv

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21.Sep.2014Tanzskulpturen
09.Sep.2014Erst Marathon, dann Freakshow
06.Sep.2014Choreographie der Schwerelosigkeit
06.Sep.2014Das Dunkle in uns
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16.Aug.2014Nicht nur in Stein gemeißelt
14.Aug.2014Keine Kategorien bitte
11.Aug.2014Von Moskau nach Berlin und zurück
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30.Jul.2014„Als würde man in ein fremdes Land reisen“
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16.Jun.2014Das Gedicht bestimmt die Farbe des Konzerts
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08.Jun.2014Ganz groß mit Hut
07.Jun.2014Du bist überall auf der Erde
06.Jun.2014Mikroben als Kunststars
30.Mai.2014„Ich nehme elektromagnetische Wellen wahr“
27.Mai.2014Von der Eisprinzessin zur Stilkönigin
21.Mai.2014Gestalten und Beobachten
21.Mai.2014Nordisches Speed-Dating in Berlin
19.Mai.2014Im Ravekostüm mit 50?
18.Mai.2014„Wir lieben das Risiko, zu scheitern“
13.Mai.2014Farben des Nordens
12.Mai.2014„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“
12.Mai.2014 David Hasselhoff singt für globe-M
11.Mai.2014Von Hackern und Hippies lernen
11.Mai.2014TV-Million durch Cannabiskampagne
29.Apr.2014 Sorgen um ein zerrüttetes Land
23.Apr.2014 Lust auf Neues
21.Apr.2014„Ich kann auch gerne mal läpsch sein“
20.Apr.2014 Der richtige Ton
17.Apr.2014 Auf der Suche nach Herausforderungen
13.Apr.2014Ich kann mir den Film in Farbe nicht vorstellen
12.Apr.2014Mich interessiert mehr der Blick daneben
06.Apr.2014Klavierspiel mit Freude
05.Apr.2014„Die Fragen werden bleiben“
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24.Mär.2014„Hat man Eier, oder hat man keine?“
20.Mär.2014„Wir sind alle aus Spirit gemacht“
17.Mär.2014Beim Jazz muss man sich entblößen
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04.Mär.2014Den französischen Schubladen entkommen
02.Mär.2014Close Up! als Kontakt zur Bodenstation
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14.Feb.2014Monatliche Wundertüte
10.Feb.2014Storytelling wie vor 50 000 Jahren
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02.Feb.2014MY MISERY IS FOR YOUR ENTERTAINMENT
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16.Jan.2014„Ein lustiges Land mit einer seltsamen Kultur“
13.Jan.2014Die Farbe des Chansons
10.Jan.2014Leben als Kunstform
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07.Dez.2013 Faszination Kunstmarkt
06.Dez.2013Was ist Humor?
25.Nov.2013Streichquartett des Nonplusultra
24.Nov.2013Im Dunkel – da findest du was
21.Nov.2013 Symphonie einer großen Welt
21.Nov.2013„Es war filmmäßig“
11.Nov.2013 Splitter einer Ära
08.Nov.2013 Ein Geschenk aus Liebe
07.Nov.2013„Die Mentalität muss sich ändern“
04.Nov.2013 Uns interessiert, was wir nicht kennen
31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
22.Okt.2013Schöne Wetteraussichten
20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
18.Okt.2013Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive
11.Okt.2013Intellektueller Pop
10.Okt.2013Ein Tausendsassa lernt nie aus
08.Okt.2013 Die Grenzgängerin
05.Okt.2013Nackte Seele
23.Sep.2013Städteplanung nach Darwin
16.Sep.2013Malen ist meine Meditation
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14.Sep.2013Hauptstadt des Tangos
14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
03.Sep.2013 Herausfordernde Lebendigkeit
27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
26.Aug.2013Autobiographische Metaebene
24.Aug.2013Die Welt will, dass man erwachsen wird
20.Aug.2013Neue Töne aus der Uckermark
15.Aug.2013 Ein Traum fürs Leben
15.Aug.2013Der Blick zurück nach vorne
11.Aug.2013Kunst ohne Imagepflege
05.Aug.2013 Lalys Lalylalas
02.Aug.2013 Illusion im Dienste der Wahrheit
30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
26.Jul.2013Nobelpenner mit Plattenvertrag
25.Jul.2013Jedermann - Ein Modezar im Zelt
19.Jul.2013Lodernde Leidenschaften
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27.Jun.2013Für Chile arbeiten
21.Jun.20132500 Quadratmeter Glitzerwelt
11.Jun.2013„Im Alter möchte ich Udo Jürgens sein“
07.Jun.2013„Fresse halten, Bass spielen“
29.Mai.2013Erfrischend mutig - Rosalie Thomass
23.Mai.2013Imogen Kusch ‑ ein "24-Hour-Artist"
20.Mai.2013Visuelle Themenwelten
18.Mai.2013Himmel und Wasser
18.Mai.2013Bösewicht mit großem Herz
16.Mai.2013Musterhaft
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10.Mai.2013„Theater ist für mich der Ur-Moment“
09.Mai.2013Für Recht und Gerechtigkeit
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08.Mai.2013Mehr als kleine Strichmännchen
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08.Mai.2013Designzauber aus dem Norden
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08.Mai.2013Lebendige Folien - Media Art von Saana Inari
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08.Mai.2013Glamour auf rotem Teppich
08.Mai.2013Produktion und Verwertung
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08.Mai.2013Tanz, Musik, Film und Text

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