„Wir sind alle aus Spirit gemacht“

© Zorro Film Verleih/Media Office. Premiere zu Journey to Jah

Oberflächlich gesehen ist Jamaika ein Urlaubsparadies aus Sonnenschein, Palmenstrand und Reggaemusik. Moritz Springer und Noël Dernesch zeigen in ihrem Dokumentarfilm „Journey to Jah“ ‑ „Die Suche nach Gott“ ‑ die rauhe Seite des Inselstaates. Sie reisen gemeinsam mit dem Kölner Reggae- und Dancehall-Sänger Gentleman alias Tilmann Otto durch Jamaika. Ein Gespräch über sieben Jahre voller Hoffnungen und Zweifel.

globe-M: Zwei Regisseure in Jamaika unterwegs mit Gentleman alias Tilmann Otto. Funktioniert das?

Tilmann Otto: Es war von Anfang an sehr harmonisch. Man spürt relativ schnell, ob man auf einer Wellenlänge ist. Wir hatten alle drei dieselben Hoffnungen und Zweifel, was das Projekt anging und es war völlig klar, wohin die Reise gehen würde. Für mich war das gar kein Act. Ich bin einfach begleitet worden bei dem, was ich sowieso machen würde: in Jamaika sein, Musik machen, Musik schreiben und einfach essentiellen Fragen hinterhergehen.

globe-M: Welche Hoffnungen und Zweifel meinst Du?

Tilmann Otto: In Jamaika zu drehen ist alles andere als einfach. Die Zweifel, ob man wirklich authentische Szenen vor die Kamera kriegt und die Hoffnung, dass man das mit den richtigen Menschen schafft. Aber auch – ich spreche jetzt im Namen von den beiden, obwohl es ist nicht mein Film ist –, ob man das Projekt überhaupt gestemmt kriegt. Also sprich: das Finanzielle. Ob man einen roten Faden reinbekommt und wohin die Reise geht. Ich glaube, so ein langes Filmprojekt von sieben Jahren hat so viele Emotionen in sich. Da ist es schwer, einen gemeinsamen Nenner zu finden, aber den haben wir, glaube ich, alle gefunden.

globe-M: Warum hat es sieben Jahre gedauert, den Film zu machen?

Tilmann Otto: Na, weil gut Dinge Weile haben will.

Moritz Springer: Film ist ein teures Medium und es war uns klar: Wir wollten den Film richtig machen, einen Film, der bei einem breiten Publikum und im Kino funktioniert. Um das zu finanzieren, haben wir das Kickstarterprojekt gestartet.

globe-M: Und darüber habt ihr innerhalb eines Monats 60 000 Dollar bekommen, um den Film zu drehen. Wie schafft man das?

Moritz Springer: Mit viel Einsatz. Wir haben einen Monat lang zwölf Stunden am Tag vor dem Computer verbracht und Leute angeschrieben. Wir wussten, es gibt eigentlich ein Publikum. Die Menschen, denen wir von dem Projekt erzählt haben, waren von Anfang an begeistert und es hat sich auch in dieser Kickstarterkampagne gezeigt, dass die Leute dieses Projekt einfach lieben. Trotzdem war es ein sehr nervenaufreibender Monat. Wir haben jeden Dollar gezählt, der durch die Maschine lief.

Noël Dernesch: Am meisten überrascht haben uns zwei Dinge: Einerseits ist Crowdfunding arbeitsintensiv: Du kannst nicht einfach die Füße auf den Tisch legen und das Gefühl haben, das Geld kommt dann. Das andere aber war die unglaubliche Promo, die wir schon mit Kickstarter machen konnten. Der Film ist einmal rund um die Welt gegangen. Wir bekamen Spenden aus Doha, aus Argentinien, Norwegen … Das war die schöne Seite: Wir hatten ein Stammpublikum für einen Film, den es noch gar nicht gab.

globe-M: „Journey to Jah“ ist auch ein spiritueller Film. Jeder scheint sein eigenes Paradies zu suchen.

Tilmann Otto: Wir sind alle aus Spirit gemacht, aber was das ist, das muss jeder selbst herausfinden. Die Suche, von der „Journey to Jah“ spricht, ist auch meine persönliche Suche. Ich führe gerne Gespräche mit Menschen, in denen es um die essentiellen Fragen geht. Ich glaube, ohne Spirit könnten wir gar nicht zusammen lachen oder es wäre gar keine Kommunikation möglich. Wir könnten gar nicht aufeinander eingehen.

globe-M: Ingesamt dauerte die Arbeit an „Journey to Jah“ sieben Jahre, sechs Mal seid Ihr mit Tilmann nach Jamaika geflogen, Ihr habt Gewalt und Leid im Ghetto miterlebt. Wie hat Euch diese Zeit beeinflusst?

Noël Dernesch: Wir konnten sieben Jahre mit Menschen arbeiten. Da hat sich eine Freundschaft, eine Intimität aufgebaut und diese Intensität und Nähe zu unseren Figuren wäre gar nicht möglich gewesen, wenn wir nicht diese Zeit gehabt hätten. Das merkt man unserem Film auch an.

Moritz Springer: Man kann nicht den Film vom Leben trennen. Das eine ist mit dem anderen verwoben. Das Leben geht weiter, während ich am Drehen bin oder während wir in Jamaika waren. Es war schön, am anderen Ende der Welt zu sehen, wie andere Menschen mit ihren Problemen in ganz anderen, auch schwierigen Lebensumständen, umgehen. Das hilft, den Blick zu öffnen.

globe-M: Seid Ihr euch und eurer Vision treu geblieben?

Moritz Springer: Da bin ich auch stolz auf Noel und mich, dass wir es geschafft haben, diesen Spirit, den wir von Anfang an gespürt haben, und diese Vision durch diese Zeit zu tragen. Auch wenn wir inzwischen ein paar Haare weniger haben und ein bisschen mehr Falten.

 

Weitere Informationen

Der Dokumentarfilm „Journey to Jah“ läuft seit 20. März 2014 im Kino. Auf globe-M: „Journey to Jah“-Rezension

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